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Abgasnormen : Daimler und VW verfehlen CO2-Ziele klar

Den Absatz von Elektroautos zu steigern ist für Autohersteller essentiell, um die Abgasnormen einzuhalten. Bild: dpa

Andere Autohersteller haben es geschafft, den CO2-Ausstoß von Neuwagen unter den Grenzwert zu senken. VW und Daimler hinken weiter deutlich hinterher. Ihnen drohen jetzt hohe Strafen.

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          Die Tonlage hat sich verändert. Der Verband der deutschen Autoindustrie warnt zwar weiter vor einer Überforderung der Branche durch zu strikte Klimaziele. Der Volkswagen-Konzern aber nannte es „prinzipiell umsetzbar“, als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Verschärfung des CO2-Einsparziels der EU für das Jahr 2030 auf 55 Prozent vorschlug. Der Konzern arbeitet mit Hochdruck daran, sich ein grünes Image zu geben. Auch Daimler will sich neu erfinden und den Anteil an Elektroautos am Absatz bis zum Jahr 2030 auf 50 Prozent steigern.

          Hendrik Kafsack
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Zunächst müssen die Konzerne aber die aktuellen CO2-Grenzwerte einhalten. Im EU-Durchschnitt darf der Ausstoß der Neuwagen in den Jahren 2020 und 2021 maximal 95 Gramm je Kilometer betragen – wobei jeder Hersteller einen anderen Beitrag dazu leisten muss. Wie eine Studie des Klimaverbands „Transport & Environment“ zeigt, die an diesem Montag vorgestellt werden soll, drohen vor allem die deutschen Hersteller, mit Ausnahme von BMW, ihre Flottenziele klar zu verfehlen. Die Studie liegt dieser Zeitung vor. Ausgerechnet VW und Daimler schneiden besonders schlecht ab. Nur Jaguar ist, auf Basis der Verkäufe im ersten Halbjahr, weiter von seinem Ziel entfernt. Für Daimler beträgt die Lücke 9 Gramm je Kilometer, für Volkswagen sind es 5 Gramm.

          VW und Daimler drohen damit trotz des Absatzrückgangs in der Corona-Krise Milliardenstrafen. Für jedes Gramm zu viel fallen 95 Euro je Fahrzeug an. Holt Volkswagen nicht auf, müsste der Konzern 2020 mehr als 1 Milliarde Euro zahlen. Für Daimler wäre es immerhin eine halbe Milliarde Euro. Dabei profitieren beide Konzerne noch davon, dass 2020 die 5 Prozent der Flotte mit dem höchsten CO2-Ausstoß nicht berücksichtigt werden. Für das Jahr 2021 gilt das nicht mehr, was die Lücke für Daimler um 6 Gramm und für VW um 4 Gramm erhöht. Andere Hersteller schneiden viel besser ab. Die französische PSA-Gruppe, zu der Peugeot, Citroën und Opel gehören, hat ihr Flottenziel um 3 Gramm übertroffen. Auch Volvo und Fiat-Chrysler, das stark von seiner Zusammenarbeit mit Tesla profitiert, haben ihre Ziele erreicht. BMW ist nur 0,3 Gramm davon entfernt.

          CO2-Ziele sind durchaus erreichbar

          Das Gesamtbild ist trotz Volkswagen und Daimler durchaus überraschend positiv. Vor nicht allzu langer Zeit warnten Autovertreter noch davor, dass die Ziele für das Jahr 2020 unmöglich zu erreichen seien. Fachleute rechneten mit Strafen in zweistelliger Milliardenhöhe. Für VW allein setzten sie 4,5 Milliarden Euro für das Jahr 2021 an.

          Tatsächlich sank der CO2-Ausstoß der Neuwagen nach einem mehrjährigen Anstieg im ersten Halbjahr dieses Jahres auf durchschnittlich 111,2 Gramm. Im Jahr 2019 waren es noch 122,4 Gramm. Einen so starken Rückgang gab es noch nie. Hauptgrund dafür ist der – von Corona-Konjunkturprogrammen geförderte – Anstieg des Verkaufs von Elektroautos, schreiben die Autoren der Studie. Ihr Anteil am Verkauf werde in der EU von 3 Prozent auf bis zu 10 Prozent 2020 und auf 14 Prozent 2021 steigen.

          Auch VW und Daimler können ihre Ziele noch erreichen. VW dürfte von seinen neuen Elektrofahrzeugen wie dem ID.3 und ID.4 profitieren. Daimler könne einen Großteil seines Abstands aufholen, indem es mehr Plug-in-Hybride der E-Klasse, C-Klasse oder A-Klasse verkaufe, deren Absatz stark zugenommen habe, heißt es in der Studie. Der Konzern könnte zudem seinen Ausstoß mit dem anderer Hersteller wie Volvo oder PSA zusammenlegen, die ihre Ziele übererfüllen, müsste aber dafür natürlich bezahlen. Die EU-Regeln erlauben solche „Pools“.

          Klimaschützer warnen vor Plug-in-Hybriden

          „Die Autohersteller sind auf Kurs, um ihre Ziele für 2020 zu erreichen und Geldstrafen zu vermeiden“, betont Stef Cornelis, Deutschland-Direktor von Transport & Environment. Die Abgasnormen brächten mehr Elektroautos zu immer besseren Preisen für deutsche Autofahrer. Wenn die CO2-Vorgaben nicht weiter verschärft würden, werde der Anteil der Elektrofahrzeuge am Verkauf innerhalb der nächsten vier Jahre aber nur noch auf 20 Prozent steigen, warnen die Klimaschützer. Problematisch sei auch, dass es sich bei der Hälfte aller verkauften Elektrofahrzeuge um „Fake“-Plug-in-Hybride handele, die selten aufgeladen würden. Die EU müsse spätestens das Jahr 2035 als Enddatum für den Verkauf von Verbrennungsmotoren und solcher Plug-in-Hybride festlegen.

          Die Europäische Kommission will bis zum Sommer 2021 Vorschläge dafür vorlegen, wie sie den Ausstoß im Verkehrssektor bis 2030 senken will. Eine Option ist, die Grenzwerte für Neuwagen zu verschärfen. Im Gespräch ist eine Kürzung um 50 Prozent, verglichen mit den derzeit geltenden 95 Gramm. Bisher müssen die Hersteller den Ausstoß um 37,5 Prozent senken.

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