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Schwerpunkt „Arbeit für alle“ : Hochschulabsolventen - hammerhart und heißbegehrt

Alle wollen an die Uni - doch nur wenige haben sich schon Gedanken über das Studienfach gemacht Bild: dpa

Die Jugendlichen von heute haben beste Berufsaussichten. Allein vielen fehlt der Glaube daran. Bislang gilt an Schulen und Hochschulen die Maxime: Nur den Besten stehen alle Türen offen.

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          Manche Schlagworte halten sich hartnäckig. Die „Generation Praktikum“ zum Beispiel besagt, dass sich frisch gebackene Hochschulabsolventen zuerst von Praktikum zu Praktikum hangeln müssen, bevor sie endlich eine Festanstellung finden. Für manchen Geisteswissenschaftler oder Journalisten mag das stimmen. Doch in ihrer Gesamtheit sind Hochschulabsolventen seit Jahren so begehrt, dass fast alle nach dem Abschluss eine feste Stelle finden. Das beweist allein schon die Arbeitslosenquote für Akademiker, die sich seit ein paar Jahren mit 2 bis 3 Prozent auf Vollbeschäftigungsniveau bewegt.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Wegen der demographischen Entwicklung, vor allem des Ausscheidens der Baby-Boomer-Generation aus dem Arbeitsleben in den nächsten Jahren, dürften die Aussichten sogar noch besser werden. Unter Oberstufenschülern ist diese Botschaft aber offenbar noch nicht angekommen - das zeigt ein Gespräch mit Schülern der elften Klassen der Katholischen Schule Liebfrauen aus Berlin. Noch ein Jahr, dann machen sie Abitur; studieren wollen alle. Doch nur wenige haben sich schon Gedanken über das Studienfach gemacht, geschweige denn über den späteren Beruf. „Das ist doch alles noch weit weg - zumindest gefühlt“, sagt ein Schüler. Und eine Mitschülerin ergänzt: „Wir sind doch erst 17 und sollen uns jetzt für den Rest unseres Lebens entscheiden.“

          Sie fühlen sich nicht als privilegierte Generation

          Fast alle wollen nach dem Abitur ein Jahr Auszeit nehmen. Derzeit sei der Druck zu hoch, stöhnen sie. Wegen der verkürzten Gymnasialzeit haben sie 38 bis 39 Stunden Unterricht in der Woche. Etwas Soziales wollen die einen machen, „Work and Travel“ die anderen. „Wir sind nach dem Abi ja erst 18, die Unis sind doch gar nicht auf Menschen wie uns vorbereitet“, befindet eine Schülerin. Vorbereitet seien sie auf „richtige Erwachsene“.

          Dass sie so gute Berufsaussichten haben, wissen die Gymnasiasten nicht, sie fühlen sich nicht als privilegierte Generation - nicht nur weil es in der Schule so anstrengend sei, sondern auch weil sie erst einmal einen Studienplatz ergattern müssten. In Berlin sei das schwierig. „Da gibt es für fast alle Fächer einen Numerus Clausus von 1,0 bis 1,5“, glaubt eine Schülerin. Die Lehrerin hat noch eine Erklärung: „Vielleicht wirkt auch das kollektive Unterbewusste der zwei Generationen davor nach, die viel schlechtere Aussichten am Arbeitsmarkt hatten.“

          Manuela Stock berät in der Arbeitsagentur München Abiturienten. Immer wieder stellt sie fest, dass die Oberstufenschüler bei der Wahl der Ausbildung kaum darauf achten, was nach dem Studium kommt. „Im Grunde überblicken sie nur drei Jahre“, sagt Stock. „Sie denken über ihr Bachelor-Studium nach, und vielleicht noch über ein mögliches Master-Studium.“ Den Prognosen trauten sie ohnehin nicht. Die Beraterin auch nicht. „Für 2009 waren die Prognosen wunderbar, und dann gab es den Crash in den Vereinigten Staaten und die tiefe Rezession in Deutschland.“ Die Wirtschaft sei so abhängig von dem, was auf der Welt passiere, zum Beispiel im Euroraum.

          Freising mit der niedrigsten, Greifswald mit der höchsten Arbeitslosenquote
          Freising mit der niedrigsten, Greifswald mit der höchsten Arbeitslosenquote : Bild: F.A.Z.

          Sie sei sich deshalb mit ihren Kollegen einig: „Ich rate den Schülern, nicht nach Prognosen zu studieren. Sie sollen das studieren, was sie am liebsten machen.“ Das Studienfach sei den heute Studierenden nicht so wichtig, sagt Dieter Frey. Es sei ihnen wichtig, überhaupt zu studieren und gut abzuschneiden; dann, so glaubten sie, stehe ihnen die Welt mehr oder weniger offen, behauptet der Psychologie-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Frey lehrt seit 40 Jahren, er hat schon mehrere Studentengenerationen erlebt.

          Die heutige wisse durchaus, dass sie durch die demographische Entwicklung privilegiert sei. „Sie ist deshalb eher selbstbewusst.“ Gelassener im Studium seien die Studenten dadurch aber nicht. „Sie stehen sehr unter Leistungsdruck.“ Freys Erklärung dafür sind die permanenten Prüfungen und Notenvergaben. „Bei allen Chancen sehen sie, dass man mit guten Noten noch bessere Chancen hat.“

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