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Wichtigste Handelswährung : Die Macht des Dollars wird zum Ärgernis

Wer kommt ohne aus? Bild: AP

Außenminister Maas will mehr Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Deshalb fordert er eine Alternative zum internationalen Zahlungssystem. Doch die Gründe für die Dollar-Dominanz sind sehr viel komplizierter.

          4 Min.

          Außenminister Heiko Maas (SPD) will die Abhängigkeit der europäischen Wirtschaft von den Vereinigten Staaten und vom Dollar verringern. Darum hat er nun für eine Stärkung der europäischen Autonomie geworben. Er fordert unabhängige Zahlungskanäle. Dazu gehöre der Aufbau eines Europäischen Währungsfonds und ein unabhängiges Swift-Zahlungssystem, schreibt er in einem Gastbeitrag im „Handelsblatt“.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Gerald Braunberger
          Herausgeber.
          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Die Union hat grundsätzlich begrüßt, sich mit Blick auf die Iran-Sanktionen im internationalen Zahlungsverkehr unabhängiger von Amerika zu machen. „Ich finde den Vorschlag bedenkenswert“, sagte der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jürgen Hardt, am Mittwoch. Es müsse jedoch berücksichtigt werden, dass Deutschland und Amerika über den Handel eng verflochten seien. Dies sei auch der Grund, weshalb das Zahlungssystem Swift in seiner aktuellen Form bestehe. Kanzlerin Angela Merkel verwies auf das Swift-Abkommen, das für die Frage der Bekämpfung von Terrorfinanzierung entscheidend sei. Man brauche hier eine enge Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten. Schon im Mai hatte der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire den Aufbau eines europäischen Zahlungssystems vorgeschlagen, um das von den Vereinigten Staaten kontrollierte Swift-System umgehen zu können.

          Unternehmen brauchen Zugang zum Dollar

          Rund 60 Prozent des Welthandels werden in Dollar abgewickelt. Das bedeutet, Unternehmen und Banken benötigen Zugang zum Dollar und damit zum amerikanischen Markt. Wenn sie Geschäfte mit Iran abschließen, können sie in Zukunft wieder amerikanische Sanktionen treffen – unabhängig davon, ob die Zahlungen über Swift oder andere Kanäle laufen. Dem Zahlungssystem Swift sind mehr als 10.000 Banken angeschlossen.

          Die im belgischen Hulpe ansässige Gesellschaft gilt als Rückgrat im internationalen Zahlungssystem. Fachleute schätzen, dass jede zweite große grenzüberschreitende Überweisung über Swift-Nachrichten läuft. Iranische Banken waren im Atomstreit fast vier Jahre bis Anfang 2016 von Swift ausgeschlossen aufgrund internationaler Sanktionen. Sie mussten über andere Standorte wie Dubai internationale Transaktionen tätigen, was sehr umständlich war. Das droht ihnen nun wieder, weil die Amerikaner ihre Sanktionen erneuern wollen.

          Alternativen zu Swift, wie sie zuletzt Russland erwogen hat, dürften schwerfallen, denn Swift hat sich als Netzwerk im Zahlungsverkehr seit 1973 etabliert. Die Genossenschaft gehört den Banken und wird von den G-10-Notenbanken beaufsichtigt. Die Versuche der amerikanischen Behörden, Zugriff zu den Swift-Daten zu bekommen, sorgten schon einmal für einen Streit mit der Europäischen Union. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wertete das amerikanische Finanzministerium Swift-Daten aus, um Erkenntnisse über die Terrorismusfinanzierung zu erhalten. Um die EU-Bürger und ihre Daten zu schützen, schlossen die EU und die Vereinigten Staaten ein Swift-Abkommen. Nun erhalten die amerikanischen Behörden nur noch Zugriff auf EU-Daten, wenn Europol als Kontrollbehörde die Anträge geprüft hat. Im Jahr 2013 säte Edward Snowden, ehemaliger Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes NSA, Zweifel. Nach seinen Angaben überwacht die NSA das Swift-System weiterhin.

