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Vorruhestand : Der Fluch der frühen Rente

Zweifelhaftes Glück: So idyllisch ist die Rente nicht für jeden Bild: dpa

Frührentner leben kürzer. Daher wird die Rentenkasse weniger belastet als bislang angenommen. Aber nicht nur Arbeit macht krank und trägt zum jähen Lebensende bei, auch die Frührente selbst ist kein Paradies.

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          Die Frührente belastet die Kassen der Sozialversicherungen weniger als gedacht. Diese aktuelle Nachricht aus der Demographie-Forschung klingt erst mal gut. Sie verliert allerdings ihren positiven Gehalt, sobald man die Ursachen der Entlastung kennenlernt: Frührentner leben weniger lang, sie haben eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung. Deswegen muss die Rentenkasse weniger für die Frührentner zahlen.

          Die herrschende Sozialpolitik vermag daraus zwei Argumente für ihre Position zu stricken. Das erste lautet: Pläne zur Frühverrentung wie jener von Andrea Nahles sind nur halb so wild, weil sie offenbar doch leichter finanzierbar sind als gedacht. Das zweite besagt, dass Frühverrentung umso mehr ein Gebot der Gerechtigkeit ist. Wenn die Leute schon früher sterben, haben sie nach dieser Logik wenigstens noch ein bisschen was von ihrem Ruhestand – nachdem der Gesetzgeber sie von der Fron der Arbeit befreit.

          Kranke und zermürbte Arbeitnehmer sterben früher

          Tatsächlich gibt es viele Gründe, warum Leute vor dem Erreichen des gesetzlichen Rentenalters und lange vor dem Erlöschen ihrer Schaffenskraft in den Ruhestand wechseln. Einer davon ist gewiss, dass die Arbeit sie zermürbt oder gar krank gemacht hat. Ferner wechseln Arbeitnehmer in den Ruhestand, um den Wünschen ihrer Firma nach Personalabbau gerecht zu werden – und weil sie zugleich die Alternative scheuen. Denn es ist gewiss kein schönes Los, gegen den Willen von Human-Resources-Managern auf Arbeitsplätzen ausharren zu müssen mit einer Arbeit, die der Wertschöpfung der Firma nicht nennenswert dient. Drittens spielen politische Anreize eine Rolle. Wenn ein Land die Frühverrentung schmackhaft macht, dann wird sie auch in Anspruch genommen. Und viertens gehen manche Arbeitnehmer vorzeitig, weil sie die Zeit für anderes nutzen möchten, für Kinder, Hobbys oder Ehrenamt.

          Doch eines ist auch ziemlich klar: Ein großes Glück ist die Frührente längst nicht immer. Es liegt nahe, dass Frührentner eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung haben. Denn es sind die kranken, zermürbten Arbeitnehmer, die sie in Anspruch nehmen. Und die sterben nun mal früher.

          Aber ein anderer Zusammenhang wird geflissentlich übersehen: Auch die Frührente selbst macht krank. Das gilt vor allem für Männer. Sie sterben früher, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Das wird durch eine Studie aus der Stahlindustrie unseres Nachbarlandes Österreich untermauert. Dort wurden Stahlwerker in einigen Regionen vorzeitig in Rente geschickt, als sozialverträgliche Antwort auf die Strukturkrise. In anderen Regionen arbeiteten sie weiter. Das Risiko, vorzeitig zu sterben, ist bei den Frührentnern signifikant höher als bei den länger arbeitenden Kollegen, schreiben die Forscher.

          Der Ruhestand ist kein Paradies

          Als wenig schlüssig erweist sich die Vermutung, der negative Einfluss sei auf das geringere Einkommen der Frührentner zurückzuführen. Dafür waren die materiellen Einbußen zu gering. Die Krankheitsbilder geben vielmehr den Hinweis, dass sich die Frührentner einen ungesunderen Lebensstil zugelegt haben: zu viel Genuss und zu wenig Bewegung. Es scheint allerdings auch eine Rolle zu spielen, ob jemand freiwillig in Rente geht oder nicht. Der unfreiwillige Vorruhestand ist besonders gesundheitsgefährdend.

          Was das heißt, ist auch ziemlich klar: Arbeiten mag krank machen, nicht arbeiten aber noch viel mehr. Vor diesem Hintergrund wäre es wünschenswert und zugleich nur redlich, wenn Politiker die Frühverrentungen nicht mehr als Wohltaten und als irgendwie sozialverträglich verkauften. Das stimmt einfach nicht.

          Arbeitgeber sollten statt ihrer ständigen Rhetorik vom Fachkräftemangel ernsthaft versuchen, die alten Mitarbeiter so lange wie möglich im Betrieb festzuhalten. Diese Art des „social freezing“ wäre wirklich sozial. Und die einzelnen Arbeitnehmer sollten sich von der Illusion verabschieden, dass Chillen wirklich glücklich macht.

          Der Ruhestand ist kein Paradies. Er wird es erst durch harte Arbeit. Wer hätte das gedacht?

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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