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Schwerpunkt „Arbeit für alle“ : Böblingens Kampf um kluge Köpfe

Verlassener Marktplatz in der Altstadt: „Ich komm aus Böblingen bei Stuttgart - uncool. Jetzt wohn’ ich in Berlin“, singt die Band Kraftklub Bild: Verena Müller

Die schwäbische Stadt Böblingen hat eine Arbeitslosenquote von vier Prozent. Das ist Vollbeschäftigung. Sie muss nicht mehr um Firmen werben, sondern um Menschen. Denn wer will schon nach Böblingen?

          Früher lieh Gottschalk der Provinz seinen Glanz. Tom Hanks, Leonardo DiCaprio, Steven Spielberg - saßen alle auf dem „Wetten dass ...“-Sofa in der Böblinger Sporthalle. Drei Konzerte spielten die Red Hot Chili Peppers in Deutschland, München, Hamburg und Böblingen. Willy Brandt war da, die Kanzler Schmidt und Kohl. Franz-Josef Strauß wurde in Böblingen mit Eiern beworfen. Und heute? Kommt Horst Köhler.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          An einem Mittwochnachmittag Mitte April steht der Altbundespräsident in einem Zweckklotz zwischen zwei künstlich angelegten Weihern und hält eine Dankesrede für einen Wirtschaftspreis. Köhler ist Böblingen-Fan, er zählt damit in Deutschland zu einer Minderheit. Es gibt einen Song der Indieband Kraftklub, den Teenies quer durch die Republik singen: „Ich komm aus Böblingen bei Stuttgart - uncool. Jetzt wohn’ ich in Berlin.“ Horst Köhler aber findet Böblingen cool. Böblingens Vollbeschäftigung, die vor allem.

          Kindertagesstätte im neuen Böblinger Stadtteil Flugfeld. „Familien von heute wollen nicht irgendeine Einrichtung, damit die Kinder acht Stunden einfach nur versorgt sind“, sagt der Bürgermeister

          Die Arbeitslosigkeit liegt hier zwischen drei und vier Prozent. Das ist weniger als im zwanzig Bahnminuten entfernten Stuttgart, im Rest Deutschlands wird es noch länger dauern, bis Böblinger Verhältnisse herrschen: Hier hat fast jeder eine Arbeit. Die Niederlassungen von IBM und Hewlett-Packard sind hier, Philips lässt in Böblingen forschen, Daimler ebenso - Bandarbeiter gibt es nur in der Nachbarstadt Sindelfingen. Neben den Weltkonzernen mischen hundert weitere Unternehmen die Nischen ihrer Weltmärkte auf, die schwäbischen Erfinderstuben sind klein, aber fein. Die Stadt ist der Inbegriff von Schaffe Schaffe. Einzig Köhler sieht das anders: „Böblingen ist die Balance zwischen Anstrengung und Vergnügen.“

          „Eher eine Liebe auf den zweiten Blick“

          So ist es gerade nicht, und das wird zum Problem, wenn bald in ganz Deutschland Vollbeschäftigung herrscht. Für Böblingen, für die Provinz überhaupt. „Wo niemand hin will“, lästert die „Stuttgarter Zeitung“ über den Vorort. Die Altstadt? Menschenleer. Das Kneipenviertel hat seine besten Tage hinter sich. „Das Problem von Böblingen ist, dass es nicht gerade eine tolle Innenstadt hat“, sagt selbst der Oberbürgermeister, ein Unionsmann. „Sehr schwäbisch“ sei die Stadt, sagen Einwohner. Wer im Hotel nicht zum Frühstück erscheint, weiß nach den bitteren Vorwürfen der Wirtin, was damit gemeint ist. „An der Spitze bleiben ist schwierig“, sagt Stadtoberhaupt Wolfgang Lützner. Der Wirtschaft geht’s bestens. Und den Menschen?

          IT-Standort Böblingen: Im Labor der Firma AP Sensing

          Für die sollen jetzt Fontänen her. Meterhoch soll die Wand aus Wasserspielen werden, im Zentrum gleichgeschaltet mit den Ampelphasen: damit die Daimler-Lawine dahinter verschwindet. 7000 Fahrzeuge rollen täglich durch die Stadt. Die Abfahrt auf der Autobahn A-81 - das ist es, was die Deutschen noch am ehesten mit Böblingen verbinden. „Die Stadt wird bundesweit nicht so richtig wahrgenommen“, sagt Lützner. Wenn sich Uni-Absolventen in Deutschland bald aussuchen können, wohin sie abbiegen auf dem Karrierepfad, reizt gute Verkehrsanbindung wenig, schwant dem Bürgermeister: „Die Stadt ist ja eher eine Liebe auf den zweiten Blick.“

          Die Wirtschaft hat sich schneller gedreht in den vergangenen Jahren, Böblingen hat Schritt gehalten. Ein Softwarezentrum lockt Startups, im Gewerbegebiet Hulb warten gigantische Hallen auf Gewerbe. Diese Stadt hat alles für ihre Unternehmen getan, hat sich der Wirtschaft verschrieben. Sie hat große Straßen gebaut, damit die Industrie und ihre Arbeiter kurze Wege haben. Einfallstraßen, Ausfallstraßen - überall wird Gas gegeben.

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