https://www.faz.net/-gqe-9t3ia

Deutsche Einheit : Warum das Geld nicht glücklich machte

Da war die Freude groß: Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer am 11.11.1989. Bild: dpa

In der alten Bundesrepublik galt das Streben nach Wohlstand als Bollwerk gegen den Nationalismus. Im Osten hat das nur bedingt funktioniert. Die jüngsten Landtagswahlen zeigen: Immer mehr Bürger stellen das Nationale wieder über das Materielle.

          7 Min.

          Ausgerechnet ein Literaturkritiker nahm den Materialismus in Schutz. Als die Ostdeutschen bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 zur Enttäuschung vieler Intellektueller die Parteien der Bürgerrechtler verschmähten, weil sie möglichst schnell die D-Mark haben wollten, verteidigte Hellmuth Karasek in einem langen Essay den „Bananen-Patriotismus“ der Landsleute. „Dass die neue deutsche Revolution Butter statt Kanonen will“, schrieb er, „sollte ihr die Linke am wenigsten vorhalten.“ Schließlich hatten die Appelle, den idealistischen Kampf fürs Vaterland über das materielle Wohlergehen zu stellen, die Deutschen in zwei mörderische Weltkriege gestürzt. Ein gesunder Hedonismus, so durfte man annehmen, konnte vor Rückfällen schützen. Schließlich waren auch die Westdeutschen durch das Wirtschaftswunder zu friedvollen Demokraten gereift.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Heute, knapp drei Jahrzehnte später, scheint die Sache nicht mehr so eindeutig zu sein. Bei den jüngsten Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen erhielt eine Partei jeweils rund ein Viertel der Stimmen, die das Nationale nun doch wieder über das Materielle stellt. Es stört die Wähler nicht, dass sie ihre wirtschaftliche Lage dadurch eher verschlechtern. Nach den Abwanderungswellen der neunziger Jahre behindert kaum etwas den Aufschwung im Osten so sehr wie der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, die AfD lehnt Einwanderung trotzdem ab.

          Die Wahlergebnisse selbst wirken abschreckend auf Beschäftigte und Investoren. Selbst eine Großstadt wie Dresden hat seit den Pegida-Demonstrationen an Attraktivität verloren und wurde vom liberaleren Leipzig überholt, aber die Anhänger der Rechtsaußenpartei lassen sich dadurch nicht irritieren.

          Globaler Trend: Bei Wahlen geht es mehr um Identität als um Geld

          Haben die ostdeutschen Wähler, zumindest ein beträchtlicher Teil davon, also dem globalisierten Materialismus adieu gesagt, der um das Jahr 1990 auch weltweit Konjunktur hatte? Es ist ja kein Zufall, dass wenig später das Team des Amerikaners Bill Clinton die Formel ersann, in Wahlkämpfen komme es allein auf die Wirtschaft an: „It’s the economy, stupid!“ Und es entspricht ebenso einem globalen Trend, dass sich Politiker und Politologen inzwischen allenthalben von dieser Idee verabschiedet haben: Bei Wahlen und Abstimmungen gehe es mehr um Identität als ums Geld, heißt es nun, seit Donald Trump die Wahl in den Vereinigten Staaten gewann und die Briten mit knapper Mehrheit für den wenig gewinnträchtigen Austritt aus der Europäischen Union stimmten.

          Bärbel Reinke am Brandenburger Tor (Oktober 2019) Öffnen

          Aber ganz so einfach ist es nicht. Zum einen hat das Frustrationsgefühl in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung seine Ursache auch darin, dass sich die materiellen Erwartungen des Jahres 1990 nicht erfüllt haben – ganz gleich, ob die Lage wirklich so unbefriedigend ist oder bloß die Hoffnungen übertrieben waren. Zum anderen verhält es sich mit dem Materialismus um einiges komplizierter, als die zum Geld bekehrten Intellektuellen wie Karasek damals glaubten: Verteilungsfragen lassen sich nicht losgelöst von dem Problem betrachten, wer zu einer Solidar- oder Zugewinngemeinschaft eigentlich dazugehört, zu einem gemeinsamen Sozialstaat etwa, einem Binnenmarkt oder einer Währungsunion, wem mit Subventionen und Investitionszuschüssen unter die Arme gegriffen wird und welchen Preis er am Ende selbst dafür bezahlen muss. Das alles fällt nicht weiter auf, wenn alles in ruhigen Bahnen verläuft. In Zeiten eines plötzlichen Umbruchs verlangen solche Fragen plötzlich nach Antworten – mit Folgen, die oft erst eine Generation später ans Tageslicht kommen.

          Im Winter 1989/90 schienen die Verhältnisse in dieser Hinsicht ziemlich klar zu sein. Als die Berliner in der Nacht des 9. November auf einer Mauer tanzten, die ihren Schrecken gerade verloren hatte, schossen zwar auch den meisten Westdeutschen in Freiburg oder Bonn die Freudentränen in die Augen. Dass sich durch den welthistorischen Umbruch auch für sie selbst etwas ändern würde, zogen sie allerdings nicht in Betracht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rennen um SPD-Spitze : Das Duell der Ungleichen

          Scholz zieht den Säbel, Geywitz sekundiert: Ihre Gegner, Esken und Walter-Borjans, Lieblingskandidaten der Jusos, sehen im direkten Duell der SPD-Spitzenkandidaten blass aus. Ein Abend im Willy-Brandt-Haus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.