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Wanderarbeiter in Deutschland : Unsere neuen Hungerlöhner

Von Überwachung war nicht die Rede, als ein Freund Andrei die Arbeit in Westfalen empfahl. Das Gehalt sei gut und komme zuverlässig. Da waren die schönen Berichte im Fernsehen. Den Sender guckt Andrei nicht mehr. Die Freundschaft hat er gekündigt.

Der Mann in Deutschland stammt vom rumänischen Lande. In der Heimat fuhr er LKW, aber das reichte nicht für Wohnung und Essen. „Lebensmittel in Rumänien kosten fast so viel wie in Deutschland“, sagt Andrei. Er hat eine Frau, die beiden Kindern sind aus dem Grundschulalter raus. 600 Euro schickt er monatlich in die Heimat, bleiben ihm 300 zum Leben in Deutschland. Er will so schnell wie möglich nachhause. Er hat Angst um seine Gesundheit.

Unbezahlte Überstunden sind keine Seltenheit

Vor einem Jahr ist er im Billigflieger in Dortmund gelandet, jetzt würde er gern den Rückflug nehmen, wäre da nicht die Hoffnung, irgendwann Kindergeld beantragen zu können. Anfangs machte er Wurst, jetzt zerteilt er Schweine. Der Arbeiter hat seine deutsche Lohnsteuerbescheinigung mitgebracht. Legt man eine 40-Stunden-Woche zugrunde, ergibt der Verdienst einen Bruttolohn von über acht Euro. Andrei sagt, sein Arbeitgeber führe aber keinen Stundenzettel und habe ihn täglich bis zu zwölf Stunden arbeiten lassen statt der acht, die in Rumänien versprochen wurden, unbezahlt, ohne Zuschläge. In Wahrheit sei er in den ersten Monaten auf einen Stundenlohn von 4,50 Euro gekommen. Es ist schwierig, diese Aussagen zu überprüfen, schließlich fürchtet derjenige, der sie trifft, sein Arbeitgeber werde ihn bei Kritik nachhause schicken. Der Arbeitgeber ist nicht erreichbar. Stattdessen dementiert für ihn der Tönnies-Konzern, obwohl für die Löhne der Werkvertragsangestellten gar nicht zuständig: „Ein Gesamtlohn von 4,50 Euro würde unseren Regelungen widersprechen. Uns liegen aber für das benannte Unternehmen Gutachten unabhängiger Wirtschaftsprüfungsgesellschaften vor, die belegen, dass die Lohnuntergrenze in diesem Unternehmen deutlich höher liegt als 4,50 Euro netto.“

Sind 4,50 Euro wenig oder viel für Menschen, in deren Heimat Einkommen von 500 Euro im Monat die Regel sind? Was sind Hungerlöhne?

Sehr viel weiter südlich von Westfalen, im bayerischen Murnau vor unbezahlbarer Alpenkulisse, steht der Bauarbeiter Gheorghe Pavel vor seiner kasernenartigen Behausung und rechnet aus, was er in den Monaten August, September und Oktober für den Bau der Erweiterung der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau erhalten hat. Gheorghe Pavel heißt wirklich Gheorghe Pavel. Er lässt sich auch fotografieren, voll von vorn, zusammen mit drei weiteren Kollegen. Die Rumänen haben keine Angst, auf dem Bau gefeuert zu werden, sie wollen hier so schnell wie möglich weg. Der Einsatz im Unfallkrankenhaus entwickelt sich für sie gerade zum Minusgeschäft.

Auslagerung der Arbeit auf Subunternehmer ist billiger

Pavel stammt aus einem Dorf nahe Bukarest. Seit 30 Jahren ist er Maurer. Er ist 45. Mit seinen drei Kollegen hat er bei einem Bauunternehmen in Ungarn angeheuert, dem ein Rumäne vorsteht.

Mit dem Transporter ging es nach Murnau. Der Generalunternehmer auf der Baustelle der Unfallklinik Murnau ist die deutsche Riedel Bau aus Schweinfurt, aber deutsche Bauunternehmen lagern die meisten Tätigkeiten auf der Baustelle heutzutage an Subunternehmer aus, das ist billiger. Nachts um eins bekamen Pavel und seine Kollegen von ihrem rumänischen Vorarbeiter die Einweisung, am nächsten Morgen konnte es losgehen. Was er in den dreieinhalb Monaten so getrieben hat außer Arbeiten und Schlafen? Pavel erzählt von der Bäuerin, die Milch verkauft. Das kennen sie von zu Hause. Dass es vom Chef am Monatsende keine Lohnabrechnung gibt, kennen sie ebenfalls. Pavel hat sich in sein privates Notizbuch für die Monate August, September und Oktober 415 Arbeitsstunden notiert. Er hat schon an der Hamburger Elbphilharmonie gebaut und bei Audi in Ingolstadt. Die Unfallklinik Murnau ist ebenfalls berühmt, jeder, der in den bayerischen Alpen einen Sportunfall hat, wird hergeflogen. Pavel hat in den 415 Stunden Innenwände in einem Anbau hochgezogen, von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Als die Nächte früher kamen, mauerten sie bis sechs. Die Alpen immer im Rücken.

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