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Schwerpunkt „Vollbeschäftigung“ : Arbeit für alle

Arbeit für alle ist möglich, der Demographie sei Dank Bild: dpa

Lange Zeit war das nicht vorstellbar: Vollbeschäftigung in Deutschland ist wieder möglich. Der demographische Wandel sorgt dafür.

          3 Min.

          Deutschland ist auf dem Weg zur Vollbeschäftigung, flächendeckend und dauerhaft. Zugegeben, diese These mutet zunächst ein wenig forsch an. Schließlich rebellieren ringsum Regierungen gegen die zum Kampf gegen die Euro-Schuldenkrise vereinbarten Sparvorgaben. Sie lechzen stattdessen nach Konjunkturprogrammen, weil sie den Kollaps fürchten, wenn die Arbeitslosigkeit in ihren Ländern weiter so rapide wächst. Man muss also schon einen ordentlichen Schritt zurücktreten, um mit etwas Abstand zum Tagesgeschehen zu der Erkenntnis zu gelangen: Arbeit für alle ist in Deutschland wieder möglich.

          Vollbeschäftigung, das Wort klingt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Das Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland beförderte Anfang der sechziger Jahre das Thema Arbeitslosigkeit für mehr als ein Jahrzehnt zur Randnotiz. Im Gegenteil, die Frage, wie der Hunger der fulminant wachsenden Wirtschaft nach Arbeitskräften dauerhaft gestillt werden kann, mündete in eine gigantische Anwerbewelle ausländischer Geringqualifizierter, deren Folgen das Land heute noch spürt.

          Erst die Ölpreisschocks der siebziger Jahre läuteten eine lange Ära ein, während deren Deutschland - vor allem nach der Wiedervereinigung - schmerzhafte Erfahrungen mit verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit und ausufernden Kosten des Wohlfahrtsstaates machte. Die Furcht vor dem Schicksal der Dauerarbeitslosigkeit prägte die Berufsbiographien ganzer Generationen. „Hartz IV“ geriet zur Chiffre für die Angst vor dem sozialen Abstieg.

          Unter den Akademikern herrscht bereits Vollbeschäftigung

          Tatsächlich bedeutete die größte deutsche Arbeitsmarktreform aber ein Signal des Aufbruchs. Der flexiblere Arbeitsmarkt hat die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen gestärkt. Die Zahl der Erwerbstätigen steuert hierzulande nun auf die Rekordmarke von 42 Millionen zu, die Arbeitslosenquote sinkt seit Jahren. Bundesregierung und Wirtschaftsforscher erwarten für 2014 im Durchschnitt eine Quote unter 7 Prozent. Damit rückt die Marke von 4 Prozent in Sichtweite, unterhalb deren Ökonomen von Vollbeschäftigung sprechen.

          Vollbeschäftigungsphantasien rufen sofort Kritiker auf den Plan - zu Recht. Denn solche Überlegungen basieren immer auf Annahmen. Eine zentrale lautet etwa, dass Deutschland auch in Zukunft ein stabiles Wirtschaftswachstum verzeichnet und damit die Nachfrage nach Arbeitskräften hoch bleibt. Würden große Teile der Industrie etwa nach Fernost verlagert, stellte sich die Beschäftigungssituation gänzlich anders dar.

          Und dennoch spricht vieles für ein Vollbeschäftigungsszenario, schon weil sich auf der Angebotsseite gewaltige Knappheiten ergeben werden. Der demographische Wandel sorgt dafür, dass dem Arbeitsmarkt immer weniger Personen zur Verfügung stehen. Schon heute scheiden mehr Leute aus dem Berufsleben aus als eintreten. Die Losung „Jeder wird gebraucht“ wird wahr.

          Die Vorboten sind schon da. In Bayern und Baden-Württemberg herrscht längst Vollbeschäftigung, ebenso bundesweit unter den Akademikern. Daraus ergeben sich neue Schwierigkeiten. Vollbeschäftigung ist kein statischer Zustand, sondern er beschreibt den fließenden Übergang zum Fachkräfte- und später zum generellen Arbeitskräftemangel. Ohne passende Mitarbeiter wiederum können Unternehmen ihre Wachstumsmöglichkeiten nicht ausschöpfen.

          Der Blick in die Zukunft lohnt sich bisweilen

          Die volle Dimension des Zeitenwechsels am deutschen Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren und Jahrzehnten lässt sich derzeit kaum erfassen. Dennoch genügt schon der kurze Blick in die Glaskugel, um zu begreifen, dass der Abschied vom Schreckgespenst Massenarbeitslosigkeit zu tiefgreifenden Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft führen wird. Während sich die Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge der fünfziger und sechziger Jahre am Arbeitsmarkt behaupten mussten, um nicht in der schieren Masse unterzugehen, sind sich die heutigen Heranwachsenden ihres Marktwertes schon bewusst. Gerade die hochqualifizierten Repräsentanten dieser „Generation Y“ fordern von möglichen Arbeitgebern mit breiter Brust sinnvolle Arbeit ein.

          Zudem steht die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben hoch im Kurs. Was noch vor einigen Jahren als Ausschlusskriterium in jedem Bewerbungsgespräch gereicht hätte, wird heute zum Bestandteil der Arbeitgebermarke. Viele Personalmanager, oft selbst noch aus Babyboomer-Generationen, finden sich nun in der ungewohnten Rolle wieder, mögliche Mitarbeiter zu umwerben. Mittlerweile buhlen auch nicht nur Unternehmen, sondern ganze Regionen um die Gunst qualifizierter Arbeitskräfte aus dem In- und Ausland. Die an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausgerichtete Zuwanderung gewinnt an Bedeutung in einer auf Innovation und Fortschritt angewiesenen Volkswirtschaft.

          „Auf Sicht fahren“ ist seit Ausbruch der Weltfinanzkrise vor fünf Jahren zur griffigen Parole in Politik und Wirtschaft geworden. Es lohnt sich jedoch bisweilen, den Blick in die fernere Zukunft schweifen zu lassen. Die Chancen auf „Arbeit für alle“ sind in Deutschland so groß wie seit langer Zeit nicht mehr.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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