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Kommentar : Wachstum ohne Schulden

Die Finanzkrise hat die Staaten dazu bewogen, durch höhere Schulden die Weltwirtschaft zu stabilisieren. Dass Wachstum auch ohne Schulden möglich ist, zeigt ein Blick ins Silicon Valley.

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          Die Zeit vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahre 2007 wird gerne als eine erfolgreiche Periode für die Industrienationen bezeichnet. Das Wirtschaftswachstum war nicht sehr hoch, aber annehmbar, und die Inflationsrate bewegte sich um 2 Prozent. Was damals kaum zur Kenntnis genommen wurde: Begleitet war dieses Wirtschaftswachstum von einer Zunahme der Privatverschuldung um 10 bis 15 Prozent im Jahr. Auch die schwäbische Hausfrau, die Schulden ja für nahezu sündig hält, hat häufig mit Kapitalanlagen in fremden Ländern zum Aufbau der globalen Schuldenberge beigetragen.

          Der Ausbruch der Krise hat die Staaten dazu bewogen, durch höhere Schulden das Finanzsystem und die Weltwirtschaft zu stabilisieren. Im Westen wird heute häufig der Ausbau der Staatsverschuldung in den Industrienationen thematisiert, aber der eigentliche Retter der Weltkonjunktur in den Krisenjahren war China mit einer extrem expansiven Geld- und Finanzpolitik. Die dadurch entfachte Binnennachfrage war gigantisch: Nach Schätzungen wurde in den Jahren 2009 bis 2013 in China mehr Beton verbaut als in den Vereinigten Staaten im gesamten 20. Jahrhundert.

          Technischer Fortschritt ohne Schuldenberge

          Die aktuellen Turbulenzen an den Finanzmärkten sind die Folge einer allmählich dämmernden Erkenntnis, dass dies nicht mehr so weitergehen kann. Der konjunkturstimulierende Effekt zusätzlicher Schulden ist verbraucht. Ebenso wird die Überforderung der Geldpolitik deutlich. Ihrer nachlassenden Fähigkeit, die Wirtschaft anzuregen, folgt konsequent ein nachlassender Einfluss auf die Preise an den Finanzmärkten.

          Zwei Großthemen stehen auf der Agenda. Zum einen ist dies der Umgang mit den existierenden Schuldenbergen, die auf das Wirtschaftswachstum drücken. Ohne starkes Wachstum und höhere Inflation ist ein geräuschloser Abbau dieser Berge aber kaum möglich. Der kräftige Anstieg der Risikoprämien für zahlreiche Unternehmensanleihen belegt die Einschätzung der Finanzmärkte, dass ein Teil der ausstehenden Schulden wohl nicht zurückgezahlt werden kann.

          Die zweite Frage lautet: Ist ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum ohne den Aufbau neuer Schuldenberge möglich? Zuletzt gelang dies nicht, weil in vielen Länder die Gesamtwirtschaft auf dem Wachstum wenig produktiver Zweige wie dem Bau beruhte, der Vorfinanzierung benötigt. Der Blick auf die Giganten des Silicon Valley belegt, wie technischer Fortschritt Geschäftsmodelle beschert, die ohne Schuldenberge funktionieren.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

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