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Bildung : Wird in Deutschland zu viel studiert?

Wie viele Akademiker braucht das Land? Studenten in der Berliner Humboldt-Universität Bild: dpa

Der Anteil der Akademiker darf nicht weiter steigen, fordern Professoren und Wirtschaftsvertreter. Doch sie könnten Wichtiges übersehen: Die Welt verändert sich.

          Wird hierzulande zu viel studiert? Der Philosophieprofessor und frühere SPD-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hat diese Frage vor kurzem mit einem klaren Ja beantwortet und gefordert, den „Akademisierungswahn“ zu beenden. Damit hat er eine schon länger schwelende Diskussion stark befeuert. Der Deutsche Hochschulverband, die Berufsvertretung der deutschen Wissenschaftler, hat auf seiner Internetseite über Nida-Rümelins Forderung abstimmen lassen.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Fast 90 Prozent finden, der Wahn müsse ein Ende haben. Das passt zu den regelmäßigen Warnungen von Professoren, dass zu viele junge Menschen ein Studium begännen, die weder die Fähigkeiten noch das Interesse mitbrächten. Auch Nida-Rümelin sagte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Wir werden bald 60 Prozent Studienberechtigte pro Jahrgang haben, in manchen Städten liegen wir schon bei 70 Prozent. Meine These ist, dass sich daraus eine neue Qualität ergibt – eine negative.“ Gleichzeitig pries er die duale Ausbildung. Diese werde durch die Expansion des Studiums bedroht.

          „Auf der anderen Seite quellen die Hörsäle über“

          Davor warnen auch manche Wirtschaftsverbände. Derzeit begännen fast genauso viele Menschen ein Studium wie eine Berufsausbildung, früher sei das Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel gewesen, rechnet Markus Kiss vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vor. Es sei schon diskussionswürdig, ob dieser Trend noch gesund sei. Zudem seien viel mehr Akademiker nicht adäquat beschäftigt als früher. „Auf der anderen Seite quellen die Hörsäle über.“ Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln springt dem DIHK bei.

          „Vor zehn Jahren gab es eine Akademikerlücke; seitdem ist der Anteil der Hochschulabsolventen von 17 auf 31 Prozent gestiegen“, sagt IW-Bildungsökonom Axel Plünnecke. Inzwischen sei in der beruflichen Bildung der Engpass größer. „Auch Ingenieure und Mediziner werden gesucht, doch bei Technikern und Schweißern ist es enger.“ Plünnecke warnt vor einer weiteren Akademisierung: „Das geht auf Kosten der dualen Ausbildung.“ Für die schrittweise Innovation sei es wichtig, dass Akademiker und Facharbeiter eng zusammenarbeiteten.

          Warnungen hätten sich stets als falsch rausgestellt

          Ganz andere Töne kommen von Südwestmetall. Die Metallarbeitgeber in Baden-Württemberg halten die „Diskussion über eine vermeintliche Überakademisierung der Gesellschaft für völlig verfehlt“. Warnungen vor einer Akademikerschwemme habe es in der Vergangenheit schon öfter gegeben – und sie hätten sich stets als falsch herausgestellt. Das gelte umso mehr, als es inzwischen eine stark ausdifferenzierte Hochschullandschaft und völlig neue Studienmodelle gebe, die den Bedarf des Arbeitsmarktes gut widerspiegelten.

          Das gilt zum Beispiel für das duale Studium, eine Mischung aus akademischer und Berufsausbildung, das sich gerade im Südwesten der Republik großer Beliebtheit erfreut. Südwestmetall warnt eindringlich davor, duale Ausbildung und Studium gegeneinander auszuspielen. Das sieht Joachim Möller, der Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, genauso. Wegen der ungünstigen demographischen Entwicklung würden Akademiker genauso zur Mangelware wie Facharbeiter.

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