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Babyboomer : Wir sind stark

Alterspyramide 1965, 2000 und 2035. Bild: F.A.Z.

Die Menschen, die vor 20 Jahren erwachsen wurden, sind heute immer noch an der Herrschaft. Denn sie sind viele. Und sie wollen sich nicht zurückziehen.

          Es muss vor zwanzig Jahren gewesen sein, dass die Zeit auf einmal stehenblieb; sie drehte sich rückwärts und im Kreis und ist bis heute nicht zurück in eine gerade Bahn gekommen - was damals aber keiner merkte. Denn auf den ersten Blick sah ja alles oder zumindest der schönere, schickere, oberflächliche Teil der Welt ganz neu und anders und ungeahnt aus.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war die Zeit, als die Prätentionen der achtziger Jahre endlich abgeschafft und auf den Müll geworfen wurden, die toupierten Frisuren und die Schulterpolster, die Bundfalten, das merkwürdige, tendenziell dreieckige Design. Das Design wurde klarer, sparsamer, moderner, die Schultern, die Krawatten und die Hosen wurden schmaler. Die Menschen trugen anständige Frisuren auf den Köpfen. Und selbst die Häuser hörten auf, so auszusehen, als hätte der Architekt aus überdimensionierten Legosteinen Erker und Säulen gebaut. Es sah, alles in allem, so aus, als hätte die Welt eine gute Chance, ein wenig schöner und eleganter zu werden.

          Die Zeit blieb stehen, das Neue war gar nicht so neu

          Auf den zweiten Blick erkannte man, dass das Neue gar nicht so neu war. Das Jenseits des Schönen fand sich irgendwo in den sechziger Jahren, als die Möbel leichter, schlichter und fröhlicher waren, die Haare kürzer, die Häuser beseelt von einem emphatischen Modernismus. Und der Designer Tom Ford, der damals bei der Firma Gucci beschäftigt und, neben Miuccia Prada und Helmut Lang, einer der Erfinder der schmalen Schultern und der bundfaltenlosen Hosen war, Tom Ford, Jahrgang 1961, sagte damals in einem Interview, dass das alles doch verständlich und geradezu natürlich sei: Was man in seiner Kindheit als schön empfunden habe, das werde man nicht mehr los.

          Der dritte Blick war erst viel später möglich, zehn Jahre mindestens; oder heute, zwanzig Jahre danach. Auf den dritten Blick erkennt man, dass sich seither nicht mehr viel geändert hat in der Alltagskultur und den visuellen Künsten. Die Anzüge sind noch immer schmal. Die Möbel orientieren sich am Stil von 1960. Die Architekten bauen, wo sie nicht von komplett geschmacksgestörten Funktionären daran gehindert werden, emphatisch modern. Und im Fernsehen läuft „Mad Men“, die Serie, die natürlich mehr ist als ein Stilkatalog der Sechziger. Aber dass die Welt der „Mad Men“ als so schön und schick empfunden wird, liegt daran eben auch.

          Wir sind immer noch an der Herrschaft

          Es deutet alles darauf hin, dass jene Menschen, die vor zwanzig Jahren erwachsen wurden und gut genug verdienten, um mit ihren Konsumentscheidungen den allgemeinen Geschmack zu bestimmen, noch immer an der Herrschaft sind. Sie haben alle Versuche abgewehrt, die Schulterpolster oder die Fönfrisuren wieder einzuführen, sie bestehen darauf, dass die Silhouetten schmal bleiben, die Sideboards sachlich. Und wenn sie feiern, läuft Musik, die so klingt, als hätten diese Leute sie schon auf ihrer Abiturfeier gehört.

          Was, erstens, daran liegt, dass sie so viele sind. Der Jahrgang 1964 ist der geburtenstärkste in der Geschichte der Bundesrepublik, die Jahrgänge, die sich drumherum gruppieren, ergeben zusammen eine starke Mehrheit - gegen diese Leute brauchen die Jüngeren einen anständigen Generationenkonflikt gar nicht erst anzufangen. Der Generationenkonflikt war aber, fast das ganze 20. Jahrhundert hindurch, der Motor aller kulturellen Veränderung. Die Jungen wollten anders leben als die alten Säcke, sie wollten anders aussehen, sie erregten sich an anderen Formen und anderer Musik. Was bestens funktionierte, solange die Jugend in der Mehrheit war: Der Einzelne bekam nicht viel Taschengeld - aber das Taschengeld der vielen reichte aus, eine Musik in die Charts zu bringen, welche die Alten verschreckte und verstörte. Ob der Einzelne die Haar wachsen oder extrem kurz schneiden ließ, war egal. Wenn die halbe Jugend das tat, sah die Welt plötzlich anders aus. Und wenn die Eltern schimpften, straften, nichts verstanden, bekam noch die banalste Äußerlichkeit einen revolutionären Sinn.

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