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Chance für die Industrie : Warum die Blockchain so viel mehr ist als der Bitcoin

Bauer mit Blockchain? Erste Umsetzungen laufen schon. Bild: Wolfgang Eilmes

Kommt die nächste industrielle Revolution auf Basis einer dezentralen Technologie daher? Nicht nur ein Traktorenhersteller hat das Potential der Blockchain schon erkannt.

          6 Min.

          Blockchain, Kryptowährung, Bitcoin, Token – rund um diese Begriffe herrscht Verwirrung. Kryptowährungen und Token sind für manchen so identisch wie Blockchain und Bitcoin. Dies aber ist ein Fehlschluss. Denn die Blockchain ist vor allem eine Verschlüsselungstechnik, die sich vielfältig nutzen lässt. Das Unternehmen CashOnLedger etwa arbeitet zwar mit der Blockchain-Technik, aber nicht mit Kryptowährungen. Im Gegenteil: Man will herkömmliche Währungen nicht ersetzen, sondern programmierbar machen, um auf diese Weise Zahlungsvorgänge unmittelbar mit dem „Internet der Dinge“ zu verknüpfen.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Während man mit vielen potentiellen Partnern noch über eine mögliche Zusammenarbeit spricht, läuft ein Projekt schon länger. „Es ist dies europaweit das einzige Projekt in diesem Bereich“, sagt Vorstandschef und Mitgründer Serkan Katilmis. Gemeinsam mit dem Traktorenhersteller Lindner hat CashOnLedger ein Modell entwickelt, mit dem ein Traktor nach Nutzung abgerechnet werden kann. „Es ist so ähnlich wie beim Carsharing. Sie kaufen kein Fahrzeug, sondern Mobilität. Denn das ist es ja, was Sie eigentlich brauchen.“ Im Traktor ist ein speziell abgesicherter „Krypto Security Chip“ verbaut. Der Traktor wirft 65 Datenpunkte aus. Damit lässt sich die tatsächliche Nutzung ersehen, die dann monetarisiert werden kann, erklärt Vorstand und Mitgründer Maximilian Forster. So etwa werden andere Stundensätze berechnet, ob der Traktor nur von A nach B fährt oder für schwere Räumarbeiten eingesetzt wird.

          Digitaler Euro wäre optimal

          Diese Daten können für unterschiedliche Zwecke genutzt werden, etwa zur Prüfung von Versicherungsfällen, aber auch für die Zahlung. „Wenn wie bei CashOnLedger Maschinendaten über Vergütung und Wertentwicklung der Maschinen entscheiden, ist es wichtig, dass sie auffindbar, nachvollziehbar, unveränderbar und fälschungssicher gespeichert sind; kurz: revisionssicher. Der Vorteil einer Blockchain gegenüber einer konventionellen Softwarelösung ist, dass diese Eigenschaften bereits in der DNA der Technologie liegen“, sagt der auf Finanzdienstleistungen spezialisierte Rechtsanwalt Marc Pussar von PwC Legal.

          Die Blockchain gewährleistet die Wahrheit der Daten, wo ansonsten auf die Korrektheit der Geschäftspartner oder einen Mittelsmann vertraut werden muss. Mit der Blockchain-Technik wird mit den Daten eine Prüfzeichenfolge (Hash) erzeugt. Werden die Daten geändert, ändert sich auch der Hash – und die Änderung ist dokumentiert. Da bei der Blockchain nun alle Beteiligten auf dieselben Daten (nicht auf Kopien) zugreifen, sind unbemerkte Änderungen ausgeschlossen.

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          Aus den Zahlungsdaten des Traktors kann daher auch eine rechtskonforme Rechnung erstellt werden. Die Zahlung wird allerdings über die Partner-Bank LBBW derzeit im ganz normalen SEPA-System abgerechnet und beglichen. „Ein digitaler Euro wäre natürlich die bessere Lösung, weil dadurch manuelle Prozesse entfallen und das System nahtlos integriert ist“, sagt Forster.

          „Transaktionen auch zwischen Maschinen“

          Noch ist es komplizierter: Der Traktor übermittelt die Rechnungsdaten an die Bank, diese bucht den Betrag auf dem digitalen Konto des Herstellers, dem sogenannten Wallet, als Gutschein (oder Payment Order Token, kurz POT) ein, der dann über das SEPA-System eingelöst werden kann. Diese Lösung sei die Vorstufe für einen digitalen Euro, sagt Katilmis. Eine Alternative wäre, wenn die Banken das Giralgeld in digitale Token umwandelten. Denn dieses ist im Endeffekt nicht wirklich Geld, sondern nur eine Forderung. „Wenn sich die Banken auf einen Standard einigen, der der Industrie entgegenkommt, würde das die Attraktivität unserer Technik immens erhöhen“, sagt Katilmis. Denn tatsächlich begegnen sich hier zwei Welten.

