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Technische Ausbildung : Der neue Diplom-Ingenieur

Vielseitige Spezialisierung: ein Ingenieur für Erneuerbare Energien und Umwelttechnik Bild: dpa

Der deutsche Diplom-Ingenieur galt einst als Vorbild technischer Ausbildung. Doch mit der Vereinbarung von Bologna und zunehmender Spezialisierung verlor der Titel zunehmend an Aussagekraft. Was muss der moderne Ingenieur alles leisten?

          Der deutsche Diplom-Ingenieur gilt noch etwas – in China. Dort ist er das große Vorbild technischer Ausbildung und technischen Könnens. In Deutschland ist er fast abgeschafft. Im Zuge des Bologna-Prozesses musste er dem Master of Engineering weichen. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass dem Titel, der eine Marke vergleichbar dem „Made in Germany“ war, gerade hierzulande so konsequent der Garaus gemacht wurde. Denn auch die Vereinbarung von Bologna lässt Zusätze zum Master zu, die auf einen Ingenieurtitel verweisen. Genutzt wird das in Frankreich (Ingénieur Diplomé) oder in Finnland (Diplomi-Insinööri). In Deutschland sehen nur noch wenige Universitäten – darunter Dresden, Rostock oder Kaiserslautern – vor, am Ende des Studiums ein Diplom ausgehändigt zu bekommen statt eines Masters.

          Man muss sich allerdings davor hüten, den Ingenieurtitel im Rückblick zu verklären. Ingenieur war ein lange ungeschützter Titel, der von vielen Unternehmen an verdiente technische Mitarbeiter verliehen wurde. Erst Landesgesetze aus den Endsechzigern legten fest, dass den Titel nur tragen darf, wer eine entsprechende Ausbildung absolviert hat. Die meisten erwarben ihn an Ingenieurschulen. Seit diese zu Fachhochschulen avancierten, kam der einfache Ingenieur dem wissenschaftlich ausgebildeten Diplom-Ingenieur immer näher. Die Fachhochschulen nannten ihre Abgänger auch Diplom-Ingenieure, allerdings mit dem Zusatz FH für Fachhochschule. Der Titel Diplom-Ingenieur verwässerte also, lange vor „Bologna“.

          Hinzu kam der Hang zur Spezialisierung. Heute gibt es in Deutschland 3500 unterschiedliche Ingenieur-Abschlüsse, die überwiegend als Bachelor oder Master of Engineering oder of Science mit dem jeweiligen Fachzusatz daherkommen. Die Folge ist, dass jeder fünfte Studierende nicht einmal selbst weiß, dass er einen Ingenieur-Studiengang belegt.

          Es gilt daher weniger den Verlust zu beklagen, als dafür zu sorgen, dass die Titel wieder eindeutig und aussagekräftig werden. In Deutschland wird nach wie vor eine hervorragende Ausbildung gerade an den Technischen Universitäten betrieben. Die Hochschulen in Aachen, Dresden, München oder Darmstadt haben einen guten Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber die Absolventen konkurrieren heute mit jenen anderer Hochschulen, die weniger gut ausgebildet sind, aber gleiche Titel vorweisen.

          In Asien, wo der deutsche Diplom-Ingenieur als das Maß aller Dinge galt und gilt, versuchen vor allem amerikanische Hochschulen nicht ohne Erfolg, ihre Akademiker und Titel durchzusetzen. An dem Titel hängt aber auch Ansehen und am Ende sogar über das Vertrauen in den Titel ganz hart der Export. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich gerade jetzt der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) Gedanken macht, ob es nicht wieder einen Spitzentitel deutscher Ingenieurswissenschaft und Ingenieurskunst geben sollte.

          Dafür gibt es gute Gründe: Die technische Ausbildung ist für ein Land mit so hohem Anteil industrieller Fertigung am Bruttoinlandsprodukt wie Deutschland existentiell. Das duale System, der Einstieg in technische Berufe, hat zu Recht ebenso einen guten Ruf wie die technische Ausbildung an weiterführenden Schulen bis zu den Universitäten. Diese Stütze der Wirtschaft gilt es auszubauen. Gerade in Zeiten technischer Umbrüche (Industrie 4.0, Internet der Dinge) braucht die Wirtschaft mehr statt weniger technisch gut ausgebildete Menschen.

          Aber die technische Ausbildung muss heute umfassender verstanden werden. Zunächst gilt es, in den allgemeinbildenden Schulen die technischen und naturwissenschaftlichen Fächer zu stärken. Dort wird die Begeisterung für Technik gelegt oder zerstört. Man darf darüber nachdenken, ob nicht die zweite Fremdsprache am Gymnasium eine Programmiersprache sein sollte, um Verständnis für die Digitalisierung zu vermitteln. Um digitale Grundkenntnisse kommt künftig niemand herum. Die Ingenieure müssen sich aber auch mehr denn je den gesellschaftlichen Folgen ihres Tuns stellen. Ob der Bahnhof „Stuttgart 21“, neue Windkraftanlagen oder Stromtrassen: Dass etwas technisch sinnvoll ist, reicht vielen Bürgern nicht mehr als Zustimmungsgrund. Auch in den Unternehmen sind die Zeiten vorbei, in denen Ingenieure vor sich hin tüftelten und am Ende ein fertiges Produkt präsentierten. Die Entwicklungszeiten werden kürzer, von Beginn an müssen auch die Ingenieure kaufmännische Fragen des Marketings oder der Preisbildung bei ihren Entwicklungen mit einbeziehen.

          Der moderne Ingenieur muss also mehr sein als ein gut ausgebildeter Techniker. Er hat eine wissenschaftliche Ausbildung, er spricht fließend Englisch, hat kaufmännische Grundkenntnisse und weiß um gesellschaftliche Befindlichkeiten. Dafür wird ein Titel zu suchen sein, der an den legendären Ruf des Diplom-Ingenieurs anknüpft. Ob man ihn Diplom-Ingenieur, Wirtschaftsingenieur oder German Master of Engineering nennt, ist zweitrangig. Der Titel muss aber für zukunftsträchtige Exzellenz stehen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

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