https://www.faz.net/-gqe-955g9

Grenzen des Marktes : Vorsicht, Gemeinwohl!

Man geht kein zu großes Risiko ein zu prognostizieren, dass die Debatte über die Grenzen des Marktes im kommenden Jahr zunehmen wird: Denn dann ist es zehn Jahre her seit der großen Weltfinanzkrise, die im September 2008 mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Lehman Bank ihren traurigen Höhepunkt erreicht hatte.

Seit der Finanzkrise ist die Welt klüger geworden

Auch in der Finanzkrise ging es um die Grenzen des Marktes. Hätten die Märkte funktioniert, hätte es zu einem Kollaps des Finanzsystems gar nicht kommen dürfen. In dieser schönen Welt sammeln Investoren alle ihnen zur Verfügung stehenden Informationen über Staaten oder Unternehmen, in welche sie zu investieren beabsichtigen. Auch hier gilt die Hoffnung des Feuerwehrchefs aus Boston, dass Anreize wirken: Wenn Firmen zu wachsen versprechen, haben Investoren Anreize, deren Aktien zu kaufen, was diesen Firmen dann genau jene finanziellen Ressourcen zur Verfügung stellt, die sie zum Wachstum brauchen. Finanzmärkte sind effizient, weil sie dafür sorgen, dass Ersparnisse in die besten und erfolgreichsten Unternehmen und Projekte fließen. Und Finanzmärkte sind stabil, weil Investoren ihre Risiken streuen und das System sich selbst reguliert. Das war die Welt vor 2008. Alan Greenspan, der damalige Chef der amerikanischen Notenbank war der brillanteste Anwalt dieser Theorie, wenn er die Wall-Street-Banker als „Bestäubungsbienen“ der Marktwirtschaft adelte.

Seit dem Zusammenbruch der Lehman Bank und der darauf folgenden Krise ist die Welt ein bisschen klüger. Anleger und Investoren verhalten sich eben nicht nur rational, sondern gleichen nicht selten einer Schafherde. Sie laufen anderen Investoren nach, weil sie meinen, diese hätten wichtige Informationen über die Zukunft, was euphorischen Optimismus erzeugt und zu sich selbst erfüllenden Hoffnungen führt – und mit einem großen Kater endet, wenn die Blase platzt. Mehr noch: Banken haben sich dazu hinreißen lassen, immer mehr Geld rentabel auszuleihen, und sich wenig darum gekümmert, ob sie ihre Ausleihungen auch zurückbekommen, geschweige denn haben sie für solche Fälle mit Eigenkapital Vorsorge getroffen. Traumwandlerisch haben sie darauf gehofft, dass sie im Falle eines Falles mit Steuergeld herausgepaukt würden, weil die Staaten sich aus guten Gründen einen Zusammenbruch ihres Finanzsystems nicht leisten wollten.

„Moral Hazard“ nennen Ökonomen ein solches Verhalten der Banken, das die Verantwortung für die Folgen riskanten Wirtschaftens an andere delegiert. Allemal klaffen individuelle und kollektive Rationalität auseinander: Die individuelle Logik des Handelns bewirkt negative externe Effekte für andere, verletzt somit die kollektive Vernunft und schadet dem Gemeinwohl. Dieser perfiden Rationalität haben sich die Banken vor zehn Jahren bedient – sie würden es heute nicht anders machen. Dieser Rationalität bedienen sich auch alle Unternehmen, die mit schädlichen Emissionen aller Art Umwelt und Klima belasten, die Kosten dafür aber der Allgemeinheit überantworten. Allemal geht es um „Moral Hazard“ und „externe Effekte“, die der Markt allein nicht in den Griff bekommt. Sonst würden die Unternehmen von allein energiesparend und emissionsfrei wirtschaften.

Weitere Themen

Wird Dosenwein der neue Hype? Video-Seite öffnen

Start-Up aus Südafrika : Wird Dosenwein der neue Hype?

In den Vereinigten Staaten ist der Markt schon gut etabliert. Ein Start-Up in Südafrika will expandieren und sieht auch Chancen in Europa. Wird Dosenwein auch hierzulande der neue Hype?

Topmeldungen

Wuhan und die Bilder des neuen Alltags: Medizinische Mitarbeiter mit Atemmasken und Schutzanzügen.

Virenalarm: Schock und Risiko : Die Seuche in unseren Köpfen

Der Coronakrisenstab übernimmt: Sind die Reaktionen auf die Ausbreitung der neuen Viren übertrieben oder angemessen? Die Angst vor der Panik ist mittlerweile so groß wie die Angst vor dem Erreger selbst.

Politischer Aschermittwoch : Laschet im Sauerland

Im Ringen um den CDU-Vorsitz hat der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet seinen ersten großen Redeauftritt – ausgerechnet in der Heimat seines größten Konkurrenten Friedrich Merz.

Angriffe auf Sanders : Bernie, die rote Gefahr?

Was viele Demokraten über den Spitzenreiter Bernie Sanders sagen, geht über die übliche Kritik in einem Vorwahlkampf hinaus. Ist er ein Kommunist? Will er das Gesundheitswesen in Planwirtschaft ersticken? Ja, ist er überhaupt ein Demokrat?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.