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Vor digitaler Revolution : Nullzeit

Der Blick auf die Banken verdeckt den Blick auf wichtige Teile der Wirtschaft Bild: dpa

Null Wachstum. Null Inflation. Null Zins. In vielen Ländern scheint die Wirtschaft zu erstarren. Doch gleichzeitig kündigt sich machtvoll eine umwälzende Revolution an. Es kann unruhig werden.

          Geschichte wiederholt sich nicht, aber zumindest hin und wieder reimt sie sich. Das gilt auch für die in Gang gekommene digitale Revolution. Im Jahre 1902 veröffentlichte der deutsche Ökonom Werner Sombart sein Werk „Der moderne Kapitalismus“. Darin beschreibt Sombart den tiefgreifenden Wandel, den die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Menschen bedeutet hatte. Sombart erwähnt den Niedergang der traditionellen Landwirtschaft, des Handwerks und der Hausarbeit zugunsten der Industrie mit ihren großen Maschinen und Fabriken. Kein anderes Ereignis hatte die Lebenswelt bis dahin stärker verändert als die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, die wie eine Urgewalt die Menschen erreichte.

          Das Bild einer extrem dynamischen Wirtschaft kontrastiert allerdings erheblich mit den Fakten: Im Deutschen Reich war die Wirtschaft im Zeitraum von 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs keineswegs immer dynamisch gewachsen. In vielen Jahren stieg die Wirtschaftsleistung nahezu gar nicht oder sie sank sogar. Ähnlich verhielt es sich mit der Entwicklung des Preisniveaus. In vielen Jahren lag die Inflationsrate kaum über Null und manchmal sogar etwas darunter. Tatsächlich ist die erste Industrialisierung, manche Zeitgenossen sprachen vom Maschinenzeitalter, ein sehr langfristiger Prozess gewesen, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Beginn der industriellen Massenproduktion von Konsumgütern erst richtig Dynamik gewann. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist zugleich in politischer, militärischer und gesellschaftlicher Betrachtung die unruhigste Epoche in der Geschichte der Menschheit gewesen.

          Technische Revolution ist Motor wirtschaftlicher Entwicklung

          Seit einiger Zeit sorgen die amerikanischen Ökonomen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee mit ihrem Buch „The Second Machine Age“ – so lautet auch der Titel der deutschen Übersetzung – für Furore. Brynjolfsson und McAfee beschreiben, wie die digitale Revolution in Gestalt eines zweiten Maschinenzeitalters unser aller Leben nachhaltig verändern wird. Ihre Welt ist die Welt der künstlichen Intelligenz, von Big Data, von selbstfahrenden Autos, ungeahnten Möglichkeiten medizinischer Prävention sowie Diagnostik und von 3D-Druckern. Das zweite Maschinenzeitalter scheint Moore’s Gesetz zu folgen, nach dem sich alle 18 Monate die Rechnerkapazität der Computer verdoppelt.

          Brynjolfsson und McAfee schreiben in einer Zeit, in der sich Teile der industrialisierten Welt – Europa vor allem, aber auch Japan – in einer wirtschaftlich sehr unbefriedigenden Situation befinden, die sich pointiert als „Nullzeit“ bezeichnen ließe. In vielen Ländern liegt das Wirtschaftswachstum nahe Null, die Inflationsrate liegt nahe Null und die Zinsen liegen ebenfalls nahe Null. Pessimisten sagen ein Zeitalter wirtschaftlicher Erstarrung inmitten von Schuldenbergen und alternden Gesellschaften voraus. Viele Menschen sehen die Welt im Banne einer nicht enden wollenden und sich vielleicht bald wieder verschärfenden Finanzkrise.

          Die Finanzkrise lässt sich als fraglos bedeutendes Einzelereignis in eine umfassendere Geschichte des technologischen Wandels integrieren. Ökonomen wissen seit langem, dass nichts die Welt der Wirtschaft so sehr verändert wie der technische Fortschritt. Nun sind in den Industrienationen und auch in Deutschland die Rate des wirtschaftlichen Wachstums, die Inflationsrate und der Zins im Trend schon seit mehr als 25 Jahren zurückgegangen und sehr wahrscheinlich trägt ein nur geringes Wachstum der Produktivität in diesem Zeitraum hierfür eine wesentliche Verantwortung. Fachleute begründen dies mit einem Ende des „Pflückens niedrig hängender Früchte“.

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