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Teuerstes Atomkraftwerk : Das ist die perfekte Stelle

Erste Reihe mit Meeresblick: Bestehende Reaktoren Hinkley A und B und ein noch freier Bauplatz. Ringsum ist die Vorfreude grenzenlos. Bild: Ullstein

In der britischen Grafschaft Somerset soll das teuerste Atomkraftwerk der Welt entstehen – ausgerechnet am Ufer des Atlantiks. Ungutes Gefühl im Bauch? Ach was! Die meisten Anwohner können es kaum erwarten.

          8 Min.

          Zum Atomkraftwerk sind es noch ein paar hundert Meter, und die öffentliche Straße ist gut ausgebaut. „Hier drehen wir jetzt wohl besser um“, sagt Ian Dyer trotzdem. Aus der Nähe hätte man zwar einen besseren Blick auf das Kraftwerk. Aber Dyer geht lieber auf Nummer sicher. Er bittet, das Auto zu wenden und den Rückzug anzutreten. „Wissen Sie, die sind da ein bisschen eigen“, erklärt der Kommunalpolitiker. „Die Sicherheitsvorschriften sind sehr strikt.“ Er erzählt von den grimmigen nepalesischen Gurkha-Söldnern, die als Security-Kräfte angeheuert worden seien. „Die Gurkhas sind zwar nicht besonders groß“, sagt Dyer und grinst. „Aber Streit würde ich mit denen nicht anfangen.“

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Vorsitzende des örtlichen Bezirksrats will uns gerne vor Ort einen Eindruck von der Größe dieses Projekts verschaffen. Aber Dyer, ansonsten nicht scheu, will auch keinen Ärger mit EdF, dem staatlichen französischen Energieriesen, dem die Atomanlage an der Küste der Grafschaft Somerset im Südosten Englands gehört. Dafür ist der Konzern zu wichtig: Denn wenn hier alles nach Plan läuft, dann wird EdF das Geld regnen lassen über die grünen Hügel von Somerset.

          Atomkraft als Beitrag zum Klimaschutz

          Fünf Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima und dreißig Jahre nach Tschernobyl soll dort hinten, am Ende der Zufahrtsstraße, das neue Atomkraftwerk Hinkley Point C gebaut werden – das teuerste der Welt. Auf achtzehn Milliarden Pfund, umgerechnet rund dreiundzwanzig Milliarden Euro, schätzt EdF die Baukosten für Hinkley C. Während Deutschland reihenweise seine Kernreaktoren abschaltet, wollen die Briten eine ganze Flotte neuer Atomkraftwerke bauen. Dieses hier soll das erste werden.

          Kaum hat er Bau begonnen, kostet er schon zwei Milliarden Euro.

          In Großbritannien gilt die Atomkraft nicht als Auslaufmodell, sondern als wichtiger Beitrag zum Klimaschutz. Hinkley C soll das benachbarte Atomkraftwerk Hinkley B ersetzen, das in einigen Jahren aus Altersgründen stillgelegt wird. Die neue Atomanlage wäre das größte Kraftwerksprojekt der industrialisierten Welt. Es soll sieben Prozent des britischen Stromverbrauchs decken.

          Atomkraftgegner bekommen angesichts solcher Aussichten Schüttelfrost. Doch hier in Somerset ist eine Art Goldrausch ausgebrochen, seit die Pläne für das Megakraftwerk vor acht Jahren bekanntgegeben wurden. Der Kommunalpolitiker Dyer ist mittendrin, und manchmal kann er sich einen Spaß nicht verkneifen: „Ich muss mir eine Schubkarre kaufen, um das ganze Geld, das wir mit EdF machen werden, wegkarren zu können“, scherzt er. „Wir tun denen einen Gefallen, die wissen ja gar nicht, wohin damit.“

          Dyer ist Mitte fünfzig und im Hauptberuf Landwirt. Er ist Eigentümer eines stattlichen Bauernhofs, nur wenige Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt. Seine Farm ist doppelt so groß wie die Fläche für Hinkley C, etwa zweihundertfünfzig Hektar. Er hat auf diesem Flecken Erde sein ganzes Leben verbracht und ist mit der Nuklearindustrie vor der Haustür aufgewachsen. Der erste Reaktor, Hinkley A, ist 1965 in Betrieb gegangen und mittlerweile stillgelegt. 1976 kam das heutige Kraftwerk Hinkley B hinzu. Jetzt warten alle auf Hinkley C.

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