https://www.faz.net/-gqe-955g9

Grenzen des Marktes : Vorsicht, Gemeinwohl!

Im Kindergarten kann Geld fehl am Platz sein. Bild: dpa

Märkte sind kein Selbstzweck – und haben ihre Grenzen. Passt man nicht auf, können sie sogar Tugend und Moral zerstören. Doch: Weniger Kapitalismus ist auch keine Lösung. Ein Essay.

          7 Min.

          Paul Christian, Chef der Feuerwehr von Boston, war es leid: „Kann es Zufall sein, dass meine Leute immer gerade am Montag und am Freitag krank werden?“, fragte sich der Mann und beschloss, andere Saiten aufzuziehen: Von nun an sollte, wer mehr als fünfzehn Tage im Jahr krank war, einen Abschlag vom Lohn in Kauf nehmen müssen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Sache ging nach hinten los, endete anders, als der Feuerwehr-Kommandant sich das vorgestellt hatte. Die Zahl jener Feuerwehrleute, die sich am darauffolgenden Weihnachten und Neujahr krankmeldeten, hatte sich verzehnfacht. Anstatt zu einem Rückgang des Krankenstandes führte das neu eingeführte Strafgeld zu einer unerwarteten Vermehrung kranker Feuerwehrmänner. Daraufhin kürzte Paul Christian seinen Leuten auch noch das Urlaubs- und Weihnachtsgeld; doch auch dies ließ sie unbeeindruckt: Im Folgejahr addierten sich die Krankentage der Feuerwehrmänner auf 13.500 Tage; im Vorjahr waren es lediglich 6400 Tage.

          Kleine Geschichte der wundersam kranken Feuerwehrleute

          Die kleine Weihnachtsgeschichte der wundersam kranken Feuerwehrleute, nachzulesen im „Boston Globe“ vom 18. Januar 2002, muss all jenen zu denken geben, die an die Macht des ökonomischen Gesetzes glauben. Dessen erster Hauptsatz lautet: Anreize (Incentives) wirken, einerlei, ob sie positiv oder negativ gesetzt werden. Warum die neuen Regeln des Feuerwehrchefs zwar auch wirkten, aber ganz anders als intendiert, haben die Betroffenen freimütig offengelegt: Feuerwehrleute, das weiß man nicht erst seit dem 11. September 2001, sind überall auf der Welt stolze Männer, denen die Pflicht über alles geht. Genau in diesem ihrem Stolz und Pflichtbewusstsein fühlten sie sich verletzt – wohlgemerkt nicht durch den Verdacht gezielten Krankfeierns, sondern durch die Unterstellung, einzig die Furcht vor Lohnkürzung treibe sie zur Arbeit. Das brachten sie trotzig zum Ausdruck, indem sie finanzielle Einbußen in Kauf zu nehmen bereit waren, um ihren Stolz zu verteidigen.

          Der Markt hat seine Grenzen, so lautet die Botschaft der Weihnachtsgeschichte aus Boston. Preise – ein Abschlag vom Lohn als Strafe für Fehlzeiten – können das Arbeitsethos zerstören. Extrinsische (Negativ-)Anreize demolieren die positive intrinsische Motivation. Was gut gemeint und von vielfältiger psychologischer Erfahrung auch gedeckt ist, kann sein Gegenteil bewirken. Am Ende wurde alles noch schlimmer.

          News per Whatsapp, Telegram und Messenger
          News per Whatsapp, Telegram und Messenger

          Ab sofort versorgen wir Sie über Ihren Lieblingsdienst mit den Themen des Tages.

          Jetzt anmelden

          Über die „Grenzen des Marktes“ gibt es seit geraumer Zeit eine unter Ökonomen anschwellende Debatte. Es sind nicht die Antikapitalisten, es sind nicht die üblichen linken Verdächtigen, die sich zu Wort melden. Es sind Leute wie Paul de Grauwe, ein anerkannter Forscher der „London School of Economics“, der offen bekennt, dass er früher der Ansicht gewesen sei, der Markt biete für die meisten ökonomischen Probleme eine Lösung, eine Position, die er heute nicht mehr teile: „Ich glaube, heute bin ich weniger ideologisch und viel mehr pragmatisch“, sagt de Grauwe.

          Man geht kein zu großes Risiko ein zu prognostizieren, dass die Debatte über die Grenzen des Marktes im kommenden Jahr zunehmen wird: Denn dann ist es zehn Jahre her seit der großen Weltfinanzkrise, die im September 2008 mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Lehman Bank ihren traurigen Höhepunkt erreicht hatte.

