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Grenzen des Marktes : Vorsicht, Gemeinwohl!

Weniger Kapitalismus ist eben auch keine Lösung, wie ein Blick auf die Entwicklung des Wohlstands in Süd- und Nordkorea seit 1950 zeigt (siehe Chart). Doch die Anerkennung der Grenzen des Marktes führt zu einer notwendigen Korrektur des ökonomischen Menschenbildes. Spätestens seit dem Renaissance-Denker Niccolò Machiavelli zeichnen die Philosophen ein realistisches Bild von Menschen, die mal gut, mal böse, mal gierig, mal neidisch, mithin ziemlich problematische Wesen sind. Das ist realistisch. Zu Recht gilt es als aussichtsloses Unterfangen, Menschen moralisch verbessern zu wollen. Sie sind, wie sie sind. Aus dieser realistischen Beschreibung folgerten Ökonomen, sie müssten sich um Sitte, Moral und kulturelle Werte gar nicht kümmern: Gesetze und rechtliche Institutionen würden schon dafür sorgen, dass die Menschen nichts Böses anstellen. Und der Markt würde private Schwächen und Laster in öffentliche Tugenden verwandeln. Monetäre Anreize sollten das individuelle Verhalten zum Guten lenken.

Weniger Kapitalismus ist auch keine Lösung

Doch der Glaube, dass der Markt aus sich selbst heraus Moral erzeugt, ist fraglich. Es könnte auch sein, dass er Tugenden vernichtet, wie die Geschichte der Feuerwehrleute demonstriert. Wer nur auf die Welt des Homo oeconomicus blickt, unterschlägt den Stellenwert von Anstand oder Ehrlichkeit: dass man sein Wort halten muss und einlösen soll, was man versprochen hat. Ohne diese soziale Voraussetzung funktioniert die Marktwirtschaft nicht. Gefährlicher noch: Wer allein auf ökonomische Incentives setzt, mithin intrinsische durch extrinsische Motivation ersetzt, läuft Gefahr, genau jene Voraussetzungen zu ruinieren, von denen der Markt lebt.

Für diese Zerstörung der Moral durch Preise und Anreize gibt es ein mittlerweile sehr berühmtes Beispiel. In einem Kinderhort im israelischen Haifa verspäteten sich die Eltern beim Abholen ihrer Kinder: blöd für die Kleinen und ärgerlich für die Erzieher. Deswegen führte der Hort eine Strafe ein für Eltern, die zu spät kommen. Doch die Aktion ging – ähnlich wie bei der Feuerwehr in Boston – nach hinten los: Statt pünktlicher zu kommen, holten noch mehr Eltern ihre Kinder zu spät ab und zahlten die Strafe dafür so selbstverständlich wie das Ticket beim Falschparken. Aus der moralischen Verpflichtung, die Kinder rechtzeitig abzuholen, wurde eine Art legaler Ablasshandel: Wer Strafe zahlt, meint, er habe damit ein Recht auf Zuspätkommen gekauft. Wer Zuspätkommen bepreist, legalisiert es. Die Botschaft heißt: Ihr dürft zu spät kommen, so lange ihr dafür zahlt.

„Unsere Welt steht nicht zum Verkauf“, so lautet ein Kampfbegriff antikapitalistischer Organisationen. Marktwirtschaftler müssen den Kampfbegriff zurückerobern, weil sie wissen, dass auch funktionierende Märkte von Voraussetzungen leben, die sie selbst nicht herstellen können und die sie sogar kaputtmachen, wenn sie jedwedes Verhalten durch Preise lenken wollen. „Das Pendel schlägt zurück“, sagt Paul de Grauwe. Das ist nicht ungefährlich, weil die Etatisten Oberwasser bekommen. Doch noch gefährlicher wäre es, über die Grenzen des Marktes zu schweigen.

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