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Vor der Wahl in Griechenland : Warnungen vor Euro-Zusammenbruch

  • Aktualisiert am

Wohin steuert Griechenland nach der Wahl? Bild: AFP

Nach der Hilfe für Spanien blicken die Ökonomen wieder nach Griechenland. Dort wird am Sonntag gewählt. Ein Euro-Austritt Griechenlands könne auch Deutschlands Bonität unter Druck setzen, warnt die Ratingagentur Fitch. Gewohnt düster sieht auch der amerikanische Ökonom Roubini die Lage.

          Auch nachdem Spanien als viertes Land der Eurozone unter den europäischen Rettungsschirm geflüchtet ist, blicken Ökonomen mit Sorgen auf die europäische Schuldenkrise. Der amerikanische Ökonom John Williams, Präsident der regionalen Fed von San Francisco, sieht die Eurokrise weiterhin als „bedeutende Bedrohung“ für das globale Bankensystem. Zwar habe sich die Lage der Banken weltweit in den vergangenen drei Jahren gebessert, doch das System bleibe verletzbar. Die Krise in Europa könne die finanziellen Fortschritte in Nord-Amerika und Asien untergraben.

          Auch IWF-Chefin Christine Lagarde hatte in einem Interview mit CNN gesagt, für die Rettung des Euros blieben weniger als drei Monate Zeit. Sie bezog sich dabei auf den amerikanischen Investor George Soros, der die Frist für die Euro-Rettung mit drei Monaten angegeben hatte. „Einige Dinge müssen schnell passieren“, sagte Lagarde. Allerdings fand das Interview am Freitag statt, wie ein CNN-Sprecher auf F.A.Z.-Anfrage mitteilte. Damals arbeitete Lagarde am spanischen Rettungsplan - möglicherweise sprach sie darüber, dass Spanien am Folgetag ankündigen würde, unter den Rettungsschirm zu schlüpfen. Über die Zukunft Griechenlands in der Währungsunion gab Lagarde keine Prognose ab. „Es wird eine Frage der Entschlossenheit und des Schwungs sein“, sagte die IWF-Direktorin.

          Roubini: „Wer den Griechen den Stecker zieht, provoziert den totalen Zusammenbruch der Euro-Zone“

          Gewohnt düster sieht auch der amerikanische Ökonom Nouriel Roubini die Lage. Er warnt vor einem Stopp der Finanzhilfen für Griechenland nach der Wahl am Sonntag: „Wer den Griechen den Stecker zieht, provoziert den totalen Zusammenbruch der Euro-Zone“, sagte Roubini der „Bild“-Zeitung.

          Nouriel Roubini

          Bei einem Kollaps des Landes würden viele Anleger in Panik geraten: „Dann gibt es einen Run auf die Banken in Portugal, Spanien und Italien“, sagte der Wissenschaftler und frühere Regierungsberater. Deshalb müsse Griechenland entweder in der Euro-Zone gehalten werden oder finanzielle Unterstützung für einen geregelten Ausstieg erhalten. „Beides ist für Deutschlands Steuerzahler billiger, als die Euro-Zone kaputtgehen zu lassen“, sagte Roubini. Seine Prognosen werden an den Finanzmärkten aufmerksam verfolgt, da er den Einbruch des amerikanischen Immobilienmarktes im Vorfeld der weltweiten Finanzkrise vorausgesagt hatte. In der Finanzwelt wurde ihm daher der Titel „Dr. Doom“ (“Dr. Untergang“) angeheftet.

          Fitch: Euro-Austritt Griechenlands würde Top-Ratings gefährden

          Nach Auffassung der Ratingagentur Fitch würde ein Austritt Griechenlands aus dem Euroraum die Bonitäten erstklassig bewerteter Staaten wie Deutschland unter Druck setzen. Zwar dürften die direkten Folgen eines Austritts Athens gering sein, sagte der Chef für die Länderanalyse bei Fitch, Ed Parker, am Dienstag in Oslo. Die indirekten Konsequenzen in Form von Ansteckungseffekten auf andere Euroländer wären aber umso größer. Dies könnte dazu führen, dass die letzten vier Euroländer mit der Top-Note „AAA“ - das sind Deutschland, Luxemburg, Finnland und die Niederlande - diese verlieren.

          Sollte sich beim Kampf gegen die Schuldenkrise kein „Licht am Ende des Tunnels auftun“, steige das Risiko eines Auseinanderbrechens des Währungsraums. Wahrscheinlich werde sich das „Durchwursteln“ fortsetzen, bei dem Lösungen regelmäßig „in der letzten Sekunde“ präsentiert werden. Dies erhöhe die Kosten des Krisenmanagements, kritisierte Parker.

          In Griechenland finden am kommenden Wochenende Neuwahlen statt. Dabei stellen die Griechen womöglich auch die Weichen dafür, ob ihr Land in der Eurozone bleibt: Sollten reformkritische Parteien eine Mehrheit erzielen, droht dem Land eine Staatspleite. Möglicherweise würde Athen dann auch den Euroraum verlassen.

          Große Teile der griechischen Bevölkerung sind gegen den schmerzhaften Sparkurs, den das Land im Gegenzug für internationale Milliardenhilfen einschlagen musste. Rund 70 Prozent der Wähler stimmten bei der vergangenen Wahl am 6. Mai für Parteien, die das drakonische Sparprogramm ablehnen. Großer Gewinner des Urnengangs vom Mai war das Linksbündnis Syriza, dessen Vorsitzender Alexis Tsipras die Sparvorgaben ablehnt, allerdings für einen Verbleib Griechenlands in der Eurozone ist. Die Versuche einer Regierungsbildung blieben nach der Wahl vom 6. Mai aber vergeblich.

          Umfragen sehen Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Syriza und ND

          Vor dem Urnengang am Sonntag lassen die Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Syriza und der konservativen Nea Dimokratia (ND) vermuten. Die ND unterstützt den Sparkurs des Landes. Eine Regierungsbildung dürfte sich auch nach der erneuten Wahl als schwierig erweisen. Zuletzt haben die griechischen Wahlkandidaten gefordert, dass Griechenland - so wie auch Spanien - sein Hilfsgeld zu besseren Bedingungen bekommt. Europäische Spitzenpolitiker haben das wiederholt ausgeschlossen.

          Derzeit muss Athen innerhalb der nächsten beiden Jahre weitere 11,5 Milliarden Euro. Wenn Athen den vereinbarten Kurs verlassen will, soll die nächste Tranche der internationalen Notkredite nicht überwiesen werden.

          Ohne die internationalen Hilfsgelder könnten Athen schon bald die Mittel fehlen, um Gehälter und Pensionen zu bezahlen - womöglich bereits Ende Juni. In diesem Fall könnte Griechenland gezwungen sein, wieder die Drachme als Währung einzuführen.Befürchtet wird in diesem Fall zunächst ein Sturm auf die Banken, weil besorgte Griechen ihre Euros in Sicherheit bringen wollen, bevor diese zwangsweise in Drachmen umgewandelt werden. Auch in den anderen Krisenstaaten der Eurozone leeren Kunden ihre Bankkonten. Der Druck auf bereits strauchelnde Kreditinstitute steigt in der Folge weiter.

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