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Vom „Vierten Reich“ und „Nazideutschen“ : Antideutsche Stimmung kocht in Italien hoch

Titelseite der italienischen Zeitung „Il Giornale“. Die Schlagzeile des Berlusconi-Blattes steht für sich. Bild: dpa

In der italienischen Eurodebatte wird der Ton gegenüber Deutschland immer aggressiver. „Die Nazideutschen wollen uns Lektionen in Demokratie geben“, heißt es in einer Zeitung. In einer anderen ist vom Berliner „Drang zur Bestrafung“ anderer Länder zu lesen.

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          In der italienischen Eurodebatte wird der Ton gegenüber Deutschland immer aggressiver. Den vorläufigen Gipfel der Kampagne bildete am vergangenen Freitag die Schlagzeile „Vierte Reich“ auf der Titelseite des „Giornale“, im gemeinschaftlichen Besitz von Silvio Berlusconis Bruder Paolo und dem börsennotierten, von Silvio beherrschten Verlag Mondadori. Nach zwei Weltkriegen mit Millionen von Toten hätten die Deutschen immer noch nicht genug, schreibt dort Chefredakteur Alessandro Sallusti. „Jetzt kehren sie zurück, nicht mehr mit Kanonen, sondern mit Euro. Die Deutschen sehen sie als ihre Sache an, wir müssen alles hinnehmen, uns dem neuen Kaiser namens Angela Merkel unterwerfen, die nun auch bei uns zu Hause kommandieren will.“ Schlimm sei, dass Italien nicht reagiere, so wie die Alliierten Mächte 1938 gegenüber Hitler, schreibt Sallusti auf der ersten Seite von Berlusconis Zeitung.

          Herbe Breitseiten gegen „die Nazideutschen“

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Zuletzt hatte Italiens Ministerpräsident Mario Monti im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ vor antideutschen Ressentiments in Italien gewarnt und die Bedeutung nationaler Parlamente geringgeschätzt. Letzteres stieß in Deutschland auf viel Kritik. Vor diesem Hintergrund hat das rechtspopulistische Blatt „Libero“ in der Internetausgabe vom Montag noch eine Steigerung der italienischen Angriffe gefunden: „Die Nazideutschen wollen uns Lektionen in Demokratie geben.“

          Abgesehen vom Schlachtenlärm der rechten Blätter, die um die Gunst von Berlusconis politischem Lager konkurrieren, gibt es viele gemäßigte Intellektuelle, die dennoch die Angst vor deutscher Vormacht, die Gegnerschaft zu Austeritätspolitik und den Wunsch nach einer Krisenlösung durch die Notenbanken befördern. In der Reihe der vielen Kritiker Deutschlands findet sich auch das wichtigste italienische Wirtschaftsblatt „Il Sole 24 Ore“, in dem Kanzlerin Angela Merkel schon seit langer Zeit nicht sehr positiv gesehen wird: Da heißt es, zwischen Merkel, die mit ihrem Warten die Kosten der Krise in die Höhe getrieben habe, und dem katastrophalsten aller griechischen Ministerpräsidenten, Giorgos Papandreou, gebe es keinen Unterschied. Von „Grande Germania“, das alles für sich haben wolle, ist in den Kommentaren die Rede, vom „Drang zur Bestrafung“ der anderen Länder, von der Ignoranz über die angeblich auf dem Spiel stehenden Werte, und es heißt, „dieses eindimensionale Europa, ganz und gar deutsch, ist zum Zusammenbruch verurteilt“.

          Deutschland ist schuld?

          Auf der Grundlage solcher Einschätzungen äußert sich auch der neue Präsident des italienischen Unternehmerverbandes, Giorgio Squinzi. Auch in Richtung Deutschland meint er, die Europäische Zentralbank müsse endlich eine „richtige Zentralbank“ werden, und damit sind Vorbilder wie die amerikanische Fed gemeint, die angeblich für alle Staatstitel garantiert und die Wirtschaft mit einer Flut von Geld in Bewegung bringen kann.

          Besonders auf Deutschland eingeschossen haben sich schon seit Monaten die Politiker von Silvio Berlusconis „Partei der Freiheit“. Sie suggerieren, dass sich die wirtschaftlichen Probleme Italiens leicht lösen ließen, wenn Angela Merkel nur endlich die gewünschten Garantien für Italien abgebe und die Europäische Zentralbank gewähren lasse. „Deutschland ist verstockt und wird dafür bestraft werden“, lautet das Urteil von Maurizio Gasparri, Fraktionschef der Partei im Senat. Der ehemalige Minister für öffentliche Verwaltung Renato Brunetta wie auch der Chefökonom des Unternehmerverbandes urteilen, der Großteil des Risikozuschlags für italienische Staatstitel sei die Schuld von Deutschland, weil es die Krise nicht rechtzeitig erstickt habe.

          Viele weitere fragwürdige Thesen über Deutschland stoßen in Italien ebenso auf breite Zustimmung, zum Beispiel, dass Deutschland wegen der niedrigen Zinsen für die eigenen Staatstitel die Krise der anderen Länder gerne verlängern wolle, dass die Deutschen von Anfang an die Italiener in der Währungsunion mit einem überhöhten Wechselkurs benachteiligt hätten, dass weit vor allen anderen Deutschland mit seinem Export von der Währungsunion profitiere, sich aber angeblich früher die Vereinigung mit dem Osten von Europa und Italien finanzieren ließ.

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