          „Der geltende Rechtsrahmen für Zahlungssysteme ist eine Antwort auf die zwei wesentlichen Fragen: Erwerbe ich etwas von dem dazu Berechtigten? Und habe ich den ersten Anspruch auf die Leistung? Das Vertrauensproblem, das gelöst werden soll, stellt sich mit der Blockchain gar nicht. Denn diese beantwortet beide Fragen sicher und gewährleistet technisch rechtssichere Transaktionen auch zwischen Maschinen“, sagt Anwalt Pussar. Im Grunde sind die Zahlungsmittel von heute ein Fremdkörper in einem komplexen Prozess, der im Grunde die Aufgaben des Rechnungswesens automatisieren könnte. Dinge wie „eine Zwei-Faktor-Authentifizierung, die nach geltendem Recht beachtet werden müsste, ist für Maschinen logisch nicht zwingend“, findet Pussar. Im Augenblick aber komme das Traktorenprojekt der Führung eines Kassenbuchs ohne Ausgleich der Bankkonten gleich.

          Aber Pussar hält dies auch für den richtigen Weg. „Das Produkt wird damit unabhängiger von der Zahlungsverkehrsanbindung. Anpassungen bleiben so leichter möglich, etwa wenn das Geschäftsmodell in andere Länder übertragen werden soll oder sobald der digitale Euro kommt.“ Dieser passe einfach besser in die Logik, weil dann der Zahlungsfluss von der „Wallet“ der Maschine direkt an die Wallet des Empfängers gehen könnte.

          Die Technik steht nicht im Mittelpunkt

          Für Cash-Chef Forster macht die derzeit aufwendige Trennung des Zahlungsvorgangs den Reformbedarf im Geldwesen umso dringlicher. „Wir brauchen einen programmierbaren Euro. Wenn Europa hier nichts tut, wird die verfügbare Recheneinheit diese Rolle übernehmen, sei es nun der Dollar oder womöglich der Yuan. Das stellt vielmehr die Souveränität des Geldes infrage, als dies heutige Kryptowährungen tun.“ Man wolle weder die Banken noch den Euro ersetzen, sekundiert Katilmis. „Unsere Technik macht es vielmehr möglich, Erfahrungen auf dem Weg zu sammeln, den Euro programmierbar zu machen. Deswegen arbeiten wir ja auch in der Entwicklungspartnerschaft mit der Landesbank Baden-Württemberg zusammen. Und am Ende steht die Technik nicht im Mittelpunkt.“

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          Veränderungen bringt diese Art der Abrechnung aber nicht nur für den Zahlungsverkehr. Bei breitem Einsatz eines „Pay-per-use“ für Investitionsgüter würde sich die Bilanzierung gleichsam umkehren. Damit aber die Objekte nicht den Herstellern auf der Bilanz liegen, sieht Katilmis die Zukunft in dem, was er „Asset-as-a-Service“ nennt. Investitionsgüter werden durch Händler gewartet und vermietet, aber von Banken gekauft. Diese könnten Objekte einzeln, gebündelt oder über „Token“, mit denen Ansprüche verbrieft werden, auch in Stücken an Investoren weiterverkaufen. Die blockchainbasierten Nutzungsdaten gäben allen Beteiligten zu jeder Zeit Einblick in Zustand und Ertragskraft des Investitionsobjekts. Das Interesse sei groß, sagt Katilmis. Die Deutsche Bank etwa beschäftige sich intensiv damit.

          Umsatz schrumpft um 17 Millionen

          Aber auch das steht vor rechtlichen Herausforderungen. „Es stellt sich etwa die Frage, wie man Token-Forderungen in einer Bilanz abbildet und wie sich diese auf den Unternehmensgewinn auswirken“, sagt Kai Kremer Repräsentant des Doktorandenprogramms „Research & Work“ von PwC. „Kann und wenn ja wie kann ein Token bei der Gewinnermittlung berücksichtigt werden?“ Es sei für Zwecke der Besteuerung wohl sinnvoll, das Finanzinstrument hinter dem Token als maßgeblich anzusehen. „Das wäre dann ein wesentlicher Unterschied zur steuerlichen Behandlung von Kryptowährungen, bei denen es kein dahinterstehendes Instrument gibt.“

