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Streit im VW-Konzern eskaliert : Betriebsratschefin gegen Diess: „Hier ist nicht ein Mensch zu viel an Bord!“

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VW-Konzernbetriebsratschefin Cavallo Bild: dpa

Auf der Betriebsversammlung von Volkswagen spitzt sich der Streit um den Vorstandschef zu. Der vergleicht das Unternehmen einmal mehr mit Tesla. Kann Herbert Diess sich halten?

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          Nach der Eskalation des Streits um das Tempo beim Umbau von Volkswagen bemühen sich Konzernchef Herbert Diess und der Betriebsrat um Schadensbegrenzung. Diess appellierte am Donnerstag an die Belegschaft im Wolfsburger Stammwerk, bei der Transformation mit ihm an einem Strang zu ziehen. „Nur gemeinsam machen wir Volkswagen zukunftssicher“, sagte der Konzernchef vor Tausenden VW-Mitarbeitern. Darin seien er und Betriebsratschefin Daniela Cavallo sich einig.

          Cavallo wiederum kritisierte Diess wegen seinen Äußerungen über drohenden Personalabbau, machte aber auch klar, dass es bei dem Streit nicht um einzelne Personen gehe. „Das Einzige, was uns interessiert, sind Lösungen für die anstehenden Herausforderungen.“ Aus Arbeitnehmerkreisen hieß es jedoch, das Vertrauen zu Diess sei massiv beschädigt. Ob es irreparabel sei, werde sich in den nächsten Wochen zeigen.

          Vermittlungsausschuss eingeschaltet

          Wie am Mittwoch aus Unternehmenskreisen zu hören war, gerät Diess wegen der von ihm geforderten Veränderungen abermals ins Visier der Gewerkschaften. Die Quelle der Spekulationen über seine Ablösung ist unklar, mancher sieht sie aber in der Spitze der IG Metall, deren Vorsitzender Jörg Hofmann im Aufsichtsrat von VW sitzt. Demnach soll sich der Vermittlungsausschuss des Aufsichtsrats mit der beruflichen Zukunft des Konzernchefs befassen. „Das ist Thema im Vermittlungsschuss“, sagte eine mit den Beratungen befasste Person am Mittwoch.

          Betriebsratskreise in Wolfsburg ruderten auf Nachfrage prompt zurück. Es gehe nicht darum, Diess aus dem Amt zu drängen, hieß es. Aber mit seiner Ankündigung, die Transformation zur Elektromobilität könne bis zu 30.000 Arbeitsplätze kosten, sei die Frage aufgekommen, wie weit sich der VW-Chef um die Arbeitsplätze im Unternehmen kümmere.

          Cavallo sagte in ihrer Rede auf der Betriebsversammlung, Diess spekuliere leichtfertig über Personalabbau. „Mit einem Federstrich als wäre es nichts, stellen Sie einfach eine Zahl von 30.000 in den Raum.“ Danach habe Diess fast 48 Stunden gebraucht, um sich dazu zu äußern. „Und dann zu sagen: Ach, war alles nicht so gemeint!“, kritisierte Cavallo. „Ich stelle mal klar, was das mit den Kolleginnen und Kollegen hier macht, die seit anderthalb Jahren fast durchgängig in Kurzarbeit sind. Sie haben Angst! Angst um ihre Arbeit, um ihre Familien, um ihre Existenz.“

          Weil: Perspektive schaffen

          Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) argumentierte ähnlich. In einer solchen Situation dürfe ein Unternehmen nicht noch die Sorgen schüren. „Die Aufgabe des Unternehmens in diesen Zeiten ist es, Perspektiven zu geben“, sagte der SPD-Politiker. Niedersachsen ist zweitgrößter VW-Eigner nach der Familienholding Porsche SE. IG-Metall-Chef Jörg Hoffmann betonte auf der Veranstaltung, für den Schwenk zur Elektromobilität brauche Volkswagen eine motivierte Belegschaft: „Ein Trainer, der keinen Zugang zur Mannschaft hat, verliert das Spiel auf dem Platz.“

          Auch wenn Diess und Cavallo mäßigende Töne anschlugen und ihre Gesprächsbereitschaft betonten - in der Sache blieben beide hart. „Hier ist nicht ein Mensch zu viel an Bord. Nicht eine Stelle können Sie zusätzlich mit uns verhandeln. Wir haben schon unsere Hausaufgaben gemacht“, sagte die Betriebsratschefin, die im April den langjährigen Arbeitnehmervertreter Bernd Osterloh auf diesem Posten abgelöst hatte. Teilnehmer beschreiben sie als weniger laut und verbindlicher im Stil als ihren Vorgänger, der sich mit Diess in aller Öffentlichkeit Wortgefechte geliefert hatte. Aber sie verfolge ebenso eine klare Linie, sagte ein Kenner.

          Aber auch VW-Chef Diess will an seinem Kurs festhalten: Volkswagen müsse die Produktivität steigern und den Umbau beschleunigen, um von Tesla nicht abgehängt zu werden. Dazu wolle er das Stammwerk „wieder zum Aushängeschild für Autoproduktion machen.“ Der US-Autobauer brauche nur ein Drittel der Zeit für die Produktion eines E-Autos als VW in seinem Werk in Zwickau, erläuterte der 63-Jährige. In seiner neuen Fabrik in Grünheide bei Berlin wolle Tesla mit 7000 Mitarbeitern eine halbe Millionen Autos im Jahr bauen. „Was das alles an der Börse bedeutet, brauche ich hier nicht erwähnen.“

          Tesla habe durch die hohe Börsenbewertung unbegrenzten Zugang zu Geld und Ressourcen. „Selbst wenn ich nicht mehr über Elon Musk spreche: Er bleibt da und revolutioniert unsere Industrie und wird schnell immer wettbewerbsfähiger“, sagte Diess. Aus China drängten weitere Start-ups in den Markt. Volkswagen habe nach dem Dieselskandal bewiesen, dass der Konzern eine Krise zum Aufbruch nutzen könne. „Lassen Sie es uns wieder tun“, forderte er die Mitarbeiter auf.

          Der Streit ist wohl noch lange nicht ausgestanden. Die Frage sei, ob Diess sein Verhalten ändern werde, sagte ein Arbeitnehmervertreter, der nicht namentlich genannt werden wollte. Er deutete damit an, dass auch ein Bruch nicht ausgeschlossen sei. Als Nagelprobe gelten die Verhandlungen in den nächsten Wochen über einen gemeinsamen Plan für die Zukunft des Wolfsburger Werks bis zum Ende des Jahrzehnts (Vision 2030). Unter anderem deswegen war die für Mitte November angesetzte Investitionsplanung für die kommenden fünf Jahre auf den 9. Dezember verschoben worden.

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