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Amerikanische Unternehmen : Trump lieben oder hassen?

Donald Trump trifft sich mit Vorstandsvorsitzenden von IBM, Pepsi, Blackstone, GM und Walmart. Bild: Bloomberg

Kooperation oder Konfrontation mit Donald Trump? Das ist die Frage, die sich viele Konzernchefs in Amerika gerade stellen. Aber sollten Unternehmen überhaupt politisch agieren?

          7 Min.

          Amerikas Manager kennen nur noch ein Thema, wenn es um den neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump geht: Kooperation oder Konfrontation? Einige der prominentesten Vorstandschefs Amerikas haben sich für ersteres entschieden. Sie kamen kürzlich ins Weiße Haus nach Washington, um sich mit Trump zu treffen. Es war die erste Sitzung eines Gremiums, das den neuen amerikanischen Präsidenten in Wirtschaftsfragen beraten soll. Einer allerdings saß nicht mit am Tisch: Travis Kalanick, der Mitgründer und Vorstandschef des Fahrdienstes Uber, hatte tags zuvor für einen Eklat gesorgt, als er seinen Rücktritt aus dem Ausschuss wegen des von Trump verhängten Einreisestopps ankündigte.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Aber als das Treffen vorbei war, schien niemand etwas von Unstimmigkeiten wissen zu wollen. Einige Manager gingen wortlos an den Fernsehkameras vorbei, andere sagten knapp, das Treffen sei „produktiv“ oder „wunderbar“ gewesen. Jack Welch, der frühere Vorstandschef des Mischkonzerns General Electric, meinte gar, eine so tolle Besprechung mit einem so engagierten Präsidenten habe er noch nie im Weißen Haus erlebt. „Er will Amerika wieder großartig machen,“ schwärmte Welch.

          Alles in allem war es ja auch ein Tag der Freude für die Wirtschaft: Trump läutete die nächste Runde der Regulierung ein und wies den Kongress an, die komplizierten Vorgaben für die Banken zu lockern – auch damit seine „Freunde“ wieder einfacher an Kredite kommen. Das sagte er ganz offen.

          Aufstand der Managerelite

          Ist es das, was vom Aufstand der Managerelite übrigbleibt? Noch vor einer Woche sind sie als Tiger gestartet, ganz vorne waren sie mit dabei, als die Proteste im Land aufflammten. Anlass war der Einreisestopp für Personen aus sieben mehrheitlich muslimischen Staaten, den Trump vor zehn Tagen verhängt hat. Es war sein bisher spektakulärster, in seiner Radikalität völlig unerwarteter Erlass. Mehr als hundert Menschen – Flüchtlinge genauso wie Geschäftsreisende mit einer Aufenthaltsgenehmigung – wurden daraufhin an Flughäfen im ganzen Land festgehalten. Hunderte andere durften Flüge nach Amerika gar nicht erst antreten, Zehntausende verloren ihre Visa.

          Doch diesmal waren es nicht nur die üblichen Verdächtigen – Politiker, Menschenrechtsorganisationen und empörte Bürger –, die sich gegen Trump stellten. Die Opposition formierte sich an ganz ungewöhnlicher Stelle: in der Wirtschaft, angeführt vom Silicon Valley. Google-Mitgründer Sergey Brin demonstrierte am Flughafen in San Francisco gegen den Einreisestopp, in der Google-Zentrale protestierten Mitarbeiter und hielten Transparente mit Aufschriften wie „Verbietet Faschisten, nicht Religionen“ hoch. Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg von Facebook erinnerten daran, dass ihre Vorfahren Einwanderer aus Europa waren. Apple und andere Unternehmen wiesen darauf hin, dass es sie ohne Einwanderung nicht gäbe. Und Reed Hastings, der Vorstandsvorsitzende der Online-Videothek Netflix, nannte Trumps Dekret „so unamerikanisch, dass es uns alle schmerzt“. Der Widerstand beschränkt sich nicht auf Worte. Der Online-Händler Amazon unterstützt eine Klage des Bundesstaates Washington gegen Trumps Dekret, Apple prüft juristische Schritte. Und Airbnb bietet Tausenden von Flüchtlingen Unterkünfte an.