          Dass die Bilanzierung ein echtes Problem ist, erfuhr vor gut zwei Jahren die Staramba SE. Diese hatte den Verkauf eines Tokens als Umsatz verbucht. Doch die Wirtschaftsprüfer sahen die Token als Gutscheine. Aus einem Jahresumsatz von 17,6 Millionen Euro wurden so 330.000 Euro. „Die Tokenisierung von Vermögenswerten ist im Steuerrecht noch nicht ausreichend besprochen“, sagt Kremer. „Es besteht noch nicht einmal eine einheitliche Terminologie.“

          Eine transparente Betrachtung solcher Token werde regelmäßig an der technischen Untergliederung des tatsächlichen Wirtschaftsgutes scheitern. „In einer Steuerbilanz kann kein Bruchteil eines Traktors angesetzt werden; das Token selbst müsste als Wirtschaftsgut bilanziert werden.“ Dabei müsse sichergestellt bleiben, dass etwa der Traktor nicht am Ende in gar keiner Bilanz mehr auftaucht.

          Perspektivisch wäre es wohl sinnvoll, eine Aufteilung zuzulassen, sofern die Summe der Token am Ende wieder das gesamte Wirtschaftsgut repräsentiert. Dann könnten Wirtschaftsgüter in Zukunft durch Tokenisierung auch für das Steuerrecht beliebig unterteilbar und handelbar werden.

          Vertrauensprobleme lösen

          CashOnLedger sind nicht die Einzigen, die an Blockchain-Technik für konventionelle Industrien arbeiten. Dazu werden inzwischen auch Kräfte gebündelt. Erst dieser Tage ist man eine Kooperation mit Peaq eingegangen. Diese Keimzelle der börsennotierten Holding Advanced Blockchain arbeitet derzeit an zwei Lösungen. Gemeinsam mit einer Tochtergesellschaft des japanischen Telekomkonzerns NTT entwickelt man eine blockchain-basierte Sicherheitslösung für die europäischen Rechenzentren des Konzerns.

          „Das Problem an konventionellen Lösungen ist, dass sie grundsätzlich immer so verändert werden können, dass diese Veränderungen nicht nachvollziehbar sind. Im besten Fall von Mitarbeitern mit entsprechenden Zugriffsrechten, im schlimmsten Fall von Außenstehenden wie Hackern“, erklärt Advanced-Blockchain-Chef Michael Geike. „Verwaltet man die Zugriffsrechte aber auf Basis einer Blockchain, müssten dafür alle Zugriffsrechte gleichzeitig verändert werden, weil sonst die veränderte Blockchain vom System nicht mehr akzeptiert würde. Das ist praktisch ausgeschlossen.“ Auf diese Weise gewinnt NTT mehr Kontrolle über den Zugriff. Auch Peaq, sagt Geike, könnte nicht unbemerkt auf die Daten zugreifen, sodass der Auftraggeber auch Unabhängigkeit vom Dienstleister gewönne. „Bei konventioneller Programmierung kann man dagegen immer eine Hintertür einbauen“, sagt Geike.

          Mit der zweiten Anwendung will Peaq die E-Mobilität voranbringen. Hierbei soll ein offenes und herstellerunabhängiges Lade- und Bezahlsystem helfen. Seit zwei Jahren arbeite man mit einer großen deutschen Automobilgruppe daran. Jedes Auto und jede Ladesäule hätte auf einer dezentralen Plattform eine eigene Identität. Durch einfache Authentifizierung des Fahrzeugs an der Ladesäule könnte der Ladeprozess beginnen, die Säule rechnet selbständig ab. Seit kurzem ist Peaq daher als erstes Blockchain-Software-Unternehmen Mitglied im Verband der Automobilindustrie (VDA). Nun wollen Peaq und CashOnLedger ihre Technik kombinieren.

          Auch im Handel könnte die Blockchain bestehende Vertrauensprobleme lösen. Mark Hawtin, Investment Director bei GAM Investments, verweist etwa auf das Geschäft mit den sogenannten „Non-Fungible Tokens“ (NFT). Dadurch würden breite Anwendungsgebiete erschlossen. So könnte man etwa das stark von Betrug geprägte Konzertkartengeschäft vertrauenswürdig gestalten. Jedes Ticket ließe sich mit einer eigenen digitalen Identität hinterlegen. Auch ließen sich damit die Ticketbestimmungen verwalten, etwa das explizite Verbot eines Weiterverkaufs.

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