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Wahlkampf : Warum Baerbock und Scholz im reichen Potsdam antreten

  • -Aktualisiert am

Besucherinnen vor dem Schloss Sanssouci in Potsdam Bild: dpa

Zwei der drei Kanzlerkandidaten treten in Potsdam an: Annalena Baerbock und Olaf Scholz. Das sagt einiges über Deutschland und seine Luxusprobleme. Eine Erkundung vor Ort.

          7 Min.

          Wer etwas über Potsdam erfahren will, muss vielleicht einen Immobilienmakler fragen. Die Firma Dahler & Company ist auf Luxusobjekte spezialisiert, gern mit Seezugang, in jedem Fall mit viel Grün. Als Erstes führen sie zu einer Villa an den Hängen des Pfingstbergs. Zu Füßen des Swimmingpools plätschert ein künstlicher Wasserfall. Der Käufer, ein Mediziner, ist glücklich über sein frisch erworbenes Paradies.

          „Potsdam ist mit Abstand die teuerste Stadt Ostdeutschlands, sozusagen das München des Ostens“, sagt Phillip Carstens, Gesellschafter der Maklerfirma. „Für Seegrundstücke gilt das noch mehr: Wasser ist magisch, am Wasser kann man fast jeden Preis durchsetzen.“ Und sein Kompagnon Stefan Hamann ergänzt: „In den Neunzigerjahren bekam man in Babelsberg noch eine unsanierte Villa am Wasser für 300 000 Mark. Zehn Jahre später gingen die Preise schon in Richtung einer Million. Heute gibt es für eine sanierte Villa mit Wassergrundstück keine Obergrenzen mehr. Da zahlen Sie von sechs Millionen Euro an aufwärts, teilweise sogar bis zu zehn Millionen.“

          Das ist also die Stadt, in der sich ausgerechnet der linkere Teil der politischen Mitte das zentrale Duell der nächsten Bundestagswahl liefert. Annalena Baerbock tritt in diesem Wahlkreis an, die furios gestartete und nun im Sinkflug begriffene Kanzlerkandidatin der Grünen. Auch Olaf Scholz bewirbt sich um das Direktmandat, der Vizekanzler von der SPD, der im Rennen um das Amt des Regierungschefs zwischenzeitlich nur noch als Außenseiter galt.

          Stefan Hamann (links) und Phillip Carstens haben gerade wieder ein Haus verkauft.
          Stefan Hamann (links) und Phillip Carstens haben gerade wieder ein Haus verkauft. : Bild: Andreas Pein

          Beide leben schon lange in Potsdam. Baerbock bemühte sich schon zweimal vergeblich um die Eroberung des Wahlkreises, über die brandenburgische Landesliste rückte sie trotzdem 2013 und 2017 in den Bundestag ein. Scholz kam über die Familie hierher, seine Ehefrau übernahm 2017 das brandenburgische Bildungsministerium, wenige Monate später wechselte der vormalige Hamburger Bürgermeister als Finanzminister nach Berlin, wodurch er eine Fernbeziehung vermied und die Pendeldistanz drastisch reduzierte. Würde er wie Baerbock den Regionalexpress nehmen, käme er in 30 Minuten ins Regierungsviertel.

          So kommt es also, dass gegen den Christdemokraten Armin Laschet aus dem 600 Kilometer entfernten Aachen, der Kaiserstadt Karls des Großen, ausgerechnet zwei Bewerber aus Potsdam antreten, der Stadt des Preußenkönigs Friedrichs des Großen und des letzten Kaisers Wilhelm II. Ein Idyll aus Schlössern, Parks und Seen, das bei aller Schönheit auch hin- und hergerissen ist zwischen Geschichte und Gegenwart, Ost und West, überbordendem Wohlstand und gewöhnlichem Alltagsleben.

          „Wir sind nicht nur die Stadt der Schönen und Reichen“

          Aber was ist das überhaupt für eine Stadt, die dadurch in den Fokus rückt? Führen Baerbock und Scholz in Potsdam ein Luxusleben, das weit entfernt ist von der Wirklichkeit im Land – ganz ähnlich wie der Gesundheitsminister in seiner Dahlemer Villa, die sogar ohne Wasserzugang ein Potsdamer Preisniveau erreicht? Und was sagt das über die Republik, dass das rot-grüne Kandidatenduell ausgerechnet in der brandenburgischen Landeshauptstadt stattfindet?

