https://www.faz.net/-gqe-t32x

Wallenberg-Clan : Mehr sein als scheinen

  • -Aktualisiert am

Ohne ihn geht in der Familie wenig: Peter Wallenberg Bild: dpa

Der schwedische Wallenberg-Clan herrscht über ein ganzes Firmenimperium. Die Dynastie besitzt Anteile an mehr als 140 Unternehmen auf der ganzen Welt. In Schweden backt die Familie den Wohlstandskuchen, verteilen darf ihn die Politik.

          3 Min.

          Der Wallenberg-Clan und sein schwedisches Wirtschaftsimperium sind längst legendär. Seine Unternehmen wirkten global, als es das Wort Globalisierung noch nicht gab. Die Macht und der Einfluß der Wallenbergs sind vor allem im vergangenen Jahrhundert still und stetig ausgebaut worden, parallel zur schier endlosen Machtausübung der Sozialdemokraten, mit denen man ein höchst eigenwilliges und oft gespanntes Verhältnis der stillen Zusammenarbeit pflegte. Die Wallenbergs sind seit 150 Jahren zentraler Teil der neueren schwedischen Wirtschaftsgeschichte.

          Der Clan besitzt Anteile an mehr als 140 Unternehmen auf der ganzen Welt. In Schweden mischt er bei den wichtigsten Firmen mit: etwa Ericsson (Telekommunikation), Astra Zeneca (Pharmazie), Stora Enso (Papier), Atlas Copco (Maschinenbau), SAS (Luftfahrt), Electrolux (Haushaltsgeräte), Saab (militärische Luft- und Raumfahrt), Scania (Lastwagen) und SEB (Bank). Auch beim schwedisch-schweizerischen Elektrotechnikkonzern ABB ist die Familie engagiert.

          Clan finanzierte Industrialisierung Schwedens

          Die Beteiligungen der Wallenbergs an diesen Firmen sind bei der Investor AB, einer Art Holdinggesellschaft, konzentriert. Investor versucht bei Erwerbungen nur, möglichst großen strategischen Einfluß im Aufsichtsrat zu erreichen. Einfluß wird aber auch durch die Hausbank SEB ausgeübt, die von den Wallenbergs kontrolliert wird. Neben der indirekten Kontrolle der Aktien durch Investor halten die Wallenbergs über Familienstiftungen oft weitere Aktienanteile an den Großunternehmen, die sie direkt kontrollieren, so vor allem am Kugellagerhersteller SKF und am Papierunternehmen Stora Enso.

          Scania ist eines der 140 Unternehmen, bei denen die Wallenbergs mitmischen

          Mehr sein als scheinen, das war immer schon der Leitspruch der Wallenbergs. Die Anteile breit streuen und langfristig denken - das war die Strategie der Wallenbergs seit vielen Jahren. Die Firmengeschichte begann 1856, als André Oscar Wallenberg in Stockholm die Enskilda Banken gründete. Wallenberg finanzierte die Holzwirtschaft, die Eisenbahnen und die Erzgewinnung - wenn man will: die Industrialisierung Schwedens.

          Glaube an Schweden

          Einer seiner Söhne, Knut Agaton, machte Enskilda Banken, die sich später zur SEB entwickelte, zum mächtigsten Finanzkonzern des Landes. Als 1916 gesetzlich festgelegt wurde, daß Banken keine Beteiligungen an Unternehmen mehr besitzen durften, gründete Marcus Wallenberg - Bruder Knut Agaton war gerade schwedischer Außenminister - die Investor Aktiengesellschaft, die den Aktienbesitz der Bank übernahm. Später bauten Marcus' Söhne Marcus und Jacob als Direktoren und Aufsichtsratsvorsitzende von Enskilda Banken und Investor die Macht stetig aus. Eigentlich sollte dann Marcus' Sohn Marc die Führung übernehmen. Aber er beging 1971 Selbstmord, so daß sein jüngerer Bruder Peter Wallenberg, von 1982 an Aufsichtsratsvorsitzender von Investor, die Leitung übernehmen mußte.

