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Wachstum : Viel Einsatz, wenig Effekt

Wie viel bringen Konjunkturprogramme wirklich? Bild: Peter von Tresckow

Wie lässt sich eine schwache Wirtschaft stimulieren? Immer mehr Studien kommen zum Ergebnis, dass staatliche Konjunkturprogramme weniger bringen, als sie kosten. Hochverschuldete Staaten können sie sich ohnehin nicht leisten.

          Es klang zu schön, um wahr zu sein: Wenn die Europäische Investitionsbank 10 Milliarden Euro mehr Grundkapital erhält, ermöglicht dies Kredite von 60 Milliarden Euro, die wiederum Investitionen von 180 Milliarden Euro anschieben könnten. Diese Rechnung präsentierten kürzlich EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Währungskommissar Olli Rehn, als die Diskussion über Sparen und Wachstum in Europa hochkochte. Eine märchenhafte Rechnung: Jeder Euro staatlicher Einsatz regt 18 Euro Wirtschaftsleistung an, noch dazu Investitionen - wenn es so einfach wäre! Die Rezession in Südeuropa ließe sich wie ein Kinderspiel stoppen und ein kräftiger Aufschwung erzeugen.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          In der Makroökonomie geht man durchaus von einem Multiplikatoreffekt aus, wonach staatliche Konjunkturprogramme ein Mehrfaches an privater Wirtschaftsleistung anstoßen können. Nur die exakte Größe des Multiplikators ist umstritten. Frühe Anhänger von John Maynard Keynes gingen nach dem Krieg von utopisch hohen Werten (bis zu 5) aus. Nach den Enttäuschungen mit staatlicher Konjunkturstimulierung in den siebziger Jahren, als die expansive Fiskal- und Geldpolitik die Wirtschaft nicht aus der Stagnation hob, sondern nur Inflation produzierte, wurde man bescheidener.

          Ein Multiplikator im strengen Wortsinn liegt nur vor, wenn er größer als 1 ist. Die Geldeinheit, die der Staat in den Wirtschaftskreislauf pumpt, zirkuliert darin. Der erste Empfänger gibt einen Teil des Geldes weiter, weil er sich mehr Konsum oder neue Investitionen leistet, der nächste Empfänger ebenfalls. So entsteht ein Vielfaches des Einsatzes. Doch gibt es auch gegenläufige Effekte: Bürger und Unternehmer sehen, dass sich der Staat höher verschuldet. Wenn sie künftig höhere Steuern befürchten, können sie aus Vorsicht schon heute weniger ausgeben und Geld zurücklegen. Diese erwartungsgetriebene Verhaltensänderung konterkariert das Ziel des Konjunkturprogramms.

          Im schlimmsten Fall bewirken nicht-keynesianische Effekte, dass der Impuls völlig verpufft. Und statt der gewünschten Stabilisierung und Glättung der Konjunkturzyklen kann wegen der langen Verzögerungen im politischen Prozess das Gegenteil resultieren: eine Destabilisierung. In den achtziger Jahren, während der Reagan-Regierung, war der Glaube an Konjunkturprogramme daher auf einem Tiefpunkt, wie der Wirtschaftsprofessor Antony Davies in einer Studie für die George-Mason-Universität betont (The U.S. Experience with Fiscal Stimulus: A Historical and Statistical Analysis, 1953 - 2011, Mercatus Center, Working Paper, April 2012).

          Auch Obamas Programm brachte keine Wunder

          In der Großen Rezession von 2008 und 2009 kam wieder der Ruf nach staatlichen Interventionen auf. Die amerikanischen Präsidentenberater Christina Romer und Jared Bernstein bezifferten für das 787 Milliarden Dollar schwere Konjunkturprogramm der Obama-Regierung den Multiplikator immerhin noch auf 1,5. Zudem verkündeten Romer und Bernstein, der im Februar 2009 von Präsident Obama beschlossene Stimulus werde fast 4 Millionen Arbeitsplätze schaffen oder zumindest erhalten (so genau legten sie sich nicht fest). Die Arbeitslosenquote werde daher unter 8 Prozent bleiben.

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