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Wachstum und Demokratie : Wenn der Wohlstand Freiheit schafft

Die Proteste von Rio bis Istanbul zeigen: Die Mittelschicht begehrt nicht nur auf, wenn sie durch neuen Wohlstand zu Selbstbewusstsein kommt. Sie protestiert auch, wenn ihr Chancen vorenthalten werden.

          Manchmal kann auch Angst eine Form von Herablassung sein. Lange Zeit haben wir mit Sorge auf erwachende wirtschaftliche Riesen wie Brasilien oder die Türkei geblickt, die hohen Wachstumsraten bestaunt und uns gefragt, ob die europäische Art zu leben in Zukunft überhaupt noch konkurrenzfähig ist. Wohlstand und Demokratie schienen nicht mehr miteinander verbunden zu sein, jedenfalls nicht mehr zwangsläufig.

          Die Türken nahmen den zunehmend autoritären Regierungsstil ihres Premiers angesichts rasanten wirtschaftlichen Wachstums offenbar hin, wenn sie ihn nicht sogar guthießen. Und in Brasilien sah alles danach aus, als gäbe sich die wachsende Mittelschicht mit einer maroden Infrastruktur zufrieden, die einer globalen Wirtschaftsmacht längst nicht mehr würdig ist. Anders formuliert: Wir hielten die Menschen überall sonst auf der Welt für genügsamer als uns selbst.

          Das Musterbeispiel für diesen autoritären Entwicklungspfad ist China. Zuletzt galt das Land nicht mehr als Ausnahme, sondern fast schon als Regelfall. Die Wachstumsraten erstaunten jedes Jahr aufs Neue, aber zu einer Demokratisierung hat das bislang nicht geführt. Die neu entstandene Mittelschicht erfreute sich an Eigentumswohnung, Auto und Smartphone, gelegentliche Auslandsreisen inklusive. Massive Ansprüche auf politische Mitwirkung hat sie bislang nicht angemeldet.

          Damit schien die klassische Modernisierungstheorie amerikanischer Prägung widerlegt, wonach Wirtschaftsaufschwung und Demokratisierung Hand in Hand gehen. In Europa hatte das Konzept nach dem Zweiten Weltkrieg prachtvoll funktioniert: Erst versöhnte das Wirtschaftswunder die Deutschen mit der Demokratie, dann überwanden Spanien, Portugal und Griechenland mit Hilfe der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ihre autoritäre Vergangenheit. In Mittel- und Osteuropa stieß das Konzept nach 1989 an Grenzen. Russland kehrte nach einer als chaotisch erlebten Liberalisierung auf den autoritären Pfad zurück, Ungarn demontiert seine freiheitlichen Institutionen, Rumänien und Bulgarien tun sich mit der Demokratie noch schwer. Und die islamische Welt schien ohnehin zwischen prowestlichen Diktatoren und antiwestlichen Fundamentalisten gefangen zu sein. Angesichts ökonomischer Stagnation passte das schon besser ins Bild.

          Auch dort war jedoch die Wirtschaft ein starker Motor der Revolution. Der Gemüsehändler, der sich Ende 2010 in Tunesien selbst anzündete, protestierte nicht gegen irgendwelche Wahlfälschungen, sondern gegen die ständigen Schikanen bei der Ausübung seiner wirtschaftlichen Tätigkeit. Die Mittelschicht begehrt nicht nur auf, wenn sie durch neue Wohlstand zu Selbstbewusstsein kommt. Sie protestiert auch, wenn ihr diese Chancen vorenthalten werden. Schon beim Umsturz in der DDR hatten sich 1989 ideelle und materielle Motive vermischt. Ähnliches gilt für Indien, wo es ein akademisch gebildetes Milieu nicht mehr hinnehmen will, dass in der vermeintlich größten Demokratie der Welt die weibliche Hälfte der Bevölkerung faktisch kaum Bewegungsfreiheit hat.

          Inzwischen deutet vieles darauf hin, dass China eben doch ein Sonderfall sein könnte - sofern es nicht auch dort noch zu einem Aufbegehren kommt. Auch diese Entwicklung löst in Europa Ängste aus. Die Regierungen fürchten das politische Chaos, das die Protestbewegungen auslösen könnten, und in den großen Industriekonzernen glauben manche, dass sich mit Diktatoren bessere Geschäfte machen lassen. Selbst wenn das aus Sicht der Firmen stimmen sollte: Mit dem wirtschaftlichen Austausch tragen sie selbst dazu bei, dass es mit der politischen Friedhofsruhe zu Ende geht. Die Zeit der Herablassung ist vorbei. Und trotz aller Sorgen bleibt das im Kern eine gute Nachricht.

          Die Proteste von Rio bis Istanbul zeigen: Wachstum und Demokratie gehen zusammen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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