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Vor digitaler Revolution : Nullzeit

Gebremste Reformfreude

Der Aktionismus und der Bedeutungsgewinn der Geldpolitik sind Konsequenz einer Überforderung von Regierungen und Parlamenten, die in Europa bisherigen politischen Außenseitern Zulauf verheißt. Anachronismen lassen sich vielerorts beobachten, auch in Deutschland, aber nirgendwo werden sie anschaulicher zelebriert als bei den Pressekonferenzen François Hollandes im Elysée-Palast, einem Gebäude aus den Jahren um 1720. An einem Rande des Festsaals, dessen Interieur an eine längst vergangene Epoche erinnert, hat die Regierung Platz genommen wie früher die Höflinge des Sonnenkönigs in Versailles. Der Präsident lässt die Untertanen warten und beschreitet dann, von einem Lakaien geleitet, den Saal, wo er eine Rede hält, die wenige Taten verspricht. An den katastrophalen Sympathiewerten des einsamen Mannes in seinem Palast ändern diese Auftritte nichts, während zur gleichen Zeit auf der anderen Seite des Atlantiks leger gekleidete Nerds die Welt revolutionieren.

Die Reformfreude der Politik wird durch zwei Erscheinungen gebremst, die in der ersten Industrialisierung keine Rolle spielten. Die Alterung der Bevölkerungen begünstigt strukturkonservatives Handeln der Regierenden und eine neue Macht der Gläubiger verhindert, dass die Schuldenprobleme dieser Welt konsequent angegangen werden. Die großen Vermögensverwalter, seien es Banken oder andere Finanzhäuser, besitzen mächtige Lobbies und die meisten Kunden von Banken und Versicherern sind Wähler.

Dramatische Veränderungen kündigen sich an

Wo wenig neue Früchte geerntet werden, rückt die Verteilung der vorhandenen Früchte ins Blickfeld. In den vergangenen 30 Jahren ist vor allem in den angelsächsischen Ländern die Verteilung von Einkommen und Vermögen ungleicher geworden und sie nähert sich Niveaus, die vor gut 100 Jahren erreicht wurden. Mehrere Ursachen spielen hier eine Rolle. Brynjolfsson und viele andere Fachleute sehen die beginnende digitale Revolution im Verein mit der Globalisierung als dominierenden Einfluss. Verteilungsökonomen wie Thomas Piketty meinen, dass in der jüngeren Vergangenheit gerade in den Vereinigten Staaten eine Selbstbedienungsmentalität von Managern die Zahlung extrem hoher Gehälter und Abfindungen begünstigt habe, während gleichzeitig die Realeinkommen der meisten Beschäftigten gar nicht oder nur wenig gestiegen sind. Kritiker der Geldpolitik betonen, die Zentralbanken hätten an Vermögensmärkten Preisblasen erzeugt, von denen vor allem die Reichen profitierten.

Die digitale Revolution ist dabei, die Wirtschaft und die Lebenswelten vieler Menschen dramatisch zu verändern. Sie schafft durch neue Produkte und Anwendungen Bahn für ein längeres, gesünderes und angenehmeres Leben. Sie schafft für hochqualifizierte Menschen traumhafte berufliche Perspektiven, aber sie zerstört gleichzeitig die Perspektiven vieler weniger qualifizierter Menschen auf sichere Arbeitsplätze in vielen Branchen. Falls die digitale Revolution auch Menschen mit niedrigen Einkommen durch billige, aber gleichzeitig hohen Nutzen stiftende Produkte befriedigt, wäre eine friedliche Welt denkbar, in der wichtige Wirtschaftsindikatoren nahe Null verharren und die Menschen weniger materialistisch denken. Sicher ist dies allerdings überhaupt nicht und jede Zukunftsprognose ist so beständig wie fallende Blätter im Herbstwind.

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