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Schwerpunkt Vollbeschäftigung : Mein Leben zwischen Cabrio und Rubbel-Kleber

Das Auto musste geopfert werden Bild: Robert Wenkemann

Unser Multimedia-Chef Robert Wenkemann hat für seine Arbeitsmarkt-Chancen so manchen Traum drangegeben. Wie wäre sein Leben verlaufen, hätte er nicht auf Job-Chancen achten müssen? Eine Rekonstruktion.

          In der Grundschule war alles noch ganz einfach. Es waren die Siebziger, und dass die Vollbeschäftigung vorbei war, hatte noch niemand richtig gemerkt. „Auf welches Gymnasium möchtest Du gehen?“, fragte mein Vater. Und gab mir freie Auswahl. Ich wählte ein humanistisches. Einfach weil das anders war. Zukunftsperspektive? Kein Thema. Das aber sollte sich ändern. Ich bin ein Kind der Zeit, in der Deutschland die Arbeitslosigkeit entdeckte.

          Fast in Ohnmacht gefallen

          Robert Wenkemann

          Verantwortlicher Redakteur für Multimedia und Art Director bei FAZ.NET.

          Design faszinierte mich, den Dingen eine Gestalt zu geben. Ich zeichnete pausenlos, alles. Was ich sah, landete auf Papier, zuhause, in der Schule, im Unterricht (egal welcher). Ich zeichnete die Lehrer, die Mitschüler, erfand Comicfiguren und Bildergeschichten. In Kunst hatte ich eine eins. Doch das reichte nicht. „Die guten Jobs wollen auch andere“, hieß es. „Manchmal muss man sich eben durchbeißen“, und der bekannteste aller Sätze: „Praktika sind gut für den Lebenslauf.“

          So begann ich, in den Ferien in einer Siebdruckerei zu arbeiten. Das hatte nicht immer sehr viel mit meinen Zukunftsträumen zu tun: Abends musste ich die Druckmaschinen reinigen: mit Eimern groß wie Regentonnen voller Lösungsmittel. Wir tunkten die Lappen ein und zogen sie triefnass zum Putzen wieder heraus. Von deren Geruch wäre ich fast in Ohnmacht gefallen. Draußen schien die Sonne. Meine Freunde gingen ins Schwimmbad und auf Partys oder fuhren in den Urlaub. Ich bekam ein Zeugnis.

          Das Cabrio verkauft

          Auch als es ums Studium ging, war der Andrang groß; die Design-Hochschule nahm nicht jeden. Ich musste mich vorbereiten. Für die so genannte „Mappe“, die als Eintrittskarte für diese Art Studiengänge zählt, zeichnete ich Porträts, bastelte Fotoreportagen, fertigte Farbstudien an und machte Kompositionsübungen. Nebenher musste ich Geld für meinen Lebensunterhalt verdienen. Schon ging die Schufterei wieder los: Auspuffrohre schleppen, Bahn-Waggons ausräumen, Paletten stapeln und Pakete ausfahren.

          Dabei stand zu Hause mein geliebtes altersschwaches Fiat 850 Sport Cabriolet von Bertone, das dringend  eine Reparatur gebraucht hätte. Die schönste Zeit des Lebens zwischen Schule und Studium – ich hätte sie gerne genutzt, um der Sonne entgegen zu fahren, hätte Stifte, Pinsel und Kamera eingepackt, wäre mit Zelt und Rucksack quer durch Europa gesaust, voller Neugier auf die Überraschungen des Lebens und hätte einen Kofferraum voll Bilder mit nach Hause gebracht, die vielleicht Platz in Galerien gefunden hätten. Aber die begehrten Studien- und Arbeitsplätze waren rar. Die Prüfungsvorbereitungen fraßen mein Geld auf. Das Cabrio musste ich verkaufen.

          Ein Jahr ohne Freiheit

          Während des Studiums hielt der Kreativ-Chef einer sehr renommierten Agentur einen Vortrag. Ausgewählte Studenten durften sich bei ihm als Assistent bewerben. Ein Jahr ohne Studium, ein Jahr Berufserfahrung, eine wichtige Referenz. „Wer da reinkommt, dem stehen alle Türen offen!“, so hieß es. Ich bekam die Stelle. Es wurde ein Jahr ohne Freiheit. Der Chef war charismatisch, aber fordernd. Und die Agentur arbeitete mit völlig veralteten Produktionsmethoden. Ich brach mir die Finger am Zeichenbrett und bastelte Layouts mit Blindtext und Rubbel-Kleber.

          Dabei standen in der Hochschule, in der ich studierte, Computer mit den neuesten Programmen, die die verrücktesten Ideen in Sekunden sichtbar machen! Dutzende Entwürfe blieben unverwirklicht. Liebend gerne hätte ich die ganze Stadt mit Ideen plakatiert, eine eigene Zeitschrift veröffentlicht, mit hinreißenden Geschichten und meiner Vorstellung von Design. Völlig undenkbar auch nur Teile davon in der Agentur einzufordern.

          Mit Gewohnheiten brechen

          Zurück im Studium, ein paar Semester später, entstand meine Diplomarbeit, sie sollte natürlich revolutionär werden, mit Sehgewohnheiten brechen. Die sonst geraden Spalten des Gestaltungsrasters glichen den Bewegungslinien einer Ballett-Aufführung. Das Logo bestand aus Bausteinen, die immer neue Geschichten erzählten. Statt einer Präsentationswand erfand ich einen mobilen Shop mit Fangesängen, die schwindelig machten. Doch der Professor riet ab. Wir diskutierten. Eine gute Bewertung stand auf dem Spiel. Es ging um meinen Einstieg in die Berufswelt. Der Professor gab nicht nach, ich musste alles noch einmal umwerfen. Die Zeit war zu knapp. Der Note hat es nicht geholfen.

          Ein eigenes Design-Büro: Das wäre mein Traum gewesen. Große Kunden, große Aufträge, dann endlich Zeit für freie Ideen und freie Projekte. Aber es gab keine Kunden in dieser Zeit.

          Glücklich wurde ich dennoch. Ich hatte mich angestrengt, hatte gute Referenzen. Und bewarb mich. Bei der F.A.Z. zeigte ich im Gespräch die unvollendete erste Version meiner Diplomarbeit. Und bekam die Stelle.

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