          Oberbürgermeister Mike Schubert, SPD, mit der Baustelle der Garnisonkirche im Hintergrund
          Oberbürgermeister Mike Schubert, SPD, mit der Baustelle der Garnisonkirche im Hintergrund : Bild: Andreas Pein

          Nicht viel, findet Mike Schubert. Der jungenhafte 48-Jährige führt seit knapp drei Jahren die Geschäfte der Stadt. Er ist in Potsdam aufgewachsen, ein Sozialdemokrat wie Scholz und sämtliche Vorgänger seit der politischen Wende von 1989. „Potsdam ist normaler, als mancher glaubt“, behauptet er frech. „Wir sind nicht nur die Stadt der Schönen und Reichen, wie es jetzt heißt, und wir waren auch nie die Hauptstadt der Jammer-Ossis, wie es in den Neunzigern mal hieß. Aber wir sind nun mal eine diskussionsfreudige Stadt. Überspitzt gesagt: Wie es in Deutschland 83 Millionen Bundestrainer gibt, so haben wir in Potsdam 180 000 Architekten und Stadtplaner.“ Also so viele, wie die Stadt Einwohner zählt.

          Was er damit meint, führt Schubert gleich echt und in Farbe vor. Er hat für das Treffen die Dachterrasse der Stadtbibliothek vorgeschlagen, direkt am Platz der Einheit, dessen Name sich ursprünglich auf die Sozialistische Einheitspartei bezog und 1990 praktischerweise auch für die neuen politischen Verhältnisse sehr gut passte. Dass Schubert hier oben die Augen zusammenkneifen muss, liegt vor allem an der grellen Juni-Sonne, ein bisschen aber auch an all der preußischen Pracht ringsum – und an den offenen Baustellen gleich nebenan, an denen sich all die Debatten entzünden.

          Dort unten steht zum Beispiel das Stadtschloss der preußischen Könige, viel schneller wieder aufgebaut als sein Pendant in Berlin, dank einer Spende des Software-Milliardärs Hasso Plattner – und weil hier ganz schnöde der Landtag einzog statt geraubter Kunst aus früheren Kolonien. Ein Stück weiter rechts wächst der Turm der Garnisonkirche in den märkischen Himmel, noch heftiger umstritten als das Fake-Schloss nebenan, schon weil sich der Menschheitsverbrecher Adolf Hitler hier mit dem „Tag von Potsdam“ in die Tradition der alten preußischen Eliten stellte.

          Das Turm-Thema ist durch, jetzt geht es um die Frage, ob auch das Kirchenschiff wiederauferstehen soll – und was das für das Rechenzentrum aus DDR-Zeiten bedeutet, das heute ein Kunst- und Kreativhaus beherbergt. Der Bürgermeister kann lange darüber reden, wie er auf Kompromisse zwischen den widerstreitenden Wünschen und Interessen zusteuern will.

          Marie Schäffer hat für die Grünen bei der Landtagswahl ein Direktmandat erobert.
          Marie Schäffer hat für die Grünen bei der Landtagswahl ein Direktmandat erobert. : Bild: Andreas Pein

          Fünf Etagen tiefer, im Innenhof des Landtags-Schlosses, sitzt die Konkurrenz von den Grünen. Marie Schäffer ist erst 30 Jahre alt, aber sie hat den selbstgewissen Potsdamer Sozialdemokraten bei der Landtagswahl vor zwei Jahren das Direktmandat in der Potsdamer Innenstadt abgenommen, am Ende des Hitzesommers, als ein Youtuber namens Rezo die Berliner Regierungskoalition aus dem Tritt brachte und der Klimaschutz auf den ersten Platz der politischen Agenda rückte. Fast überall, wo Potsdam schön und idyllisch ist, holte Schäffer mehr Stimmen als die Konkurrenz – nur im Stimmbezirk kurz vor der Glienicker Brücke, wo der Wert der Immobilien selbst für Potsdamer Verhältnisse ins Unermessliche steigt, lag die CDU vorn.

