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Wachstumskritiker Niko Paech : Groß denken, wenn die Kleinen quengeln

Niko Paech Bild: Wolfgang Eilmes

Der Ökonom Niko Paech ist Vorkämpfer der sogenannten Postwachstumsbewegung. Er verharmlost die Krise und empfiehlt sich als Spargelstecher.

          3 Min.

          Wir wissen nicht, ob Sie zu den gestressten Eltern gehören, die gerade zwischen Kinderbetreuung, Telefonkonferenzen und Wäschebergen rotieren. Vielleicht zählen Sie auch zu den Millionen Kurzarbeitern, die um Job und Lebensunterhalt fürchten müssen. Eines aber können wir Ihnen sicher sagen: Bisher lebten Sie „nicht nur materiell, sondern auch psychisch“ über Ihren Verhältnissen. Durch die Zwangspause vom Leistungsstress dürfen Menschen wie Sie endlich spüren, was Ihnen zuvor verborgen geblieben war: „ein stressfreieres und verantwortbares Leben zum Preis von weniger Konsum- und Reisemöglichkeiten.“ Das sei „vielleicht gar kein schlechter Deal, zumal sich die Balance zwischen beidem austarieren lässt“.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.

          Das ist Ihnen noch nicht gelungen? Selbst schuld. Andere bekommen es offenbar hin: „Es mehren sich Erlebnisberichte darüber, wie Menschen die freigestellte Zeit genießen. Viele räumen auf, reparieren, arbeiten im Garten, lesen viel oder wenden sich Familienmitgliedern zu.“ Seien Sie doch mal ehrlich. „Manche werden gar nicht mehr zurück ins Hamsterrad wollen, sondern möchten etwas von dem, was sie jetzt als Entlastung erleben, in die Post-Corona-Zeit hinüberretten.“

          Genug davon. Bevor Sie die Zeitung aus Wut zerreißen, klären wir auf. Hier spricht Niko Paech, Professor im Bereich Plurale Ökonomik an der Universität Siegen und einer der Vorkämpfer der sogenannten Postwachstumsbewegung. Was sich für Millionen Menschen wie eine Katastrophe anfühlt, scheint für ihn ein Schritt in Richtung Erlösung zu sein. In einem Interview mit der „taz“ hat der Volkswirt geschildert, warum die Krise ein guter Lehrer für den erforderlichen Wandel sei: Weniger Globalisierung, weniger Konsum, „ein Leben ohne Mango, Kiwi, Avocado und Futterimporte für die Fleischindustrie“, das alles sei erträglich. „Das gilt auch für Kreuzfahrten und Urlaubsflüge.“ Der Freiheitsverlust, der damit verbunden einhergeht? Ist offenbar zu vernachlässigen.

          Es ist schon erstaunlich, wie mancher Volkswirt der Pandemie und dem schlimmsten Wirtschaftseinbruch in der Geschichte der Bundesrepublik, die viele Tote auf der ganzen Welt fordern, in erster Linie Positives abzugewinnen scheint. Niko Paech ist damit nicht alleine. Der Ökonom Dirk Ehnts (TU Chemnitz) bejubelt gemeinsam mit einem Ko-Autor in einem Beitrag für das Online-Magazin „Makroskop“ die weltweite Schrumpfung des Bruttoinlandsproduktes in Folge des Coronavirus, weil dadurch die Klimaziele 2020 erreicht würden: „Damit steht uns die Herausforderung des Klimawandels drastisch vor Augen: Auf absehbare Zeit jährliche Rückgänge des erreichten Wirtschaftsvolumens im Umfang der aktuellen Coronakrise – und kein neues CO2-trächtiges Wirtschaftswachstum zwischendurch.“ Sollte so unsere Zukunft aussehen? Die passende Antwort gibt der Cottbuser Wirtschaftsprofessor Jan Schnellenbach: „Möglicherweise wäre technischer Fortschritt in diesem Fall die klügere Option“, schrieb er auf Twitter.

          Im Fall des Wachstumskritikers Paech ist klar, was hinter seinen Aussagen steckt. Er fordert schon seit langem eine radikale Abkehr von unserer Konsum- und Wirtschaftsweise. Nur so sei ein glücklicheres, nachhaltigeres und krisenfesteres Leben möglich. Wenn die Menschen nicht selbst darauf kommen, müssen sie es in der Krise wohl auf die harte Tour lernen. „Wer nicht hören will, muss fühlen“, sagte er kürzlich in einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“. In Paechs Augen beruht unser Wohlstand auf Ausbeutung: „Weiterhin leisten wir uns den Luxus einer quasi Sklavenhalterwirtschaft, indem Fremdarbeiter aus Rumänien sogar eingeflogen werden“, sagt er. Ob den rumänischen Erntehelfern gedient wäre, wenn sie ihr Geld nicht im reichen Deutschland verdienen dürften? Geschenkt. Ginge es nach dem Forscher müssten junge Menschen hierzulande wieder dazu motiviert werden, in der Landwirtschaft zu arbeiten „als Alternative zu Work and Travel und Akademisierungswahn“. Ob der Hochschullehrer selbst bereit ist, als Spargelstecher anzuheuern, verrät er in dem Interview allerdings nicht. Falls ja, dann sicher nicht unter den bisherigen Arbeitsbedingungen. Zwanzig Wochenstunden seien genug, dann bleibe mehr Zeit für andere sinnvolle Dinge.

          Vielleicht nimmt in dieser schönen, neuen Arbeitswelt ja auch die Fähigkeit zu Empathie und Einfühlungsvermögen wieder zu. Was zu der Frage führt, was Paech eigentlich zu den Nöten der Eltern sagt, die gerade unter fehlender Kinderbetreuung leiden? „Früher oder später wird die Angst um die Überlebensfähigkeit unserer Zivilisation größer sein als die Angst vor dem Wohlstandsverlust, der sich zudem begrenzen und ertragen ließe.“ Also bitte groß denken, wenn die Kleinen quengeln.

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