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Schwerpunkt zur Vollbeschäftigung : „Ihr findet alle Arbeit“

Bild: Illustration Moni Port / Laborproben

Nur keine Angst: Redakteur Winand von Petersdorff (49) schreibt seinem ältesten Sohn Jost (19) über die neue Welt der Vollbeschäftigung - und warum er in seinem Leben etwas riskieren sollte.

          Lieber Jost,

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Heute möchte ich Dir über erstaunliche Entwicklungen schreiben. Es geschehen Dinge in diesem Land, die ich nie für möglich gehalten hätte: Deutschland schafft die Arbeitslosigkeit ab. Unternehmen werden verzweifelt um Leute werben. Dein Arbeitsleben wird ganz anders, als ich immer gedacht und gefürchtet hatte. Du bist ein Teil der Generation Vollbeschäftigung. Man spürt das jetzt schon, dass Arbeitskräfte knapp werden. In fünf bis sieben Jahren, wenn Du Dein Studium beendet hast, wird es unübersehbar sein.

          Ich schreibe Dir das, weil Du nach Deinen Jobs in Australien jetzt vielleicht an einem thailändischen Strand sitzt, über die Zukunft nachdenkst und darüber, was Du nach Deinem Abitur als nächstes machen willst.

          Jost von Petersdorff denkt über die Zukunft nach. Das geht besser am Strand.

          Aber es ist auch das schlechte Gewissen, das mich zu diesem Brief veranlasst. Eltern haben ja immer viel zu große Sorge, dass aus ihren Sprösslingen nichts wird. Die Hymne über hysterische Eltern heißt „Junge“. Sie kommt von der Band „Die Ärzte“, die Du viel besser kennst als ich:

          „Junge,
          warum hast du nichts gelernt?

          Guck’ dir den Dieter an,
          der hat sogar ein Auto.
          Warum gehst du nicht zu Onkel
          Werner in die Werkstatt?
          Der gibt dir ’ne Festanstellung (wenn du ihn darum bittest)
          Junge.“

          Das Lied zeichnet das Bild von erbärmlich spießigen Eltern, von denen ich mich natürlich aufs Heftigste distanziere. Allerdings bin ich mit diesen komischen Eltern in der Angst um die Zukunft der Kinder verbunden.

          Unsere Angst war überzogen. Wir Eltern haben Dich getriezt, dass Du unbedingt ein gutes Abitur machen musst, weil Du mit der ganzen Welt um die wenigen guten Jobs konkurrieren wirst. Wir haben darauf gedrängt, dass Dein Lebenslauf gut aussieht, dass Du auch mal ins Ausland gehst. Ein Gespräch ist mir heute sogar ein bisschen peinlich: Da habe ich Dir ziemlich brutal vom Philosophie-Studium abgeraten - statt für die Gnade dankbar zu sein, dass mein Sohn wissen will, was die Welt zusammenhält.

          Ich denke optimistischer über Deine Berufsaussichten

          Ich wollte vermutlich, dass Du auf Nummer sicher gehst. Ich selbst habe trotz meiner Leidenschaft für Politik und Geschichte Betriebswirtschaftslehre studiert. Es war im Nachhinein nicht so schlimm, wie es klingt. Und ich hatte Gründe für meine Feigheit. Schließlich bin ich mit hoher Arbeitslosigkeit um mich herum groß geworden. Das war in den zurückliegenden vier Jahrzehnten das Normale in diesem Land. Das nagt an der Zuversicht, auch wenn man es nicht immer merkt.

          Doch jetzt bin ich optimistisch geworden und denke anders über Deine Berufsaussichten, die Deiner Geschwister und die Deiner ganzen Generation. Heute traue ich mich nicht nur, folgenden Satz zu schreiben, ich meine ihn auch ziemlich ehrlich: Egal, was Du machst, es wird sich schon etwas Gutes ergeben.

          Die Babyboomer räumen ihre Arbeitsplätze

          Während ich das hier niederschreibe, stelle ich mir die ganze Zeit Deinen skeptischen Blick vor. Niemand glaubt mir, dass Deutschland auf Vollbeschäftigung zusteuert. Schließlich haben wir Krise. In vielen europäischen Ländern steigt die Zahl der Arbeitslosen. Ich wäre auch nicht darauf gekommen, hätte ich nicht einen Mann namens Karl-Heinz Paqué kennen gelernt. Er hat mich bewogen, anders über Arbeitslosigkeit und über die ganz besondere Lage in Deutschland nachzudenken. Der Mann ist Professor für Volkswirtschaft in Magdeburg und hat das Buch geschrieben: „Vollbeschäftigt - Das neue deutsche Jobwunder.“

          Sein zentrales Argument ist folgendes: Die Babyboomer räumen ihre Arbeitsplätze. Das sind die Leute, die zwischen 1955 und 1964 geboren sind. Ihre besondere Eigenschaft ist, dass sie so viele sind. Im geburtenstärksten Jahrgang 1964 sind 1,35 Millionen Menschen geboren, in Deinem Geburtsjahr 1993, lieber Jost, nur 800.000. Wenn die starken Jahrgänge heimgehen, dann bekommen die Nachfolger Platz zum Atmen. Nicht nur das, sie werden sogar gebraucht. Schon in den nächsten fünf bis sieben Jahren schrumpft die Zahl der Arbeitsfähigen um 1,1 Millionen, in den zehn Jahren danach um weitere drei Millionen.

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