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Grenzen des Marktes : Vorsicht, Gemeinwohl!

Preissignale, die perverse Anreize setzen, externe Effekte des Wirtschaftens, die negative Folgen für die Allgemeinheit haben und Verantwortunglosigkeiten der Finanzindustrie, welche die Aufräumarbeiten anderen überlässt: all das sind Erfahrungen, die Marktwirtschaftler seit zehn Jahren nachdenklich werden ließen. Dabei spielt die Scham der Ökonomen darüber, dass sie den Zusammenbruch des Finanzsystems nicht geahnt haben, gewiss eine Rolle. Gewiss, der Seismologe weiß auch nicht, wann das Erdbeben kommt, und der Vulkanologe weiß nicht, wann die Lavamassen ausbrechen. Aber der Mainstream der Ökonomen war bis kurz vor 2008 der Meinung, die Weltwirtschaft sei nicht mehr krisenanfällig und Depressionen ein Relikt früherer Phasen der Wirtschaftsgeschichte.

Marktwirtschaft ist kein Selbstzweck

Inzwischen hat es sich herumgesprochen: Marktwirtschaft ist kein Selbstzweck. Sie ist ein – krisenanfälliges – Mittel, die materiellen und immateriellen Wünsche und Interessen der Einzelnen mit denen aller Menschen zu versöhnen. Man darf dies getrost Gemeinwohl nennen, sofern darunter ein (nie zu erreichendes) Ziel einer Gesellschaft verstanden wird, in der im Vorhinein gleichsam unter einem Schleier des Nichtwissens niemand sich seiner wirtschaftlichen oder politischen Macht sicher sein kann.

Dass die Wirtschaftswissenschaft heute ein wenig klüger geworden ist, hängt auch damit zusammen, dass sie sich ernsthaft Nachbardisziplinen zugewandt hat, allen voran der Psychologie, der Marktsoziologie und der Moralphilosophie, die sie zuvor lange Jahre ignoriert, wenn nicht verachtet hatte. Bahnbrechende Einsicht der Psychologie und Neurologie ist es, dass im menschlichen Gehirn zwei Systeme tätig sind: ein rationales, sorgfältig Kosten und Nutzen wägendes System, das am ehesten dem Ideal des „Homo Oeconomicus“ entspricht, aber auch ein intuitives System, in dem Ängste, Sympathien, Paniken ihren Platz haben – Gefühle, denen mit utilitaristischer Logik schwer beizukommen ist. Hierzu zählt auch ein Gefühl für Fairness, aus dem heraus zum Beispiel ein Armer ein billiges Almosen als Beleidigung ablehnt, auch wenn es rational für ihn wäre, selbst die kleinste Gabe anzunehmen.

Wer über die Grenzen des Marktes spricht, redet damit nicht dem Staat das Wort. Denn die Grenzen des Staates sind mindestens so sichtbar wie die Grenzen des Marktes: Kluge Analysen der politischen Ökonomie („Public Choice“) haben seit langem gezeigt, dass Politiker in Demokratien weder wie wohlwollende Diktatoren noch als Anwälte des Gemeinwohls agieren. Im Gegenteil: Sie verfolgen Eigeninteressen, verführen mit dem Geld der Allgemeinheit spezielle Wählergruppen dazu, ihnen die Stimme zu geben, und geben im Ton anmaßenden Wissens vor, das gute Leben zu kennen, um daraus die Legitimation der Bürgerlenkung abzuleiten. Die Grenzen des Marktes in den Blick zu nehmen ist kein Argument gegen den Kapitalismus und für den Staatsinterventionismus.

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