          Die vor allem an der soliden Industrie Schwedens interessierten Wallenbergs zeigten, daß sie „an Schweden glauben“. Dies vergelten die Regierungen mit einem System von Vorzugsaktien mit Stimmberechtigung. Dies gerade erlaubt es den Wallenbergs, mit oft nur minimalen Kapitalbeteiligungen die Kontrolle der Stimmrechte und damit die Macht über die Aufsichtsräte zu sichern. Kritiker sprachen von einer unheiligen Allianz von Sozialdemokraten, Gewerkschaften und den Wallenbergs, die „das schwedische Modell“ stütze. Die Wallenbergs übten jedenfalls politischen Einfluß nur in den Hinterstuben aus.

          Wallenbergs wollen „Kuchen selber backen“

          Die öffentliche Propaganda gegen Überbesteuerung und sozialistischen Verteilungsehrgeiz überließ Peter Wallenberg etwa „seinem“ Curt Nicolin als Vorsitzendem des Arbeitgeberverbandes. Die Haltung der Wallenbergs enthüllte in den siebziger Jahren eine berühmte Sentenz: Die Sozialdemokraten dürften den Wohlstandskuchen gerne verteilen, „solange uns nicht vorgeschrieben wird, wie wir ihn backen sollen“. Schon bevor Peter Wallenberg sich 1997 nach 15 Jahren als Aufsichtsratsvorsitzender von Investor zurückzog, bezeichnete er sich spöttelnd nur als „Ratgeber“. In Wirklichkeit fiel ohne seine Zustimmung aber lange Jahre kaum eine wesentliche Entscheidung in der schwedischen Industrie. Und auch seitdem bestimmt der Familienpatriarch, der im Mai achtzig wurde, als Chef der Familienfonds letztlich die Entscheidungen.

          Die Wallenberg-Dynastie wird derzeit vor allem von Jacob und Marcus Wallenberg verkörpert. Jacob Wallenberg, 50, der Sohn Peter Wallenbergs, der 1997 Direktor der SEB war, ist unter anderem Aufsichtsratschef der Holding Investor und Vizevorsitzender der Aufsichtsräte bei SAS, Atlas Copco und der Wallenberg-Hausbank SEB. Sein Cousin Marcus, 50, Sohn von Marc, war von 1999 bis zum 1. September 2005 Vorstandsvorsitzender von Investor. Nachfolger wurde der bisherige Vizevorsitzende Börje Ekholm. Marcus ist auch Vizechef der Internationalen Handelskammer ICC in Paris. Außerdem ist er Aufsichtsratsvorsitzender der SEB-Bank und Vizechef der Aufsichtsräte bei Ericsson und Saab.

          Vorbereitungen auf Regierungswechsel

          Traditionelle Strategie war es, langfristig zu investieren, oft genug marode Unternehmen zu übernehmen und zu sanieren. Etliche dieser Unternehmen mußten jahre- oder jahrzehntelang durchgefüttert werden, bis sie Gewinn abwarfen. In den vergangenen Jahren hat es mehrfach Verkäufe in größerem Umfang gegeben. Offenkundig wollten die Wallenbergs liquide bleiben, um bei Gesetzesänderungen über die stimmberechtigten Aktien strategischen Besitz ausbauen zu können. Gegenwärtig wird vor allem angenommen, daß man sich auf Privatisierungen bei einer Regierungsbildung der Bürgerlichen vorbereiten wolle.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ungebrochene Nachfrage: Ein Kurier liefert in New York City Amazon-Pakete aus.

          Der Gigant und die Krise : „Amazon ist fast schon systemrelevant“

          Die Handelsplattform versorgt die Kunden in Corona-Zeiten mit dem Wichtigsten und baut ihre Marktanteile aus. Doch das Wachstum bringt auch Probleme mit sich. Noch ist nicht klar, wie der Onlinehandel nach der Krise aussehen wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.