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Schwerpunkt „Arbeit für alle“ : Abschied von den Trillerpfeifen

Schrille Töne haben ausgedient: Unter Hochqualifizierten muss Solidarität künftig anders erzeugt werden Bild: dpa

Die neue Arbeitswelt wird von starken Individualisten geprägt. Gewerkschaften müssen sich neu erfinden - oder sie gehen unter. Mit Einführung eines Mindestlohns könnten noch mehr Arbeitnehmer auf sie verzichten.

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          Nicht jeder Tarifvertrag ist der IG Metall so wichtig, dass sie seine Entstehung gleich in einer Farbbroschüre dokumentiert. Im Fall der Firma Lenze Automation in Hameln ist das anders. Formal geht es dort zwar nur um 150 Beschäftigte. Doch dieser Tarifvertrag, erarbeitet in einem mehrjährigen Prozess, ist für die IG Metall ein Leuchtturmprojekt: Die 150 Beschäftigten, deren Betrieb zu einem größeren Maschinenbauer gehört, sind Ingenieure - und sie halten gar nichts von roten Fahnen und Trillerpfeifen, wie sie den örtlichen Gewerkschaftern gleich zu Beginn gesagt hatten.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Günstige Umstände erleichterten die Annäherung von Arbeitnehmern und Gewerkschaft und später mit dem Unternehmen: Eine Neustrukturierung hatte zu einer schwer nachvollziehbaren Vielfalt individueller Vertragsbedingungen im Betrieb geführt und damit zu einem starken Interesse an einheitlichen Grundregeln. Ihn habe dabei „positiv überrascht, dass die IG Metall nicht dogmatisch und politisch motiviert verhandelt hat“, lobt Dirk Rehm, Diplomingenieur und Betriebsrat. Auch mehrere Kollegen spenden der Gewerkschaft in der Broschüre Lob.

          Kulturwandel nötig

          Dass die IG Metall damit so viel Aufwand treibt, hat einen klaren Grund: Solche Beispiele dürfen nicht der Ausnahmefall bleiben, wenn die Gewerkschaft ihre Zukunft sichern will. Denn der Wandel der Arbeitswelt stellt die alten Massenorganisationen der Arbeiterbewegung vor existentielle Fragen. An die Stelle von Massenproduktion treten Dienstleistungen oder kundenspezifische Fertigung - das ist eines der Erfolgsrezepte der Industrie. Damit differenzieren sich Arbeitsbedingungen und Arbeitnehmerinteressen aus, und umso weniger passt dazu die hergebrachte Art der Gewerkschaftsarbeit.

          Ein weit verbreitetes Symbol: Logo von IG Metall bei einer Kundgebung in Unna
          Ein weit verbreitetes Symbol: Logo von IG Metall bei einer Kundgebung in Unna : Bild: dpa

          Auch steigt in der Arbeitswelt der Anteil der Wissensarbeiter, die schon immer schwerer fürs Kollektiv zu begeistern waren. Und weil diese dabei knapper und gesuchter werden, verbessert sich für jeden einzelnen die Verhandlungsposition gegenüber dem Arbeitgeber. Umso weniger nötig wird die Hilfe der Gewerkschaft. „Vollbeschäftigung stärkt die Gewerkschaften und treibt die Löhne hoch“ - so lautet zwar eine oft zitierte Gleichung. Doch so einfach ist es nicht.

          Das sieht auch Hartmut Meine so, Bezirksleiter der IG Metall für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Bei niedriger Arbeitslosigkeit hat es eine Gewerkschaft zwar in Tarifverhandlungen tendenziell leichter“, urteilt er. „Umso mehr muss sie dann aber aufpassen, dass gesuchte Fachkräfte nicht sagen: ,Meine Position ist stark genug, ich schaffe das auch allein.‘“ Denn die Arbeitsgrundlage jeder Gewerkschaft sei nun mal „gelebte Solidarität“. Die spezialisierten Profiteure der neuen Arbeitswelt dafür zu gewinnen verlange der Gewerkschaft einen Kulturwandel ab. „Am Werkstor Flugblätter verteilen und dann zum Streik aufrufen - so funktioniert das bei Ingenieuren eher nicht.“

          Überflüssig durch Mindestlohn

          Volker Rieble, Direktor des Instituts für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht an der Universität München, spitzt es weiter zu. „Gewerkschaften müssen sich neu erfinden, wenn sie überleben wollen“, sagt er. „Wer das nicht schafft, wird im Zweifel untergehen.“ Dafür gebe es bereits Beispiele aus der Vergangenheit: Die Gewerkschaften Leder und IG Bergbau seien nicht nur an den Krisen ihrer Branchen gescheitert, sondern auch an einer ausgeprägten Unfähigkeit, sich zu wandeln.

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