          Kritische Stimmen aus der Branche

          Nach und nach kamen auch aus anderen Branchen kritische Stimmen. Die Kaffeehauskette Starbucks kündigte an, 10.000 Flüchtlinge einstellen zu wollen, der Chef des Finanzkonzerns Citigroup schrieb an seine Mitarbeiter, es mache ihm Sorgen, welche Botschaft von dem Einreisestopp ausgeht, und selbst der Autohersteller Ford, der sich zuletzt betont freundlich mit Trump gestellt hatte, ging auf Distanz. Sogar von Goldman Sachs, gab es deutliche Kritik, obwohl gleich eine ganze Riege von ehemaligen Managern nun mit Trump zusammenarbeiten. Niemand ist freilich bisher so weit gegangen wie der Uber-Chef, dessen Rückzug aus dem Wirtschaftsgremium im Weißen Haus offenbar als Affront gewertet wird. Vertraute von Trump werden in amerikanischen Medien mit den Worten zitiert: „Wenn Du Deinen Zugang zum Weißen Haus kappen willst: Fuck you.“

          Entschiedener Gegner von Trumps Einwanderungspolitik: Vorstandsvorsitzender von Starbucks Howard Schultz

          Für die Wirtschaft kommt die offene Konfrontation einer Revolution gleich, doch die linksliberale Öffentlichkeit will noch mehr: Sie sieht in den Konzernen die einzigen Akteure, denen zuzutrauen ist, Trump stoppen zu können: „To CEOs of America“, flehte in der vergangenen Woche der angesehene linksliberale Kommentator Thomas L. Friedman in der „New York Times“: „Please help“. Er wandte sich direkt an die „American Business Leaders“ mit den Worten: „Ich schreibe Ihnen heute, weil bald klar sein wird, dass Sie eine Aufgabe haben werden, an die sie zuvor niemals dachten: das Land zu retten vor einem Führer, der eine wahrhaft verzerrte Sicht darauf hat, wie die Welt funktioniert und welche Rolle Amerika darin zu spielen hat.“

          Appell an die Konzernchefs

          Friedman appellierte an die Konzernchefs, sich nicht von einem kurzzeitigen Hochgefühl täuschen zu lassen, das Deregulierung und Steuersenkungen ihnen bringen könnten. Denn Trump und sein Chefideologe Stephen Bannon seien auf einer Mission, Amerika in eine Zeit zurückzuführen, „als die größten CEOs nicht Satya und Sundar hießen“ (wie das bei den Technologiegiganten Microsoft und Google und ihren aus Indien kommenden Vorstandschefs der Fall ist). Was sich mit Friedmans Flehen verbindet, ist die Befürchtung, auf das Kontrollsystem der Gewaltenteilung sei kein Verlass mehr. Ist es schon so weit?

          Wenn der Kongress versagt, die Judikative zu lange braucht, die Medien nicht ernst genommen werden, erwächst eine fünfte Gewalt im Staate: die Konzerne. Die Logik dahinter: Wenn sich ein Staatslenker mehr als CEO der größten Wirtschaftsmacht der Erde denn als Präsident versteht, kann er auch nur von seinesgleichen gestoppt werden. Seine Kollegen sollen Trump in die Schranken weisen, obwohl sie doch vor allem ihren Eigentümern und den Mitarbeitern verpflichtet sind – und das zum Schutz des amerikanischen Volkes, das so gespalten ist, wie niemals zuvor. Denn wer sich nun gegen Trump stellt, mag damit einen Teil der Amerikaner begeistern, wird aber womöglich andere gegen sich aufbringen. Während Uber-Chef Kalanick dafür attackiert wurde, in Trumps Gremium zu sein, gab es Boykottaufrufe gegen Unternehmen wie Starbucks, die das Einreiseverbot kritisierten.

