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Abschied vom Rollkoffer : Vom Berater zum Unternehmer

Ideen im Alltag umsetzen: Die 1911 in Nürnberg gegründete Spritzguss-Gießerei passte genau in Erik Petrascheks Beuteschema. Bild: Hannes Steiner

Unternehmensberater ist selten ein Beruf fürs Leben. Mancher träumt davon, sein eigener Chef zu werden. Aber nur wenige trauen sich. Wir haben einen von ihnen getroffen.

          5 Min.

          Unternehmensberater gelten als reich, aber unglücklich. So lautet jedenfalls ein gängiges Klischee, das auch in der erfolgreichen Filmkomödie „Toni Erdmann“ kultiviert wurde und damit viele Kinobesucher zum Lachen brachte. Tatsächlich träumt manch junger Berater davon, nur ein paar Jahre Erfahrung (und Geld) in der Branche zu sammeln, dann aber irgendwann aus der Welt der Rollkoffer wieder auszubrechen. Viele wechseln nach einigen Jahren auf einen weniger zeitraubenden Manager-Posten in der Industrie. Manch einer aber träumt auch davon, einmal sein eigener Chef zu sein. Doch nur wenige trauen sich wirklich.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Erik Petraschek hat sich getraut. Sechs Jahre lang hatte er nach seinem BWL-Studium bei KPMG als Unternehmensberater gearbeitet. „Irgendwann begann ich mit der Beratung zu hadern“, sagt er. Beratung sei ein kurzfristig orientiertes Geschäft, bis die eigenen Ideen tatsächlich umgesetzt würden, sei der Berater meist wieder weg. Dennoch: „Der Abschied war ein langer Prozess.“ Zuerst wechselte er zu einer mittelständischen „Restrukturierungsberatung“, dann ging er als „Beteiligungsmanager“ zu einer großen Beteiligungsgesellschaft. „Dort habe ich zwar viel gelernt“, sagt Petraschek, „aber irgendwann habe ich gedacht: Ich glaube, ich kann das auch selbst.“

          Die Idee keimte, ein eigenes Unternehmen zu kaufen. Etwas Reales mit Feuer, Lärm und Hitze und so. Als der Gedanke immer verlockender wurde, machte sich Petraschek auf die Suche nach einem geeigneten Unternehmen. Ein kerngesundes Unternehmen hätte er sich finanziell gar nicht leisten können. Er wollte aber auch keinen aussichtslosen Sanierungsfall, eher ein Mauerblümchen mit echter Substanz. Als er mitbekam, dass beim Nürnberger Druckguss-Hersteller Heuschkel ein Generationswechsel anstand, wurde er hellhörig. Das Unternehmen passte in sein Beuteschema.

          Grundsolide, aber modernisierungsbedürftig

          Heuschkel war kein Sanierungsfall. Das Unternehmen gießt Rohlinge für Gartenscheren, produziert aber auch Präzisionsgussteile für Autos, Maschinenbau und Medizintechnik. Es war als Familienunternehmen über vier Generationen grundsolide geführt worden, schrieb schwarze Zahlen, war aber modernisierungsbedürftig, und die beiden Brüder, denen das Unternehmen gehörte, hatten keine Nachfolger, die den Betrieb übernehmen wollten. Damit ihm die Idee niemand austrieb, behielt Petraschek sie lange für sich – nur seiner Frau hat er von seinen Plänen erzählt.

          Erik Petraschek

          „Das Gespräch zum Kennenlernen war wohlwollend“, sagt Petraschek über seinen ersten Kontakt zu den Alteigentümern, bis zum Vertragsabschluss aber dauerte es noch rund ein Jahr. Ihm wurde schnell klar, dass viel Tradition in dem Unternehmen steckte: Als der Techniker Max Heuschkel 1911 in Nürnberg die Gießerei gegründet hatte, herrschte in Berlin noch Kaiser Wilhelm II. Es war eine technikbegeisterte Zeit. Heuschkel war damals vorne dran, das Unternehmen war die erst vierte Gießerei im Kaiserreich, die mit der damals neuen Spritzguss-Technik arbeitete.

          Heute, mehr als 100 Jahre später, gibt es entsprechend großen Modernisierungsbedarf in der alten Gießerei. Auch das merkte Petraschek schnell. Für einen Mittelständler mit langer Tradition ist ein solcher Wandel eine schwierige Sache, viel Herzblut und jahrelang aufgebautes Wissen steckt in alten Strukturen, die man daher nicht so schnell verändert. Doch genau so etwas traute sich Petraschek zu, schließlich hatte er viele Jahre als Sanierungsberater Erfahrung in unterschiedlichen Unternehmen gesammelt.

          Petraschek entschied sich, den Brüdern das Unternehmen abzukaufen und damit einen Plan zu realisieren, von dem viele Kollegen träumten. Zwei Monate vor Vertragsabschluss weihte er auch seinen Vater in die Pläne ein. Er nahm einen Kredit auf und schlüpfte damit selbst in die Rolle des Familienunternehmers und machte sich an die Arbeit. Seit Januar 2015 ist er Alleineigentümer des Unternehmens.

          „Es gab auch Frust“

          Zu tun gab es viel. Früh war ihm aufgefallen, dass alle Abläufe im Unternehmen bisher allein auf die beiden Brüder zugeschnitten waren. Ohne sie lief nichts im Unternehmen. Selbst Urlaubsanträge wurden bei der Geschäftsführung eingereicht. Doch kein Chef kann alles selbst entscheiden. Eine zweite Führungsebene aber gab es nicht. Wenn die Chefs nicht da waren, blieben die Entscheidungen liegen. Die Mitarbeiter waren nicht gewohnt, selbst zu entscheiden. Das musste sich dringend ändern.

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