          Trotzdem findet Schäffer nicht, dass sie ihren Einzug in den Landtag vor allem Leuten mit dem nötigen Kleingeld verdankt. „Der Grünen-Erfolg in Potsdam ist keine Frage des Wohlstands, sondern ein Großstadtphänomen“, sagt sie. „Wir sind hier nicht das Establishment, sondern die Herausforderer. Bis jetzt wurde die Stadt ganz klar von der SPD dominiert.“ Wenn sie über die großen Streitthemen der Stadt spricht, ist von Angriff freilich nur in Maßen die Rede.

          Sie klingt so kompromisslerisch wie das Stadtoberhaupt, nur dass sie das ästhetische Argument geschickt ins Ökologische wendet. „Ich kann die Angst gut verstehen, dass die DDR-Zeit aus dem Stadtbild verschwindet“, sagt sie über die heiß umkämpften Abriss- und Umbaupläne. „Gleichzeitig hat in der DDR ein autogerechter Umbau der Stadt stattgefunden, der nicht mehr zeitgemäß ist.“ Es hätten nicht die einen recht und die deren unrecht. „Wir müssen die Stadt zusammenbringen, statt sie zu spalten.“

          Christoph Martin Vogtherr, Generaldirektor der Schlösser-Stiftung,  will den Prunk stärker für die Potsdamer öffnen.
          Christoph Martin Vogtherr, Generaldirektor der Schlösser-Stiftung, will den Prunk stärker für die Potsdamer öffnen. : Bild: Andreas Pein

          Nach so viel rot-grünem Sowohl-als-auch schwirrt dem Zuhörer ein wenig der Kopf, was allerdings auch an der Hitzewelle liegen mag, die in diesen Tagen die Stadt heimsucht. Die Suche nach Klartext führt an einen Ort, an dem man es vielleicht am allerwenigsten erwarten würde. Die Anschrift lautet Allee nach Sanssouci Nummer fünf, am Klingelschild steht „Generaldirektor“, es empfängt gut gelaunt Christoph Martin Vogtherr, der Chef der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.

          Ausgerechnet der Hausherr des garantiert echten Schlosses Sanssouci betrachtet die Sehnsucht mancher Potsdamer nach künstlichem Barock mit Skepsis. „Qualitätvolle DDR-Architektur wird abgerissen und durch Gebäude ersetzt, die es 80 Jahre lang nicht mehr gab“, schimpft er. „Das zeigt ein Akzeptanzproblem gegenüber der eigenen Geschichte.“ Seit er im Amt ist, gut zwei Jahre sind es inzwischen, will Vogtherr ein bisschen durchlüften. „Unser Auftrag endet nicht 1918“, sagt er über seine Stiftung, die das Erbe der Hohenzollern verwaltet. „Die Potsdamer Geschichte hört mit der Abreise des Kaisers ins Exil nicht auf.“

          Natürlich liebt Vogtherr die Stadt, ihre Schlösser und ihre Parks, alles andere wäre ja auch erstaunlich. Er ist gleich hierhergezogen, als er den Job übernahm. „Die Lebensqualität ist noch deutlich größer, als ich gedacht hatte“, sagt er. Aber er hat auch gesehen, wie fragmentiert Potsdam ist, sozial, kulturell, im Blick auf die eigene Stadt, in dieser Hinsicht vielleicht doch ein Spiegel Deutschlands im Kleinen. Deshalb will er stärker mit allen Gruppen in Kontakt treten, mit Schulen zusammenarbeiten, Projekte vor Ort machen, nicht nur die Touristen ansprechen, die jenseits von Corona-Zeiten das Weltkulturerbe stürmen.

          Manche Klischees, sagt Vogtherr, stimmten aber einfach nicht, zum Beispiel, dass die reichen Neu-Potsdamer mit ihrem vielen Geld nur darauf aus seien, sich ein rückwärtsgewandtes Preußen-Idyll zu erkaufen. „Da gibt es die unterschiedlichsten Positionen“, sagt Vogtherr, und er verweist etwa auf das jüngste Projekt von Springer-Chef Mathias Döpfner, die Villa Schlieffen, die ganz bewusst im Zustand aus der Sowjetzeit verbleibt – und damit an die Jahrzehnte erinnert, als der Moskauer Geheimdienst KGB in der „Verbotenen Stadt“ zu Füßen des Pfingstbergs seine Deutschland-Zentrale hatte, genau dort also, wo die Makler von Dahler & Company heute ihre Villen verkaufen.