          Vertrautes Terrain für Trump

          Am Einfluss der Unternehmen besteht jedenfalls kein Zweifel: Trump sucht selbst die Nähe zu Top-Managern, schließlich ist das für ihn vertrautes Terrain. Seit seiner Vereidigung vor etwas mehr als zwei Wochen hatte er bereits fünf Treffen mit Vorstandschefs, mal mit Managern aus verschiedenen Branchen der verarbeitenden Industrie, dann speziell für die Auto- oder die Pharmaindustrie. Es fällt auf, dass Trump zu den eher klassischen Industrien tendiert. Zum Silicon Valley scheint er ein gespaltenes Verhältnis zu haben, und das, obwohl es zu den Aushängeschildern der amerikanischen Wirtschaft gehört und obwohl die Technologiegiganten Apple, Alphabet (die Muttergesellschaft von Google) und Microsoft die wertvollsten Unternehmen der Welt sind. Sie generieren nicht nur Milliardengewinne, sondern mobilisieren auch die Massen. Was Mark Zuckerberg an seine knapp 1,9 Milliarden Facebook-Nutzer herausposaunt, hat Gewicht. Wenn sich Travis Kalanick entscheidet, Trumps Beratergremium zu verlassen, ist das eine Nachricht, die um die Welt geht. Aber Trumps Botschaft im Wahlkampf zielte auf die Wiederbelebung der traditionellen verarbeitenden Industrie und gerade nicht auf das Silicon Valley. Und es ist gewiss kein Zufall, dass Kalanick eine der wenigen Stimmen aus der Technologieszene in Trumps diversen Beratungsgremien war.

          Massenproteste am Flughafen von San Francisco gegen Trumps kontroverses Einreiseverbot.

          Aber ist es wirklich im Interesse der Unternehmen, sich einzumischen? Und ist das für die Gesellschaft wünschenswert? Lange Zeit galt, dass Unternehmen sich aus der Politik heraushalten sollten, und diese Meinung wird bis heute oft vertreten. Hartmut Kliemt, Professor für Philosophie und Ökonomik, bringt es in einem Interview mit der „Neuen Züricher Zeitung“ auf den Punkt: „Ethisch den sterbenden Schwan zu geben, befriedigt vielleicht die moralische Selbstgefälligkeit des Managers, wird aber der umfassenden ethischen Verantwortung der Firmenführung für die Aktionäre und Arbeitnehmer nicht gerecht.“

          Die Welt hat sich gewandelt

          Ganz anders sieht es Aaron Levie, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des Technologieunternehmens Box aus dem Silicon Valley, der oft mit Trump-kritischen Äußerungen auf Twitter auffällt. Er hält es für einen „Mythos“, dass Manager sich aus politischen Angelegenheiten heraushalten sollen. Levie sagt, er habe selbst von Investoren Beifall dafür bekommen, dass er öffentlich Haltung zeigt.

          Die Welt hat sich gewandelt. Noch immer verfolgen Unternehmen vor allem einen Zweck: gute Geschäfte machen, Rendite maximieren. Aber während es früher reichte, ein Produkt möglichst gewinnbringend zu verkaufen, ist die Rechnung heute komplizierter. Auch der Zeitgeist muss befriedigt werden. Wenn Unternehmen für Vielfalt und Weltoffenheit kämpfen, kann ihnen das Sympathien der tonangebenden Öffentlichkeit und damit auch Kundschaft bringen. Und die Kunden sind längst nicht die einzigen „Stakeholder“, denen es zu gefallen gilt: Gerade im Silicon Valley, wo der Kampf um qualifiziertes Personal so hart ist wie wohl nirgends sonst, ist es wichtig, ein Wertegerüst zu haben, mit dem sich die Belegschaft identifizieren kann. So dürfte es zu erklären sein, dass sich die Technologiebranche besonders für die Gleichberechtigung diverser Minderheiten engagiert – auch wenn sie in puncto Vielfalt ihre eigenen Defizite hat, zum Beispiel einen niedrigen Anteil von Frauen in ihren Belegschaften.

