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Abgas-Skandal : VW-Aufsichtsrat kündigt personelle Konsequenzen an

  • Aktualisiert am

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies sitzt im VW-Aufsichtsrat. Bild: dpa

Über Martin Winterkorns Zukunft im Volkswagen-Konzern spricht öffentlich niemand. Mitglieder des mächtigen Aufsichtsrates reden aber von personellen Konsequenzen. Der Aktienkurs fällt um weitere 5 Prozent. Und Frankreich verlangt einer europäische Untersuchung.

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          Olaf Lies entscheidet nicht darüber, ob Martin Winterkorn Chef von Volkswagen bleibt oder ob ein anderer Automanager gehen muss wegen der manipulierten Abgas-Tests in den Vereinigten Staaten. Zumindest nicht allein. Aber er entscheidet mit. Denn Niedersachsens Wirtschaftsminister ist Mitglied des mächtigen Konzern-Aufsichtsrats. Sein Bundesland ist ein großer Anteilseigner an Europas größtem Autobauer.

          Deswegen lässt aufhorchen, wenn er an diesem Dienstag im Radio sagt: „Und ich bin mir sicher, daraus wird es dann am Ende auch personelle Konsequenzen geben.“ Auch wenn er nicht explizit den Rücktritt Winterkorns fordert. Und auch wenn es beinahe banal klingt, dass eine mögliche Strafe über einen zweistelligen Milliardenbetrag und ein nicht absehbarer Image-Schaden Konsequenzen haben muss.

          Er spricht aber nun ganz offen über personelle Konsequenzen, was er nicht hätte tun müssen. Zu einem Zeitpunkt, zu dem eine Entscheidung wohl nicht unmittelbar ansteht. „Wir werden jetzt, glaube ich, in den nächsten Tagen und Wochen ... die Details erfahren, wer, wann, wo welche Entscheidungen getroffen hat, wer dafür verantwortlich ist.“

          Muss Winterkorn vor den Kongress?

          Unter Druck steht natürlich auch Konzernchef Martin Winterkorn, dessen Vertragsverlängerung bis 2018 gerade erst angekündigt wurde und die der Aufsichtsrat am Freitag noch genehmigen muss. Winterkorn hatte den Skandal zur Chefsache erklärt. Am Sonntag schon gestand Volkswagen freimütig ein getäuscht zu haben.

          Michael Horn, der Amerika-Chef des Konzerns, sagte während der Vorstellung des neuen Passats in New York ganz frei heraus: „Wir haben es verbockt.“ Die ganze Angelegenheit hat mittlerweile die höchsten politischen Ebenen in Amerika erreicht, was Übles für das Unternehmen erwarten lässt. Ein Sprecher des Weißen Hauses äußerte sich am Montag „ziemlich besorgt“ von der Angelegenheit.

          Das Justizministerium hat Medienberichten zufolge strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Und ein Ausschuss des amerikanischen Kongresses kündigte eine Anhörung zum VW-Skandal „in den kommenden Wochen“ an. „Das amerikanische Volk verdient Antworten und Zusicherungen, dass dies nicht wieder passiert.“

          Es ist der gleiche Ausschuss, vor dem auch Mary Barra, die Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Autokonzerns General Motors, im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit einer Rückrufaffäre aussagte. Das wirft die Frage auf, ob womöglich auch Volkswagen-Vorstandschef Martin Winterkorn bald nach Washington reisen wird, um Politikern Rede und Antwort zu stehen.

          Frankreich fordert derweil eine Untersuchung auf europäischer Ebene. „Wir sind ein europäischer Markt mit europäischen Regeln. Und die müssen eingehalten werden", sagte Finanzminister Michel Sapin dem Radiosender „Europe 1“. Die Untersuchung solle aber nicht nur Volkswagen betreffen. „Ich denke, um die Menschen zu beruhigen, sollten wir sie auch auf die französischen Hersteller ausdehnen.“ Er habe aber keinen Anlass zu glauben, dass sich diese so wie Volkswagen verhalten hätten. Auch das Schweizer Bundeaamt für Straßen untersucht offenbar, ob Diesel-Fahrzeuge desselben Typs auch in der Eidgenossenschaft verkauft wurden.

          In Deutschland wiederum machen auch andere einflussreiche Entscheider im Volkswagen-Konzern Druck. Volkswagen-Betriebsratschef Bernd Osterloh  - die Arbeitnehmerseite ist stark im Aufsichtsrat - forderte auf der Automesse IAA in Frankfurt, die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Er warnte zugleich vor Vorverurteilungen: „Wir gucken uns in den nächsten Tagen an, was passiert ist, wer die Verantwortung trägt.“ Auch da fällt kein Name. Aber im Grunde sendet Osterloh dieselbe Botschaft: Wer die Verantwortung trägt, geht.

          Der Abgas-Skandal hatte zu Wochenbeginn auch an der Börse deutliche Spuren hinterlassen. Der Aktienkurs von Volkswagen schrumpfte um rund ein Fünftel. Damit verringerte sich der Marktwert des Konzerns um rund 14 Milliarden Euro. Die Summe entspricht der Strafe, die der Autokonzern nach aktuellen Schätzungen in Amerika zahlen müsste, sollte der schlimmste Fall eintreten. Am Dienstagvormittag lag der Volkswagen-Aktienkurs weitere 5 Prozent im Minus und war damit abermals der mit großem Abstand schwächste Wert im Dax.

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