https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/warnung-vor-schwerer-rezession-bei-stopp-russischer-gaslieferungen-17955805.html

Bei russischem Gaslieferstopp : Forscher warnen vor höchster Inflation seit Bestehen der Bundesrepublik

  • Aktualisiert am

Ein Lastwagen steht in der Produktionsstätte des Mineralölprodukteherstellers Deutsche Ölwerke in Lubmin. Bild: Getty

Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute senken ihre Wachstumsprognose wegen des Ukrainekriegs. Und sie simulieren, was ein Energieembargo bedeutete.

          2 Min.

          Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute warnen vor einer schweren Rezession und der höchsten Inflation seit Bestehen der Bundesrepublik im Falle eines Stopps russischer Gaslieferungen. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr bei normaler Versorgung um 2,7 Prozent zulegen, heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Frühjahrsprognose für die Bundesregierung. Im Herbstgutachten waren noch 4,8 Prozent veranschlagt worden.

          „Die Erholung von der Corona-Krise wird infolge des Kriegs in der Ukraine gedämpft, behält aber die Oberhand“, sagte der Vizepräsident und Konjunkturchef des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Stefan Kooths. „Für 2023 wurde die Vorhersage dagegen von 1,9 auf 3,1 Prozent angehoben.

          Bei einem sofortigen Stopp russischer Gaslieferungen sieht das Konjunkturbild sehr viel düsterer aus. Dann dürfte die Wirtschaft in diesem Jahr nur um 1,9 Prozent zulegen, im Jahr 2023 dann sogar um 2,2 Prozent schrumpfen. „Bei einem Stopp der Gaslieferungen droht der deutschen Wirtschaft eine scharfe Rezession“, warnte Kooths. In beiden Jahren stünden dann insgesamt 220 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung im Feuer. „Wirtschaftspolitisch käme es dann darauf an, marktfähige Produktionsstrukturen zu stützen, ohne den Strukturwandel aufzuhalten“, sagte Kooths. Hilfen für private Haushalte zum Abfedern hoher Energiepreise sollte die Politik sehr zielgerichtet dosieren. „Werden solche Hilfen auf breiter Front ausgereicht, treibt das zusätzlich die Inflation und torpediert den wichtigen Lenkungseffekt höherer Energiepreise“, warnte der Ökonom. Das verschärfe wiederum die Probleme einkommensschwacher Haushalte.

          Inflation bleibt hoch

          Für die Verbraucher haben die Ökonomen vorerst keine guten Nachrichten parat. Demnach werden die Preise in diesem Jahr mit durchschnittlich 6,1 Prozent so stark anziehen wie seit 40 Jahren nicht mehr. „Im Falle eines Lieferstopps für russische Energie würden sogar 7,3 Prozent erreicht, der höchste Wert seit Bestehen der Bundesrepublik“, so die Prognose. Auch im kommenden Jahr dürfte die Rate mit 2,8 (oder 5 Prozent im Falle eines Lieferstopps) deutlich über dem Durchschnitt seit der Wiedervereinigung liegen.

          Die Zahl der Arbeitslosen soll in diesem Jahr um rund 300.000 auf knapp 2,3 Millionen sinken und im Jahr 2023 auf diesem Niveau verharren. Kommt es zum Gaslieferstopp, wird jedoch mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahl auf fast 2,8 Millionen im nächsten Jahr gerechnet.

          Die sogenannte Gemeinschaftsdiagnose der Institute dient der Bundesregierung als Basis für ihre eigenen Projektionen, die wiederum die Grundlage für die Steuerschätzung bilden. Erarbeitet wurde das Gutachten mit dem Titel „Von der Pandemie zur Energiekrise – Wirtschaft und Politik im Dauerstressfeder“ führend vom RWI in Essen, vom DIW in Berlin, vom Ifo-Institut in München, vom IfW in Kiel und vom IWH in Halle.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Anshu Jain war eine so leidenschaftliche wie umstrittene Führungsfigur.

          Zum Tode Anshu Jains : Ein Treiber und Getriebener

          Als Co-Vorstandsvorsitzender verkörperte Anshu Jain über viele Jahre das Investmentbanking einer Deutschen Bank, die mit den amerikanischen Riesen der Branche wetteifern wollte. Nun ist er mit 59 Jahren gestorben.
          Videokonferenz zwischen Joe Biden und Xi Jinping im November 2021.

          China und Amerika : Ist ein Krieg noch zu vermeiden?

          Ob und wie sich der Wettkampf der Systeme kontrollieren lässt, wird öffentlich bislang kaum debattiert. Der Weckruf des ehemaligen australischen Premierministers Kevin Rudd ist angesichts der Taiwankrise aktuell wie nie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.