          Uber-Chef auf den Barrikaden

          Das hat dazu geführt, dass es schon seit geraumer Zeit eine gewisse Entfremdung zwischen der Unternehmenswelt und dem großen konservativ-evangelikalen Flügel der Republikaner gibt. „In Fragen der sozialen Werte sind die Meinungen immer weiter auseinandergedriftet“, sagt etwa Günther Heckelmann, Partner der deutsch-amerikanischen Kanzlei BakerMcKenzie, der schon seit Jahren zwischen Deutschland und Amerika pendelt. „Diese Unternehmen sind sehr stark der gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung verpflichtet, die von den Zielen der Antidiskriminierung, Gleichberechtigung und Förderung von Minderheiten geprägt ist“, sagt er. „Dem müssen und wollen sie auch gerecht werden.“

          Dabei ist es eine ganz andere Frage, ob es sinnvoll ist, so wie der Uber-Chef Kalanick auf die Barrikaden zu gehen. Elon Musk hat einen anderen Weg gewählt. Der Vorstandschef des Elektroautoherstellers Tesla wurde von Trump ebenfalls als Berater angeworben und wurde damit, wie Kalanick, zur Zielscheibe von Kritikern. Manche twitterten sogar, sie würden Bestellungen von Tesla-Autos rückgängig machen. Aber Musk argumentiert, es sei besser, den Dialog zu suchen, weshalb er in dem Gremium blieb und zum Treffen am Freitag kam. Er versprach im Vorfeld, Trump mit seinen Einwänden gegen das Einreiseverbot zu konfrontieren, hat bislang aber nicht verraten, ob er das tatsächlich getan hat. Auf Twitter hielt sich Musk nach dem Treffen bedeckt: „Es wird weiter Fortschritt in der Frage geben“, verkündete er lapidar.

          Justiz kann Trump in die Schranken weisen

          Bleibt die zweite Frage, ob so viel Engagement der Unternehmen bei einem politischen Umsturz überhaupt wünschenswert ist. Fragt man Wirtschaftsethiker, reagieren die mit blanker Ablehnung, entweder weil sie es den Unternehmen nicht zutrauen oder weil diese Aufgaben andere Gruppen übernehmen sollten. „Wir dürfen von den Unternehmen kein Eintreten für Rechte um der Rechte willen erwarten. Das muss schon die Zivilgesellschaft leisten“, sagt etwa Ulrich Thielemann, Direktor der Denkfabrik für Wirtschaftsethik MeM. Er schiebt dann nach: „Man muss schon sehr marktgläubig sein, wenn man denkt, die Welt wird besser, wenn Unternehmen die Welt regieren. Denn darauf würde das hinauslaufen.“ Nils Ole Oermann, Ethik-Professor an der Universität Lüneburg hat ebenfalls kein echtes Vertrauen in das Demokratieverständnis der großen Technikkonzerne. „Für die sind Politiker Menschen mit schlecht sitzenden Anzügen und langsamen Computern“, sagt er. Ohnehin bestehe die Gefahr, dass sich die Konzerne überheben: „Silicon Valley wird schnell merken, dass Trump doch mächtiger ist als sie.“

          Die einzige Kraft, die Trump bisher erfolgreich in die Schranken weisen konnte, ist die Justiz. Gleich mehrere Bundesgerichte befassten sich in Eilverfahren mit dem Einreisestopp und kamen zum gleichen Ergebnis: Diese Regierungsanweisung verstößt gegen die amerikanische Verfassung. Der umfassendste Schlag kam am Freitag von einem Gericht in Seattle: Der Richter hob den Einreisestopp vollständig auf. Trump will gegen das Urteil des „sogenannten Richters“ vorgehen, natürlich im Rechtswege. Für die Manager ist ihr Widerstand dagegen ungewohntes Terrain. Hier sind sie die Anfänger.

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