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Maßnahmen gegen das Virus : Warum der Corona-Lockdown in manchen Ländern strenger war

Wahlkampf in Corona-Zeiten: Präsident Trump hält Abstand zu den Massen, aber für eine Wiederwahl erscheint ihm ein lockerer Kurs vielversprechender. Bild: dpa

Die Anti-Corona-Maßnahmen fallen überall auf der Welt unterschiedlich aus. Forscher gehen der Frage nach, woran das liegt. Mit Pech hat es auch zu tun.

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          Warum sind die Anti-Corona-Maßnahmen in manchen Länder so viel strenger als in anderen Ländern? Diese Frage wird die Wissenschaft wahrscheinlich noch lange beschäftigen. Einige Gründe liegen auf der Hand: Wie stark ein Land vom Virus getroffen wurde etwa, was wiederum von vielen anderen Faktoren abhängig ist.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wissenschaftler haben zudem ausgemacht, dass die Menschen gerade in jenen Regionen eher Abstand halten, in denen der soziale Zusammenhalt größer ist. Länder mit populistischen und rechten Regierungen haben in den ersten Corona-Monaten weniger starke Beschränkungen eingeführt, hat ein Wissenschaftler der renommierten Bocconi-Universität in Mailand herausgefunden.

          War es Pech?

          Autokratien haben strengere Lockdowns eingeführt und stärker auf Kontaktnachverfolgung gesetzt, war das Ergebnis von Untersuchungen von Wissenschaftlern aus Oxford. Demokratische Länder seien dafür erfolgreicher darin, die Mobilität der Menschen zu reduzieren, weil die Bevölkerung den Maßnahmen der Regierung eher Folge leiste. Zudem hätten Menschen in kollektivistischeren Ländern ihre Reisetätigkeit stärker eingeschränkt als Menschen, die in individualistischer geprägten Ländern leben.

          Viel wurde auch darüber diskutiert, welche Rolle der Grad der Zentralisierung eines Staates spielt: Hilft es Ländern tendenziell, wenn sie föderal organisiert sind, weil sie damit besser auf lokale Ausbrüche reagieren können, oder schadet es, weil dann der oft bemühte „Flickenteppich“ entsteht, den nur eine Zentralregierung zu einem Perserteppich mit einem hübsch symmetrischen Muster weben kann?

          Zwei Forscher der New York University (NYU) haben nun einen weiteren Grund ausgemacht, der nahelegt, dass manche Länder, darunter die Vereinigten Staaten, vielleicht einfach Pech hatten – Pech, dass die nächste Wahl vor der Tür stand, als das Virus ins Land kam, und dass der Amtsinhaber wieder antreten kann. Vielleicht wäre der dortige Präsident Donald Trump zum Anti-Corona-Hardliner geworden, wäre die Wahl erst in zwei oder drei Jahren gewesen.

          Für Deutschland könnte das heißen, dass Kanzlerin Merkel das Land auch dadurch vor Schlimmerem bewahrt hat, dass sie Ende 2018 angekündigt hat, bei der nächsten Bundestagswahl nicht wieder antreten zu wollen – und sich damit keine Sorgen um ihre Wiederwahl zu machen brauchte.

          Denn viele Politiker – und das hat weniger mit Pech zu tun – haben sich in ihren Reaktionen auf das Virus von Sorgen um die Wiederwahl leiten lassen, haben die Politikwissenschaftler in einer Studie, die als Arbeitspapier im angesehenen National Bureau of Economic Research (NBER) veröffentlicht wurde, herausgefunden. Demnach hat es die Strenge der Maßnahmen beeinflusst, ob der Amtsinhaber abermals zur Wahl antreten darf oder ob die Verfassung das untersagt, weil die Zahl der Amtszeiten limitiert ist. Ebenso spielt es eine wichtige Rolle, wann die nächste Wahl stattfindet.

          Sorge um die Wirtschaft

          Die Ergebnisse: Die Maßnahmen in einem Land sind fast um ein Viertel weniger streng, wenn der Amtsinhaber wieder gewählt werden kann. Und wenn diese Wahl bald ansteht, sind die Maßnahmen nochmal laxer ausgefallen: Mit jedem Jahr weniger bis zur Wahl werden die Maßnahmen um 8 Prozent weniger streng – allerdings nur, wenn der Amtsinhaber tatsächlich wieder antreten kann.

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