          Seit der Finanzkrise ist die Welt klüger geworden

          Auch in der Finanzkrise ging es um die Grenzen des Marktes. Hätten die Märkte funktioniert, hätte es zu einem Kollaps des Finanzsystems gar nicht kommen dürfen. In dieser schönen Welt sammeln Investoren alle ihnen zur Verfügung stehenden Informationen über Staaten oder Unternehmen, in welche sie zu investieren beabsichtigen. Auch hier gilt die Hoffnung des Feuerwehrchefs aus Boston, dass Anreize wirken: Wenn Firmen zu wachsen versprechen, haben Investoren Anreize, deren Aktien zu kaufen, was diesen Firmen dann genau jene finanziellen Ressourcen zur Verfügung stellt, die sie zum Wachstum brauchen. Finanzmärkte sind effizient, weil sie dafür sorgen, dass Ersparnisse in die besten und erfolgreichsten Unternehmen und Projekte fließen. Und Finanzmärkte sind stabil, weil Investoren ihre Risiken streuen und das System sich selbst reguliert. Das war die Welt vor 2008. Alan Greenspan, der damalige Chef der amerikanischen Notenbank war der brillanteste Anwalt dieser Theorie, wenn er die Wall-Street-Banker als „Bestäubungsbienen“ der Marktwirtschaft adelte.

          Seit dem Zusammenbruch der Lehman Bank und der darauf folgenden Krise ist die Welt ein bisschen klüger. Anleger und Investoren verhalten sich eben nicht nur rational, sondern gleichen nicht selten einer Schafherde. Sie laufen anderen Investoren nach, weil sie meinen, diese hätten wichtige Informationen über die Zukunft, was euphorischen Optimismus erzeugt und zu sich selbst erfüllenden Hoffnungen führt – und mit einem großen Kater endet, wenn die Blase platzt. Mehr noch: Banken haben sich dazu hinreißen lassen, immer mehr Geld rentabel auszuleihen, und sich wenig darum gekümmert, ob sie ihre Ausleihungen auch zurückbekommen, geschweige denn haben sie für solche Fälle mit Eigenkapital Vorsorge getroffen. Traumwandlerisch haben sie darauf gehofft, dass sie im Falle eines Falles mit Steuergeld herausgepaukt würden, weil die Staaten sich aus guten Gründen einen Zusammenbruch ihres Finanzsystems nicht leisten wollten.

          „Moral Hazard“ nennen Ökonomen ein solches Verhalten der Banken, das die Verantwortung für die Folgen riskanten Wirtschaftens an andere delegiert. Allemal klaffen individuelle und kollektive Rationalität auseinander: Die individuelle Logik des Handelns bewirkt negative externe Effekte für andere, verletzt somit die kollektive Vernunft und schadet dem Gemeinwohl. Dieser perfiden Rationalität haben sich die Banken vor zehn Jahren bedient – sie würden es heute nicht anders machen. Dieser Rationalität bedienen sich auch alle Unternehmen, die mit schädlichen Emissionen aller Art Umwelt und Klima belasten, die Kosten dafür aber der Allgemeinheit überantworten. Allemal geht es um „Moral Hazard“ und „externe Effekte“, die der Markt allein nicht in den Griff bekommt. Sonst würden die Unternehmen von allein energiesparend und emissionsfrei wirtschaften.

          Preissignale, die perverse Anreize setzen, externe Effekte des Wirtschaftens, die negative Folgen für die Allgemeinheit haben und Verantwortunglosigkeiten der Finanzindustrie, welche die Aufräumarbeiten anderen überlässt: all das sind Erfahrungen, die Marktwirtschaftler seit zehn Jahren nachdenklich werden ließen. Dabei spielt die Scham der Ökonomen darüber, dass sie den Zusammenbruch des Finanzsystems nicht geahnt haben, gewiss eine Rolle. Gewiss, der Seismologe weiß auch nicht, wann das Erdbeben kommt, und der Vulkanologe weiß nicht, wann die Lavamassen ausbrechen. Aber der Mainstream der Ökonomen war bis kurz vor 2008 der Meinung, die Weltwirtschaft sei nicht mehr krisenanfällig und Depressionen ein Relikt früherer Phasen der Wirtschaftsgeschichte.

          Marktwirtschaft ist kein Selbstzweck

          Inzwischen hat es sich herumgesprochen: Marktwirtschaft ist kein Selbstzweck. Sie ist ein – krisenanfälliges – Mittel, die materiellen und immateriellen Wünsche und Interessen der Einzelnen mit denen aller Menschen zu versöhnen. Man darf dies getrost Gemeinwohl nennen, sofern darunter ein (nie zu erreichendes) Ziel einer Gesellschaft verstanden wird, in der im Vorhinein gleichsam unter einem Schleier des Nichtwissens niemand sich seiner wirtschaftlichen oder politischen Macht sicher sein kann.

          Dass die Wirtschaftswissenschaft heute ein wenig klüger geworden ist, hängt auch damit zusammen, dass sie sich ernsthaft Nachbardisziplinen zugewandt hat, allen voran der Psychologie, der Marktsoziologie und der Moralphilosophie, die sie zuvor lange Jahre ignoriert, wenn nicht verachtet hatte. Bahnbrechende Einsicht der Psychologie und Neurologie ist es, dass im menschlichen Gehirn zwei Systeme tätig sind: ein rationales, sorgfältig Kosten und Nutzen wägendes System, das am ehesten dem Ideal des „Homo Oeconomicus“ entspricht, aber auch ein intuitives System, in dem Ängste, Sympathien, Paniken ihren Platz haben – Gefühle, denen mit utilitaristischer Logik schwer beizukommen ist. Hierzu zählt auch ein Gefühl für Fairness, aus dem heraus zum Beispiel ein Armer ein billiges Almosen als Beleidigung ablehnt, auch wenn es rational für ihn wäre, selbst die kleinste Gabe anzunehmen.

