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Automobil : Warum der PSA-Deal für die Fiat-Erben so attraktiv ist

Bis zum ersten Quartal 2021 sollte die Fusion abgeschlossen werden, die Ende Oktober 2019 von Autoherstellern Fiat-Chrysler und PSA vereinbart wurde. Bild: Reuters

Mitten in der Corona-Krise entsteht eine Debatte um eine milliardenschwere Sonderdividende für die Italiener. Doch Unternehmenspräsident Elkann bleibt hart. Indessen könnten sich für Opel neue Chancen ergeben.

          5 Min.

          Die derzeit größte Fusion der Autobranche wird auf halbem Weg von der Viruskrise überrollt: Bis zum ersten Quartal 2021 sollte die Fusion abgeschlossen werden, die Ende Oktober 2019 von Autoherstellern Fiat-Chrysler (FCA) und PSA (Marken Peugeot, Citroen, Opel) vereinbart wurde. Konditionen und Nutzen der Fusion werden nun noch einmal in der Öffentlichkeit auf den Prüfstein gestellt, vor allem von Stimmen auf französischer Seite, die noch einmal Nachbesserungen zugunsten von PSA verlangen.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Der Präsident von Fiat-Chrysler, John Elkann, ist nun herausgefordert. Elkann kommentierte die Forderungen aus Frankreich: „Die Verträge sind in Stein gemeißelt“. Das heißt für ihn, dass er keinerlei Veränderungen akzeptieren will. Zugleich muss sich Elkann dennoch der Frage stellen, ob die Fusion immer noch genauso viel Sinn macht wie im Herbst 2019 und ob der Nutzen für beide Seiten der gleiche geblieben ist.

           Die französische Autogruppe steht auf dem europäischen Automarkt ungleich besser da als Fiat-Chrysler, mit einer moderneren Modellpalette, die vor allem auf zwei Plattformen aufbaut. Durch diese technischen Gemeinsamkeiten werden die Kosten gesenkt, zudem erreicht man schneller die Rentabilität für neue elektrische Antriebe oder „Plug-in-Hybride“ – Autos, die kurze Strecken von 30 bis 50 Kilometer elektrisch und den Rest mit Verbrennungsmotor zurücklegen können. PSA verkaufte im ersten Halbjahr in Europa 885.000 Autos, nach einem Absatz von 3 Millionen Fahrzeugen 2019. Fiat-Chrysler lieferte in Europa im ersten Halbjahr 2020 nur 312.000 Fahrzeuge aus, weniger als die Hälfte als im Vorjahr. 2019 hatte Fiat-Chrysler in Europa 1,2 Millionen Autos verkauft.

          Zu wenig investiert

          Ein Blick auf den europäischen Markt offenbart alle Schwächen von Fiat-Chrysler, die während der vergangenen Jahre noch größer geworden sind: Die Modellpalette ist überaltert, es gibt nur zwei einzelne Vorzeigeprojekte für ein Elektroauto und zwei Jeeps mit Plug-in-Hybrid-Antrieb. In die einzelnen Marken wurde zu wenig investiert, vor allem nicht mit langfristig verfolgten, schlüssigen Konzepten. Fiat selbst war während einer Analystenkonferenz 2010 noch als Hersteller von praktischen oder von jugendlich-frechen Autos präsentiert worden. Vier Jahre später war die Marke dem damaligen Konzernchef Sergio Marchionne nicht einmal mehr eine Erwähnung wert. Die traditionsreiche Marke Lancia, die in der Frühzeit des Autos für gediegenen Luxus und viele Innovationen stand, ist so gut wie tot.

          Im Moment lebt sie nur noch weiter mit dem viertürigen Kleinstwagen Ypsilon auf Basis des Fiat 500. Lancia war gegen die Natur der Marke mit Rallye-Weltmeistertiteln auf sportlich getrimmt worden, bevor Fiat dann 1987 die italienische Sportmarke par excellence übernahm – Alfa Romeo. Die Investitionen für die Modelle und die Marke Lancia wurden dann immer weiter ausgedünnt. Doch auch das Potential des Namens Alfa Romeo blieb ungenutzt. 2014 wurden Investitionen von 5 Milliarden Euro für acht neue Alfa Romeos versprochen, die bis 2018 vorgestellt sein sollten und die jährlichen Verkaufszahlen auf 400.000 Stück erhöhen sollten. In der traurigen Realität blieb es bei zwei neuen Modellen und einem Viertel der angestrebten Absatzzahlen.

          Bild: F.A.Z.

          Doch zumindest nach außen hin tut man bei Fiat-Chrysler solche Darstellungen mit einem Schulterzucken ab. Für Gewinne im Konzern habe während der vergangenen Jahre ohnehin nicht die europäische Autosparte gesorgt, sondern alleine das Nordamerika-Geschäft mit der Geländewagenmarke Jeep und mit den in Europa gar nicht angebotenen übergroßen Pick-Ups und Gelände-Trucks der Marke Ram. Fiat-Chrysler verkaufte 2019 in Nordamerika alleine 2,4 Millionen Fahrzeuge, mit einem operativen Ergebnis von 6,7 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2020 wurden wegen der Viruskrise in Nordamerika nur 700.000 Fahrzeuge abgesetzt, und Nordamerika war der einige Kontinent des Konzerns, der keinen Verlust schrieb, sondern einen operativen Ertrag von 587 Millionen Euro erzielte. Nun hofft Fiat-Chrysler auf eine schnelle Überwindung der Krise mit der für die Vereinigten Staaten typischen raschen Erholung des Marktes.

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