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Wanderarbeiter in Deutschland : Unsere neuen Hungerlöhner

Dafür soll es bis zu diesem Tag Mitte November 254 Euro vom Chef in bar gegeben haben. Das würde einen Stundenlohn von 61 Cent ergeben.

Kein Geld für Essen, Strom und Gas

Anders als bei den Fleischern gibt es auf dem Bau in Deutschland einen gesetzlichen Mindestlohn, den jeder zahlen muss, auch ein ausländisches Unternehmen, das Bauarbeiter nach Deutschland entsendet. Er beträgt in Lohngruppe ML2 13,70 Euro. Der Subunternehmer, die Radu Bau, sagt heute, die vier Kollegen hätten „ausnahmslos“ den Mindestlohn erhalten. Keinen der Vorwürfe könne man nachvollziehen.

Pavels Kollege Bazan, Vorname Florin, sagt, seine Frau aus dem Dorf nahe Bukarest habe angerufen. Es drohe, dass der Familie Strom und Gas abgestellt werde. Pavel sagt, er habe sich von Verwandten Geld leihen müssen, weil er sich in Murnau nichts mehr habe zu essen kaufen können. Vorausgesetzt, Pavels Zahlen stimmen, ist Hungerlohn auf der Baustelle in Murnau der korrekte Begriff.

An diesem Freitag Mitte November rufen die Bauarbeiter einen Berater des Projekts „Faire Mobilität“ an, ein Projekt des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Sie klagen der Klinikleitung ihre Not. Kurz danach bekommen sie für September knapp 2300 Euro überwiesen.

14 Quadratmeter für 1070 Euro

Der Vorstandssprecher des Generalunternehmers Riedel Bau ist aufgeregt am Telefon. Generalunternehmer auf dem Bau zu sein ist anders als in der Fleischwirtschaft, wo es keinen vorgeschriebenen Mindestlohn gibt. Wenn die Riedel Bau Kenntnis gehabt hätte, dass auf ihrer Baustelle nicht der Mindestlohn gezahlt werde, würde es gefährlich. Axel Siebrandt sagt, man habe Bescheinigungen vorliegen, dass Mindestlohn bezahlt werde. Und: „Wir haben keinerlei Zahlungen an den Subunternehmer ausstehen.“ Er könne natürlich „nicht beschwören“, dass irgendjemand sein Geld nicht bekommen habe: „Falls das stimmt mit der Not der rumänischen Kollegen, wäre das schlimm“, sagt Siebrandt.

„Der Mensch heiligt den Ort“ heißt ein rumänisches Sprichwort, Pavel und seine Kollegen haben sich damit abgefunden, dass sie sich diesen 14 Quadratmeter großen Raum mit vier Eisenbettgestellen teilen. Sie essen Birnen. Sie schauen rumänisches Fernsehen. Der Flur vor ihrer Zimmertür ist lang und düster, es gibt einen kleinen Balkon mit Blick auf die Alpen und gleich nebenan die Müllverarbeitungsanlage. Im Zimmer schlängeln sich die Kabel an den Wänden. Der Arbeitgeber hat sie einquartiert, bei der Abrechnung der Bezüge für den Monat September zieht er ihnen dafür 267,60 Euro vom Lohn ab. Pro Bett. Das Zimmer kostet so 1070 Euro. Das finden Pavel und seine Kollegen nicht in Ordnung. Die Abzüge „Lohn Ungarn netto“ in Höhe von 308,88 Euro auch nicht. Die vier Freunde sagen, sie wüssten nicht, was der Arbeitgeber damit meine. Sie wissen auch nicht, was werden soll. Sie haben kein Geld für die Heimfahrt, und die Daheimgebliebenen brauchen das Geld von hier.

So mutig wie die Rumänen in Murnau ist der Bulgare Dimcho in Koblenz nicht. Er will noch nicht mal das Unternehmen nennen, für das er Pakete fährt. „Sonst krieg ich Probleme.“ Er ist gut. Dimcho sagt, er brauche im Lager die Pakete von der Ferne nur anzusehen und wisse, welches in den fünften Stock müsse. Neulich waren drei Kisten à acht Flaschen Wein dabei. Fünfter Stock Altbau, ohne Fahrstuhl. „War klar“, sagt Dimcho.

Ein Gedicht für den Zoll

Er fährt für den Subunternehmer eines großen Paketkonzerns. Der hat ihn als Selbständigen gemeldet. Das ist natürlich Quatsch. Er ist ja abhängig vom Konzern. Wer beim Konzern angestellt ist, muss beim Adressaten des Pakets einmal klingeln und darf das Paket zurück ins Lager fahren, wenn die Tür nicht aufgeht. Für Dimcho gelten andere Regeln. Wenn er mit Paketen zurückkommt, ist das überhaupt nicht gut. Er klingelt die Nachbarn durch. Die Postleitzahlenbezirke, die er abfahren muss, sind groß, manchmal dauert eine Tour vierzehn Stunden. Dann klingelt er abends um zehn bei den Nachbarn. Dimcho sagt, er habe Angst, dass ihm einer mal spätabends an der Tür eine reinhaue.

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