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Wanderarbeiter in Deutschland : Unsere neuen Hungerlöhner

Mihan Balan spricht Deutsch und Rumänisch. Er berät Wanderarbeiter. Balan berichtet von Blanko-Papieren, die Rumänen unterschreiben müssen, andernfalls rückt der Arbeitgeber kein Geld raus. So kann man jemanden erklären lassen, dass er Mindestlohn erhält. Komme der Zoll auf die Baustelle, würden die Bauarbeiter das „Gedicht“ aufsagen: „Ich erhalte 13 Euro 70 Stundenlohn.“ Ein Zollbeamter habe mal auf Deutsch nachgefragt, was das Monatssalär sei. Der rumänische Bauarbeiter habe geantwortet: „13 Euro 70.“

Dass die Ausbeutung der Wanderarbeiter funktioniert, folgt einer Logik. Der rumänische Subunternehmer und der rumänische Bauarbeiter bilden ein Kartell: Zum deutschen Mindestlohn will der Unternehmer den Bauarbeiter nicht – also willigt der in den Dumpinglohn ein, schließlich ist das immer noch mehr, als er in Rumänien verdienen würde.

Weg zum Anwalt meist aussichtslos

Zumindest meistens. Der Offenbacher Arbeitsrechtsanwalt Frederic Raue berichtet von Hunderten Fällen, in denen Wanderarbeiter monatelang gar kein Geld mehr bekommen haben. Wer aufmuckt, dem wird das Eisenbett im Zimmer gekündigt. Schon ist der Wanderarbeiter auf der Fahrt nach Hause. Wer es trotzdem zum Anwalt schafft, hat schlechte Karten. Wenn Raue den Generalunternehmer verklagt, meldet der gegnerische Anwalt im Gegenzug schriftliche Zweifel an: Ob es sich bei dem Kläger tatsächlich um einen Rumänen handele? Der Papierkrieg schindet Zeit, und irgendwann muss der Kläger nach Hause fahren. Dass in keinem anderen Land der EU so wenige Menschen Zugang zum Internet wie in Rumänien haben, macht den Klageprozess nicht einfacher.

Angesichts solcher Tricks gibt es sogar unter Gewerkschaftern solche Stimmen: Ein allgemeiner Mindestlohn würde den Wanderarbeitern keinen Deut helfen. Einen Weg, diesen zu unterlaufen, werde sich immer finden. Das sieht der Münsteraner Arbeitsrechtler Peter Schüren anders. Der Professor arbeitet gerade für den nordrhein-westfälischen Arbeitsminister ein Gutachten aus, wie man die Wanderarbeiter schützen kann – mit Lohnuntergrenze und Härte: „Wer keinen Mindestlohn zahlt oder darauf nicht vollständig die Sozialabgaben abführt und in irgendeiner Weise manipuliert, den müssen zuverlässig so harte wirtschaftliche Konsequenzen treffen, dass das ernsthaft abschreckt.“

Ein Mindestlohn – in welcher Höhe auch immer – könne die Verhandlungsmacht der Wanderarbeiter stärken, sagt der Münchener Rechtsprofessor Volker Rieble. Die Polizei auf jede Baustelle schicken und in jeden Schlachthof, das könne man jedoch nicht.

Die Bauarbeiter aus Murnau sind auf jeden Fall inzwischen wieder zurück in Rumänien.

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