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Schwerpunkt „Arbeit für alle“ : Was heißt hier Vollbeschäftigung?

Mitarbeiter gesucht: Unternehmen müssen um ihr Personal künftig buhlen Bild: Getty Images

Das Wort klingt wie eine Verheißung paradiesischer Zeiten am Arbeitsmarkt. Doch die Vollbeschäftigung hat auch ihre Tücken. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

          Was versteht man unter Vollbeschäftigung?

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Bis zum letzten Arbeitsfähigen und -willigen haben alle eine Arbeit, die Erwerbslosenquote liegt bei exakt 0 Prozent - genau so ist Vollbeschäftigung nicht gemeint. Denn selbst in einem Land mit äußerst guter Beschäftigungslage sind nie alle ständig beschäftigt. Zum einen gibt es immer eine gewisse Fluktuation: Menschen beenden ein Arbeitsverhältnis und sehen sich nach einem neuen Arbeitsplatz um, dazwischen sind sie vielleicht ein paar Wochen ohne feste Beschäftigung. Das nennen die Fachleute „friktionelle“ Arbeitslosigkeit oder Sucharbeitslosigkeit. Auch wenn Schüler nach dem Abschluss erstmals auf den Arbeitsmarkt drängen, finden selbst in einer perfekten Welt nicht alle gleich am ersten Tag eine Arbeit.

          Zum anderen gibt es immer auch saisonale Schwankungen. Im Winter haben viele Außenberufe wenig zu tun: Bauarbeiter, Handwerker und Bauern entlassen einen Teil ihrer Mitarbeiter. Diese saisonale Schwankung ist naturgegeben. Fachleute sprechen also nicht bei 0 Prozent Arbeitslosen von „Vollbeschäftigung“, sondern wenn die Arbeitslosenquote bei höchstens 4 Prozent liegt. Kennzeichnend ist, dass unfreiwillige Langzeitarbeitslosigkeit weitestgehend eliminiert ist.

          Wann gab es das zuletzt in ganz Deutschland?

          Die Älteren haben nicht nur Vollbeschäftigung erlebt, sondern sogar Überbeschäftigung. Das ist aber schon fast fünf Jahrzehnte her. Im Zuge des „Wirtschaftswunders“ fanden Millionen Arbeitslose, Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Krieg in den fünfziger Jahren Beschäftigung. Mitte der fünfziger Jahre fiel die Arbeitslosenzahl in Westdeutschland unter eine Million, die Quote sank auf 5 Prozent. 1960 fiel die Quote unter 2 Prozent, fünf Jahre bis 1966 sogar unter 1 Prozent. Sowohl Fachkräfte als auch Ungelernte wurden extrem knapp. Die Industrie suchte händeringend Mitarbeiter, die Löhne wuchsen kräftig. Zugleich strömten Gastarbeiter ins Land. Das war die Zeit der Voll- und sogar Überbeschäftigung. Die Konjunktur drohte zu überhitzen, die Ansprüche der Bevölkerung stiegen. Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, der „Vater des Wirtschaftswunders“, rief in dieser Situation zu „Maßhalten“ auf - wurde aber kaum gehört.

          Mit dem ersten Ölpreisschock geriet Westdeutschland 1974/1975 erstmals seit den dreißiger Jahren in eine schwere Rezession, die Gewerkschaften reagierten auf die anziehende Inflation mit hohen Lohnforderungen. Innerhalb eines Jahres verdoppelte sich die Zahl der Arbeitslosen auf mehr als eine Million. Der zweite Ölpreisschock löste 1981 eine neue Rezession aus, die Arbeitslosenzahl stieg auf mehr als 2 Millionen. Während der achtziger Jahre begannen Ökonomen über „strukturelle Arbeitslosigkeit“ zu debattieren. In der DDR herrschte nach offizieller Propaganda stets Vollbeschäftigung. In der Realität waren aber viele Arbeiter unterbeschäftigt. Die Produktivität war entsprechend niedrig. Das Ifo-Institut gab in einer Studie über „Verdeckte Arbeitslosigkeit in der DDR“ an, dass die Arbeitszeit zu 15 bis 30 Prozent nicht produktiv genutzt wurde. So hoch sei mithin die faktische Arbeitslosigkeit gewesen. Mit der Wiedervereinigung wurde diese Unterbeschäftigung offengelegt. Die Arbeitslosigkeit stieg im Osten bis zur Jahrtausendwende auf 19 Prozent, im Westen auf gut 10 Prozent.

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