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Ernährung : Alle gegen die Massentierhaltung

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Vorurteile gegen die Massentierhaltung gibt es viele, doch nicht alle entsprechen auch der Wahrheit. Bild: Wresch, Jonas

Wer die Massentierhaltung abschaffen will, muss sagen, woher Fleisch, Milch, Eier kommen sollen. Eine mögliche Antwort lautet: aus Massentierhaltung im Ausland. Eine andere: Es gibt diese Produkte dann eben nicht mehr günstig für die Masse.

          Die Massentierhaltung hat eine schlechte Presse. Das liegt weniger an der Presse und mehr an der Massentierhaltung. Sie selbst liefert Bilder von Millionen zerschredderten Küken, überfüllten Putenställen, misshandelten Ferkeln und Enten. Diese Bilder – teils die Regel, teils wiederkehrende Ausnahmen – hat die Landwirtschaft gemacht, sie kommen nicht aus dem Filmstudio. Wie sollte die Politik damit umgehen? Das liegt auch an der Antwort, die sie auf die Frage nach den Ursachen gibt. Sind es lediglich „schwarze Schafe“ unter den Landwirten? Oder liegt es am „System“, also an der arbeitsteiligen, auf Effizienz getrimmten Fleischwirtschaft, in der das Tier im Wesentlichen ein Optimierungsobjekt ist, wie ein Motor für die Autoindustrie?

          Zunächst sollte man wissen, was ist und warum. Die Realität ist: Es gibt heute kaum etwas anderes. Die Enten und Hühner, die in Gärten herumlaufen, fallen nicht ins Gewicht. In Deutschland stammen ungefähr 98 Prozent des Fleisches aus konventioneller Tierhaltung, bei Milch und Eiern sind die Anteile etwas geringer. Auch ein großer Teil der Bioprodukte kommt aus Massentierhaltung. Es gibt Bioställe mit Tausenden Hühnern oder Tausenden Schweinen. Der Begriff Massentierhaltung per se sagt also wenig. Man kann ihn als nüchterne Beschreibung der Realität verstehen, aber auch als magisches Wort, in dem Dämonisierung und Ressentiment mitschwingen. Gemeint ist meistens: die Haltung so vieler Tiere, dass das einzelne nicht wahrgenommen wird. Hochspezialisierte Landwirte, auf schnelles Wachstum gezüchtete Tiere, abgeschlossene Stallsysteme – kein Tag mehr Leben als nötig und kein ästhetisches Mehr als nötig.

          Massentierhaltung liefert hässliche Bilder

          Das schlechte Image der Massentierhaltung hat auch damit zu tun, dass sie hässliche Bilder liefert. Im Fernsehen geht es zwar manchmal reißerisch zu, so dass ein Zerrbild der Wirklichkeit zurückbleibt. Trotzdem ist auch die Wirklichkeit unschön. Sie ist hygienisch, effizient, modern, aber keine Freude. Sie wird den Bedürfnissen der Tiere oft nicht gerecht. Und auch die immer wieder stattfindenden Tierqualexzesse sind offensichtlich im System begründet. Es sind zwar Einzelfälle, aber wiederkehrende.

          Die Massentierhaltung passt auch deshalb immer weniger in die Zeit, weil die Menschen mitfühlender geworden sind gegenüber Nutztieren, ob Hühner, Schweine oder Rinder. Neu ist auch die Verfügbarkeit der Bilder. Früher blieb im Verborgenen, wie es im Stall aussah, heute verbreiten sich die Bilder in den sozialen Medien; auch verfügt jede Tierschutzgruppe über modernste Filmtechnik. Landwirte selbst dokumentieren mit Webcams Transparenz, doch die Bilder aus dem Stall, die ihnen normal erscheinen, finden die Betrachter nicht selten befremdlich.

          Die Kriterien der Wirtschaft lauten Effizienz und Hygiene

          Das Problem: Die Tierhaltung hat sich Jahrzehnte unbeobachtet von einer Massenöffentlichkeit entwickelt – und zwar genau in entgegengesetzte Richtung wie diese Öffentlichkeit. Die Kriterien der Agrarwirtschaft lauten Effizienz und Hygiene. Deswegen kosten Fleisch, Milch und Eier heute wenig Geld. Der Strukturwandel zwang aber auch Hunderttausende Landwirte zum Berufswechsel.

          Massentierhaltung ist auch kein Ergebnis einer am Reißbrett entworfenen Revolution. Sie entstand nach und nach durch moderne Stalltechnik, die es ermöglicht, dass immer weniger Landwirte immer mehr Tiere großziehen. So geht es nicht um Schuld, sondern um unterschiedliche Perspektiven von Industrie und Verbrauchern.

          Die Kriterien der Bürger sind andere als die der Produzenten. Sie wünschen sich artgerechte Haltung. Ihr Begriff von Artgerechtheit ist allerdings oft von Vermenschlichungen verzerrt. Trotzdem genügt es nicht, eine Artgerechtheit anzubieten, die meint: sauberes Fleisch, satte Tiere ohne Verletzungen. Sie sollen wühlen, picken, laufen. Im Chor der Kritik singen alle mit, oft wohlfeil. Fast alle öffentlichen Stimmen sind gegen Massentierhaltung: bis auf die FDP und Teile der CDU alle relevanten Parteien, Prominente, Feuilletons, Fernsehköchinnen, Ethiker, Tierfreunde, Umweltschützer, Regenwald- und Klimaschützer, Slowfood-Pensionäre, Gourmets, Kapitalismuskritiker, Kinder, Pfarrer.

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          Wer A sagt, sollte fairerweise auch B sagen

          Wer A sagt, sollte fairerweise aber auch B sagen. Wer die Massentierhaltung abschaffen will, muss sagen, woher Fleisch, Milch, Eier, Leder und Daunen kommen sollen. Eine mögliche Antwort lautet: aus Massentierhaltung im Ausland. Eine andere: Es gibt diese Produkte dann eben nicht mehr günstig für die Masse. Oder man ersetzt sie durch pflanzliche oder chemische Stoffe. Oder viele Leute ziehen wieder aufs Land und halten Tiere, so wie früher. Alle Konsequenzen wären gravierend. Es scheint trotzdem manchem kein Widerspruch, mit Bratwurst in der Hand zu sagen, man sei jetzt auch Vegetarier.

          Massentierhaltung zu verbieten ist keine Lösung. Es muss darum gehen, diese Haltung weiter zu verbessern. Dafür sollten die Bauern sorgen. Schließlich sehen sie sich als unternehmerische Landwirte. Das heißt eben nicht allein, mehr und billiger zu produzieren, sondern auch Kundenwünsche zu befriedigen. Deshalb warten alle gespannt, was aus der für 2015 versprochenen Tierwohlinitiative wird.

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