          Wer über die Grenzen des Marktes spricht, redet damit nicht dem Staat das Wort. Denn die Grenzen des Staates sind mindestens so sichtbar wie die Grenzen des Marktes: Kluge Analysen der politischen Ökonomie („Public Choice“) haben seit langem gezeigt, dass Politiker in Demokratien weder wie wohlwollende Diktatoren noch als Anwälte des Gemeinwohls agieren. Im Gegenteil: Sie verfolgen Eigeninteressen, verführen mit dem Geld der Allgemeinheit spezielle Wählergruppen dazu, ihnen die Stimme zu geben, und geben im Ton anmaßenden Wissens vor, das gute Leben zu kennen, um daraus die Legitimation der Bürgerlenkung abzuleiten. Die Grenzen des Marktes in den Blick zu nehmen ist kein Argument gegen den Kapitalismus und für den Staatsinterventionismus.

          Weniger Kapitalismus ist eben auch keine Lösung, wie ein Blick auf die Entwicklung des Wohlstands in Süd- und Nordkorea seit 1950 zeigt (siehe Chart). Doch die Anerkennung der Grenzen des Marktes führt zu einer notwendigen Korrektur des ökonomischen Menschenbildes. Spätestens seit dem Renaissance-Denker Niccolò Machiavelli zeichnen die Philosophen ein realistisches Bild von Menschen, die mal gut, mal böse, mal gierig, mal neidisch, mithin ziemlich problematische Wesen sind. Das ist realistisch. Zu Recht gilt es als aussichtsloses Unterfangen, Menschen moralisch verbessern zu wollen. Sie sind, wie sie sind. Aus dieser realistischen Beschreibung folgerten Ökonomen, sie müssten sich um Sitte, Moral und kulturelle Werte gar nicht kümmern: Gesetze und rechtliche Institutionen würden schon dafür sorgen, dass die Menschen nichts Böses anstellen. Und der Markt würde private Schwächen und Laster in öffentliche Tugenden verwandeln. Monetäre Anreize sollten das individuelle Verhalten zum Guten lenken.

          Weniger Kapitalismus ist auch keine Lösung

          Doch der Glaube, dass der Markt aus sich selbst heraus Moral erzeugt, ist fraglich. Es könnte auch sein, dass er Tugenden vernichtet, wie die Geschichte der Feuerwehrleute demonstriert. Wer nur auf die Welt des Homo oeconomicus blickt, unterschlägt den Stellenwert von Anstand oder Ehrlichkeit: dass man sein Wort halten muss und einlösen soll, was man versprochen hat. Ohne diese soziale Voraussetzung funktioniert die Marktwirtschaft nicht. Gefährlicher noch: Wer allein auf ökonomische Incentives setzt, mithin intrinsische durch extrinsische Motivation ersetzt, läuft Gefahr, genau jene Voraussetzungen zu ruinieren, von denen der Markt lebt.

          Für diese Zerstörung der Moral durch Preise und Anreize gibt es ein mittlerweile sehr berühmtes Beispiel. In einem Kinderhort im israelischen Haifa verspäteten sich die Eltern beim Abholen ihrer Kinder: blöd für die Kleinen und ärgerlich für die Erzieher. Deswegen führte der Hort eine Strafe ein für Eltern, die zu spät kommen. Doch die Aktion ging – ähnlich wie bei der Feuerwehr in Boston – nach hinten los: Statt pünktlicher zu kommen, holten noch mehr Eltern ihre Kinder zu spät ab und zahlten die Strafe dafür so selbstverständlich wie das Ticket beim Falschparken. Aus der moralischen Verpflichtung, die Kinder rechtzeitig abzuholen, wurde eine Art legaler Ablasshandel: Wer Strafe zahlt, meint, er habe damit ein Recht auf Zuspätkommen gekauft. Wer Zuspätkommen bepreist, legalisiert es. Die Botschaft heißt: Ihr dürft zu spät kommen, so lange ihr dafür zahlt.

          „Unsere Welt steht nicht zum Verkauf“, so lautet ein Kampfbegriff antikapitalistischer Organisationen. Marktwirtschaftler müssen den Kampfbegriff zurückerobern, weil sie wissen, dass auch funktionierende Märkte von Voraussetzungen leben, die sie selbst nicht herstellen können und die sie sogar kaputtmachen, wenn sie jedwedes Verhalten durch Preise lenken wollen. „Das Pendel schlägt zurück“, sagt Paul de Grauwe. Das ist nicht ungefährlich, weil die Etatisten Oberwasser bekommen. Doch noch gefährlicher wäre es, über die Grenzen des Marktes zu schweigen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.