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Verbraucheralltag : Was ist denn „mündig“?

  • -Aktualisiert am

Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (Archivbild). Bild: dpa

Vor kurzem warf Ökonom Jan Schnellenbach den Verbraucherzentralen in der F.A.Z. Bevormundung vor. Aber das alte Verbraucherleitbild hat ausgedient, findet ihr Chef. Eine Replik.

          Bevormundung, staatlich verordneter Konsum, paternalistischer Betreuungsbedarf? Die Vorwürfe, die Professor Jan Schnellenbach in der F.A.Z. gegen Verbraucherschützer erhoben hat, klingen dramatisch. Sind sie gerechtfertigt, oder entsprechen sie der Realität? Nein. Sie beschreiben eher (s)einen Phantomschmerz, weil das Verbraucherleitbild des „mündigen Verbrauchers“ als Beschreibung der Realität ausgedient hat. Es ist zu simpel für die komplexe Welt, weil es viel zu oft als Feigenblatt für schlechte Informationen, mangelnde Haftung oder miserable Produktqualität missbraucht wurde. Auch Verbraucherschützer setzen sich für souveräne Verbraucher ein, aber wir verwechseln nicht ein normatives Leitbild mit dem Verbraucheralltag. Und dieser ist vielseitig.

          Gemeinhin akzeptiert wird inzwischen, dass der „Homo oeconomicus“ als rein rational nutzenmaximierendes Subjekt nicht mal mehr für volkswirtschaftliche Vorlesungen taugt. Dagegen unterscheidet die moderne Verbraucherwissenschaft zwischen vertrauenden, verantwortungsbewussten und verletzlichen Verbrauchern. Kritiker machen daraus gerne den Vorwurf, diese Dreiteilung diene der Ausdehnung des Aktionsradius der Verbraucherschützer. Wir wollen dagegen, dass Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Entscheidungen genauso treffen können, wie sie möchten. Klar ist aber auch, dass Verbraucher das bekommen müssen, was ihnen versprochen wurde. Verbraucher müssen Preis-Leistungs-Verhältnisse richtig beurteilen können und insbesondere bei Vertrauensgütern nicht übervorteilt werden. Das verlangt zuerst gute und verständliche Verbraucherinformationen. Ein Beispiel: Mehr als 80 Seiten AGB in komplizierter Sprache, allein um den Online-Bezahldienst Paypal zu nutzen, tragen nicht dazu bei, Menschen das Leben einfacher zu machen. Dafür wurde dieser Anbieter auch gerade abgemahnt.

          Gut gemacht ist besser als gutgemeint

          Wir sind aber oft vertrauende Verbraucher, wenn wir zum Beispiel einen Vertrag zur privaten Altersvorsorge abschließen, etwa einen staatlich geförderten Riester-Vertrag. Die Menschen haben darauf vertraut, dass solche Verträge ihre Altersabsicherung erbringen und nicht in erster Linie die Versicherungsindustrie unterhalten. Jeder hat die Freiheit, in Aktien, Immobilien oder auch in Bitcoins zu investieren. Aber wenn sie ihr Leben lang gearbeitet und sich die private Altersvorsorge vom Munde abgespart haben, um dann zu merken, dass die Rendite unter anderem von Verwaltungskosten aufgezehrt wurde, sind sie auf gute Finanzprodukte angewiesen. Wenn die Bundesregierung aus guten Gründen die private Altersvorsorge fördern möchte, dann muss das gut gemacht und nicht nur gutgemeint sein. Sonst schadet man Verbrauchern und verfehlt das Ziel. Unzählige Riester-Verträge ruhen, Neuabschlüsse sinken, und viele Verbraucher steuern auf eine unzureichende Altersvorsorge zu, unter anderem weil die staatliche Förderung nicht an eine Qualität der Finanzprodukte gekoppelt wurde und Marketingkosten, Provisionen und die Pflicht zu Garantien sehr teuer sind.

          Wie es bessergeht, zeigt das Beispiel Schweden. Mit einem staatlichen Altersvorsorgefonds, in den jeder angestellte Schwede einzahlt – es sei denn, er entscheidet sich ausdrücklich anders und wählt einen der rund 850 anderen privaten Fonds. Da der schwedische Staatsfonds durch eine kluge Anlagestrategie und eine deutliche Reduktion der Kosten viel mehr Rendite erwirtschaftet als die private Konkurrenz, entscheidet sich eine klare Mehrheit für diesen Fonds.

          Die Konsumvielfalt ist heute ein Segen. Digitalisierung, Internationalisierung und Individualisierung sind aber Trends, mit denen erheblicher Stress einhergeht. Das kann man alles auf die Verbraucher abladen oder akzeptieren, dass moderner Verbraucherschutz heute mehr Aufgaben zu leisten hat als in den fünfziger oder sechziger Jahren. Darum gehört die Auseinandersetzung mit algorithmenbasierten Versicherungsentscheidungen genauso dazu wie mit eHealth-Angeboten oder Smart-Home-Technologien. Wer Verbraucherschutz auf reine Information reduziert und Regulierung verhindern möchte, dient nicht der Sicherheit der Verbraucher, sondern falsch verstandenen Interessen der Anbieter.

          Noch ein Wort in Sachen Bildung: Nötig ist, dass Kinder und Jugendliche schon in der Schule lernen, wie die Konsum- und Geschäftswelt funktioniert. Hier sind sich sogar Wirtschaft und Verbraucherschützer einig.

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