          Die Macht des Dollars reicht weit

          Die Macht des Dollars, die Maas und anderen ein Dorn im Auge ist, beruht auf ganz anderen ökonomischen Zusammenhängen, vor allem auf einer Verbindung seiner Funktionen als Handels-, Finanzierungs- und Anlagewährung. Als Handelswährung reicht die Rolle weit über den unmittelbaren wirtschaftlichen Einfluss der Vereinigten Staaten hinaus. So werden fast alle Rohstoffgeschäfte in der Welt in Dollar abgerechnet und bezahlt, auch dann, wenn weder Käufer noch Verkäufer aus den Vereinigten Staaten stammen.

          Sehr stark zeigt sich die Dominanz des Dollars als Handelswährung unter anderem in Schwellenländern, aber auch in manchen Industrienationen. Nach Berechnungen der Ökonomin Gita Gopinath bezahlt beispielsweise die Türkei 60 Prozent ihrer Einfuhren in amerikanischer Währung, obgleich nur 7 Prozent der Einfuhren aus den Vereinigten Staaten stammen. Länder wie Südkorea, Kanada, Japan und Australien bezahlen sogar mehr als 80 Prozent ihrer Einfuhren in amerikanischer Währung.

          Die Importeure in diesen Ländern müssen sich die notwendigen Dollar beschaffen meist über Banken. Daher ist es nicht erstaunlich, dass in diesen Ländern die Banken sehr hohe Dollar-Schulden haben. Die Banken leihen sich die Fremdwährung zumeist bei internationalen Banken, oder sie geben Wertpapiere auf Dollar aus. Dies stärkt die Rolle des Dollars als internationale Finanzierungswährung. Das aktuelle Beispiel der Türkei-Krise zeigt die mit einer hohen Auslandsverschuldung in Dollar verbundenen Risiken, wenn der Dollar am Devisenmarkt an Wert gewinnt und die Zinsen auf Dollarkredite steigen. Viele Krisen in Schwellenländern entstanden aus einer zu hohen Verschuldung heimischer Banken und Unternehmen in Dollar.

          Bis der Yuan den Dollar ablöst, dauert es noch

          Die Rolle des Dollars als Handels- und Finanzierungswährung stützt in Verbindung mit dem Ruf der Vereinigten Staaten, in Krisenzeiten ein sicherer Hafen für Kapitalanleger zu sein, die Bedeutung als Anlagewährung. Denn viele Exporteure außerhalb der Vereinigten Staaten erhalten Einnahmen in Dollar, die sie zumindest zum Teil anlegen wollen. Auf diese Weise sind in einigen ölexportierenden Staaten – zum Beispiel in Norwegen, Abu Dhabi und Saudi-Arabien – riesige Staatsfonds entstanden, die große Bestände an amerikanischen Wertpapieren halten. Außerdem halten viele Zentralbanken einen großen Teil ihrer Reserven in Dollar. Durch die hohe Bedeutung des Dollars für die Weltwirtschaft wird die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Federal Reserve zu einem wichtigen Einflussfaktor für die internationalen Finanzmärkte.

          China, die zweitgrößte Wirtschaft der Welt, träumt schon lange davon, dass seine Währung Yuan (Renminbi) den Dollar einmal als Reservewährung ablöst, der in den Augen der Chinesen Amerika einen unfairen Vorteil bringt. Solange China seinen Kapitalverkehr nicht öffnet, dürfte das aber noch dauern. Gegenüber der Zeit vor 2015, als die Regierung begann, mit insgesamt 1 Billion Dollar an Devisenverkäufen den Yuan vor massivem Wertverfall zu retten, ist die Nutzung des Yuans (Renminbis) in der Welt sogar zurückgegangen: von einst knapp 3 Prozent Anteil an den internationalen Zahlungen auf nur noch 1,8 Prozent im Juni.

          Sollte das Reich der Mitte mehr und mehr den Welthandel dominieren, könne der Dollar an Dominanz stark verlieren, schreibt Harvard-Professor Jeremy Stein. Auch seine Importe will China nutzen, um den Dollar anzugreifen – zum Beispiel im Handel mit Öl, von dem das 1,4-Milliarden-Einwohner-Land so viel einführt wie kein anderer Staat. Im März legte Schanghais Internationale Energiebörse zum ersten Mal in Yuan notierte Öl-Terminkontrakte auf. Der Kursverlust des Yuans in den Folgemonaten von rund 10 Prozent zeigt indes, wie riskant es ist, Wetten in chinesischer Währung abzuschließen.

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