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Vor dem Winter : Gasreserven so gering wie lange nicht

  • -Aktualisiert am

Könnte ein langer Winter kritisch werden? Die Gasspeicher in Deutschland sind nicht so voll, wie für diese Jahreszeit üblich wäre. Bild: dapd

Die Gasspeicher-Füllstände in Deutschland liegen unter 80 Prozent. Das beunruhigt die Branche: „Wenn wir in einen langen, kalten Winter kommen, dann wird es kritisch.“

          Die Füllstände der deutschen Gasspeicher sind zu Beginn der Heizperiode auf dem niedrigsten Stand seit Jahren. Die Gasbranche warnt, das könnte zum Problem für die Versorgungssicherheit werden. „Wenn wir in einen langen, kalten Winter kommen, dann wird es kritisch, denn das Gas, das wir in den Speichern haben, ist ja nicht nur für Deutschland gedacht“, warnt Bernd Protze, Vorsitzender der Branchen-Initiative Erdgasspeicher, gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Deutschlands größter Gasnetzbetreiber, Open Grid Europe (OGE), bläst in dasselbe Horn. Die Speicher seien „auf einem historischen Tief“, sagt OGE-Geschäftsführer Stephan Kamphues. Dabei sollten die Speicher vor dem Winter voll sein. „Voll sein heißt 95 Prozent plus x.“

          „Deutlich weniger als für diese Jahreszeit üblich“

          Ende Oktober war man davon weit entfernt. „Die Gasspeicher-Füllstände liegen derzeit bei circa 77 Prozent“, erklärt das Bundeswirtschaftsministerium. Im Gebiet des ostdeutschen Netzbetreibers Ontras sind es nur 72 Prozent. „Das ist deutlich weniger als für diese Jahreszeit üblich“, sagt Geschäftsführer Ralph Bahke.

          Dennoch gibt man sich im Wirtschaftsministerium gelassen. „Die Gasmärkte sind derzeit sehr liquide, es gibt keine Anzeichen für Versorgungsstörungen.“ Die Gasversorgung sei bei normalen Speicherfüllständen selbst in sehr kalten Wintern oder bei Lieferausfällen über längere Zeit gewährleistet. Auch könnten fast 25 Milliarden Kubikmeter Gas gespeichert werden, gut ein Viertel des Jahresverbrauchs.

          Den Hinweis lässt man in der Branche nicht gelten. Das eingelagerte Gas sei vielfach längst weiterverkauft, stehe für eine Verwendung in Deutschland nicht mehr zur Verfügung. Durch die politisch gewollte Trennung von Speicher, Netz und Handel fühle sich für die Versorgungssicherheit niemand mehr verantwortlich, sagt Protze. Kamphues mahnt: „Es wäre gut, sich darauf zu besinnen, dass Netz und Speicher zusammen gebaut worden sind.“ Das Netz brauche die Speicher zur Abfederung von Bedarfsspitzen.

          Aus Branchensicht bedeutet das, Reserven sicherzustellen. Deutschland sei neben Österreich und den Niederlanden das einzige Land, das keine Gasreserve habe, sagt Protze. Die Zeit sei reif dafür.

          „Strategische Reserve“ koste 1 Milliarde Euro im Jahr

          Druck machen auch die Grünen. Deren stellvertretender Fraktionsvorsitzender Oliver Krischer nennt es „unverständlich, weshalb die Befüllung der Gasspeicher nur nach Marktpreissignalen, nicht aber nach Versorgungssicherheitsaspekten geschehen soll“. Die Bundesregierung nehme „billigend in Kauf, dass bei extrem niedrigen Temperaturen ganze Haushalte in der Kälte sitzen müssen“.

          Der Bundesrat hatte auf Initiative Bayerns bereits 2014 den Bund um Abhilfe ersucht. Der hatte ein Gutachten in Auftrag gegeben. Fazit: Die von Bayern angeregte „Strategische Reserve“ nach dem Muster der Erdölbevorratung koste 1 Milliarde Euro im Jahr. Preiswerter sei, Mindestspeicherfüllstände festzulegen, den Netzbetreibern den Zugriff darauf zu erlauben und für mehr Flexibilität zu sorgen, etwa indem Großkunden gegen eine Prämie auf Lieferungen verzichten.

          Was die Regierung davon hält, ist unklar. Man prüfe sorgfältig, erklärte das Wirtschaftsministerium. „Eine Entscheidung zur Gestaltung des Gasspeicherbetriebs ist für die nächsten Wochen geplant.“

          Die Branche argumentiert weitgehend auf der Linie der Gutachter. Die Betreiber des Fernleitungsnetzes haben dazu jüngst einen Vorschlag gemacht. Auch die Gasspeicherbranche plädiert, nicht uneigennützig, für eine Mindestbefüllung der Speicher. „Liegt die im Februar bei 60 Prozent, dann kommen wir sicher über den Winter und sind nicht erpressbar“, sagt Protze. Für diesen Winter dürfte das nicht mehr in Frage kommen, denn: „Dann müssten wir in vier Wochen mit Ausspeichern aufhören.“

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