          Auch Milliardär Plattner ließe sich aufzählen, der nach dem Retro-Barock seines Barberini-Museums jetzt ein Terrassenrestaurant aus Ost-Zeiten herrichten lässt, um dort DDR-Kunst in passendem Rahmen auszustellen.

          Julia Förster ist Sozialarbeiterin im Jugendclub Alpha, fernab der Reichen-Viertel.
          Julia Förster ist Sozialarbeiterin im Jugendclub Alpha, fernab der Reichen-Viertel. : Bild: Andreas Pein

          Letztlich verdankt auch eine Frau, die sich heute um die weniger idyllischen Seiten Potsdams kümmert, ihren Weg hierher der Sehnsucht nach dem Idyll: Julia Förster kam als Kind aus Berlin in die Stadt, in die sich ihre Eltern während der Bundesgartenschau 2001 so sehr verliebt hatten, dass sie ein Haus im heute sehr beliebten Vorort Bornstedt kauften. Forster ging in Potsdam auf die Schule, studierte in Berlin – und kehrte schließlich als Sozialarbeiterin zurück. Allerdings nicht nach Bornstedt, sondern in den Schlaatz, eines der Plattenbaugebiete, die im Süden der DDR-Bezirkshauptstadt entstanden und wegen ihres Vollkomforts einst begehrter waren als die verfallenden Altbauten der Innenstadt.

          Förster sitzt vor dem Jugendclub Alpha im Grünen, Bastschirme spenden Schatten und verbreiten ein wenig Südsee-Flair, fast so, als säße man in einem Club am Berliner Spreeufer. Von einem Brennpunkt will sie in Bezug auf den Stadtteil nicht sprechen, das wäre ihr zu negativ, schließlich sei der Schlaatz sehr vielfältig. Aber natürlich gibt es hier mehr Probleme als anderswo, mehr Arbeitslosigkeit und weniger Aufstiegschancen. Bei der jüngsten Landtagswahl war die Beteiligung gering. Die Grünen, die in der Innenstadt das Direktmandat gewannen, kamen hier nicht mal auf einen der drei vorderen Plätze. Das machten SPD, Linke und AfD unter sich aus. „Es gibt Sachen, die sind für die Menschen hier drängender als der Klimaschutz“, sagt die Sozialarbeiterin dazu. „Das sage ich nicht wertend.“

          Noch sind die Wohnungen hier bezahlbar, sie gehören Genossenschaften. Aber Förster befürchtet, dass es auch hier immer schwieriger wird, eine Wohnung zu bekommen. Schließlich müssen all die Neu-Potsdamer irgendwo hin, und der Platz ist in der Stadt noch begrenzter als anderswo, zwischen all den Seen und UNESCO-geschützten Parks. Der neue Stadtteil Krampnitz, der gerade im Norden Potsdams entsteht, soll auf absehbare Zeit der letzte sein – und die Wohnungen möchte Bürgermeister Schubert vorrangig an Einheimische vergeben. „Wir müssen vor allem Wohnraum für diejenigen schaffen, die schon in der Stadt leben, und nicht vorrangig immer neuen Zuzug generieren“, sagt er. Von den beiden Potsdamer Kanzlerkandidaten wünscht er sich daher vor allem eines: dass sie das Thema Mietenbremse vorantreiben.

          Komplizierter als mit den abstrakten Bundesthemen wird es freilich, wenn die Bewerber ganz konkret in die städtischen Streitthemen einsteigen. So polterte Scholz als frisch gebackener Wahlkreiskandidat erst einmal gegen Vogtherrs Schlösser-Stiftung, die in den Parks angeblich das Erholungsbedürfnis der Einheimischen nicht genügend berücksichtigt. Inzwischen ist die Irritation ausgeräumt. „Er ist dann gleich vorbeigekommen und hat sich vor Ort informiert“, berichtet der Generaldirektor. „Das fand ich gut.“

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