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Vor digitaler Revolution : Nullzeit

Finanzindustrie profitierte von technologischem Fortschritt

Gemeint ist, dass in traditionellen Industrien wie Textil und Stahl, in denen seit Jahrzehnten sehr viele Menschen gearbeitet hatten, die Epoche der großen technischen Weiterentwicklungen an ihr Ende gekommen schien. In vielen Ländern erstarrten im Bemühen um die Konservierung traditioneller Wirtschaftszweige die Strukturen. Gleichzeitig begannen sich erste Elemente des zweiten Maschinenzeitalters wie die Informationstechnologie auszubreiten, aber wie im Falle der ersten Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert braucht es offenbar sehr lange, bis sich diese Ausbreitung in den Wirtschaftsstatistiken niederschlägt. Auch im Zeitalter des Hochfrequenzhandels an den Börsen verläuft die zweite Industrialisierung im Rhythmus von Jahrzehnten.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts ließ zwar in den Industrienationen die wirtschaftliche Dynamik insgesamt nach, aber im Gegenzug erlebte die Finanzbranche eine Phase exzeptionellen Wachstums. Hierfür spielten mehrere Gründe eine Rolle. Die Finanzbranche profitierte von der Informationstechnologie in Verbindung mit Liberalisierung und Globalisierung. Sie ermöglichten es, neue Finanzprodukte zu entwickeln und sie mit geringen Sachkosten rund um den Globus zu handeln und zu verkaufen. Daraus entstehende sehr hohe Einkommen lockten erstklassige Universitätsabsolventen in die Branche. Zudem sorgte, in Nordamerika, Großbritannien und der Schweiz mehr als in Deutschland, die allmähliche Bildung bedeutender Finanzvermögen zu einer Institutionalisierung der Vermögensverwaltung durch die Gründung von Fondsgesellschaften und Pensionskassen.

Letzte Hoffnung Zentralbank

Den Finanzvermögen entsprechen Finanzschulden. In der Phase eines starken Wirtschaftswachstums in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg handelte es sich überwiegend um Schulden von Unternehmen. In den vergangenen Jahrzehnten traten erhebliche Bestände an Schulden von Staaten und Privatpersonen hinzu, gefördert durch eine Finanzpolitik und eine Geldpolitik, die in der Spätphase der ersten Industrialisierung versuchten, der strukturellen Verlangsamung des Wirtschaftswachstums mit aktiver Konjunkturpolitik entgegen zu treten.

Die Überdehnung der Finanzbranche im Verein mit einer hohen Verschuldung führten zur Finanzkrise und in ihrem Gefolge zu einer Überdehnung der Geldpolitik. Angesichts der Handlungsschwäche der Regierungen mutierten die Zentralbanken von Behörden, die sich um das Güterpreisniveau kümmerten, zu Banken mit erheblichen Bilanzsummen, die als Versicherer gegen gesamtwirtschaftliche Großrisiken auftreten. Preisniveaustabilität, Finanzstabilität und Tragfähigkeit der Staatsverschuldung sind heute eng verbundene Konzepte und die Zentralbanken als Stätten der letzten Hoffnung haben sich in einem engen Netz von Abhängigkeiten gegenüber Banken und Staaten verfangen. Daraus entstehen Fragen nach den Grenzen des Mandats einer Zentralbank. Neu ist jedoch nur die Dimension des Problems: Schon vor mehr als 100 Jahren wurde der Reichsbank vorgeworfen, ihre Politik sei vor allem an der Sicherung der deutschen Geschäftsbanken ausgerichtet, während die Reichsbank selbst bekundete, sie besitze kaum Einfluss auf die Inflationsrate.

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