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Ältere Arbeitnehmer : „Unsere Mitarbeiter bleiben gesünder und leistungsfähiger“

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Kein Programm für Greise, sondern für alle: Jörg Hinsberger leitet bei BMW das Projekt „Heute für morgen“. Bild: BMW

Gelenkschonende Holzfußböden und Computermonitore mit Lupen: BMW hat im Projekt „Heute für morgen“ Maßnahmen ergriffen, um den Alterungsprozess der Belegschaft abzufedern. Die Investitionen lohnen sich, sagt Projektleiter Jörg Hinsberger im F.A.Z.-Interview.

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          Die demographische Entwicklung sorgt dafür, dass die Beschäftigten in Deutschland immer älter werden. Was tut BMW gegen die drohende „Vergreisung“, Herr Hinsberger?

          Wir haben bei BMW schon vor einigen Jahren unser Demographieprogramm „Heute für morgen“ aufgelegt. Darin haben wir uns mit den Konsequenzen aus dem Alterungsprozess unserer Belegschaft für das Unternehmen auseinandergesetzt. „Heute für morgen“ ist aber kein Programm für „Greise“, sondern es wird für alle 105 000 BMW-Mitarbeiter gelten, gleichgültig ob sie am Band arbeiten oder im Büro. Startschuss war 2007 ein neues Montageband für Hinterachsgetriebe im Werk in Dingolfing. Hier haben wir zehn Jahre in die Zukunft geschaut und den Altersdurchschnitt der Mitarbeiter von 39 auf 47 Jahre angehoben, so wie er 2017 sein kann.

          Was genau haben Sie in Dingolfing gemacht?

          Weil wir in Dingolfing eine komplett neue Montagehalle gebaut haben, konnten wir von Anfang an eine Fülle von Einzelmaßnahmen umsetzen: es wurden gelenkschonende Holzfußböden verlegt, Computermonitore mit größerer Schrift und Lupen zum Lesen kleiner Teilenummern installiert, am Band gibt es für die Mitarbeiter Sitze, um die Wirbelsäule zu entlasten, und jeder trägt spezielle Arbeitsschuhe, die auf sein Körpergewicht und den Fußboden abgestimmt sind . . .

          . . . daraufhin war vom „Rentnerband“ die Rede.

          Stimmt, aber der Begriff darf nicht fehlinterpretiert werden. Es geht gerade nicht darum, alte Mitarbeiter auszulagern und in der Produktion Seniorenarbeitsplätze einzurichten. Ziel ist vielmehr, das Arbeitsumfeld von vornherein so zu verbessern, dass die Leistung der Mitarbeiter erhalten bleibt. Deshalb sind wir mit Ärzten, Physiotherapeuten, Ergonomen und anderen Fachleuten vor Ort und untersuchen die Arbeitsverhältnisse in der Produktion und in der Verwaltung.

          Was kostet das?

          Wir haben in Dingolfing ohnehin 20 Millionen Euro in ein neues Achsgetriebe-Montagewerk investiert, da ließ sich „Heute für morgen“ kostengünstig mit umsetzen. Die ganzen Einzelmaßnahmen sind mit einem geringen finanziellen Aufwand verbunden, zeigen aber später auch Erfolge. Inzwischen haben wir das Programm in allen deutschen Werken und im Motorenwerk in Steyr eingeführt, und rund 10 000 BMW-Mitarbeiter profitieren von den Maßnahmen. Übrigens hat sich in unserem Piloten in Dingolfing herausgestellt, dass die Produktivität voll erhalten blieb und die Qualität sogar noch gestiegen ist.

          Wie messen Sie denn den Erfolg Ihres Programms? Sinkt in den BMW-Fabriken die Krankenquote?

          Es geht ja um langfristige Wirkungen, die kann man an der Krankenquote so kurzfristig nicht ablesen. Da reicht schon eine schwere Grippewelle im Februar, und ein Vergleich ist nicht mehr möglich. Doch wir bekommen meist schon kurz nach der Umrüstung der Arbeitsplätze die Rückmeldung vom Gruppenleiter oder vom Meister, dass seine Mitarbeiter zufriedener sind. Auf lange Sicht versprechen wir uns von all den Maßnahmen, dass unsere Mitarbeiter einfach gesünder bleiben und leistungsfähiger arbeiten können. Das fragen wir in einzelnen Arbeitsbereichen gezielt ab. Zudem gibt es zum Beispiel ergonomische Bewertungsindizes von 0 bis 100. Alle Arbeitsplätze mit Werten unter 50 sind „rot“, also ergonomisch nachzubessern. Wir haben heute in der Produktion nur noch ganz wenige rote Bereiche. Ein anderes Beispiel sind unsere Umfragen zu unseren Weiterbildungsaktivitäten und Gesundheitsschulungen. Hier vergeben Mitarbeiter Schulnoten, und zwar meistens eine Eins!

          Fühlen sich ältere Mitarbeiter nicht bevormundet, wenn sie von heute auf morgen mit neuen Arbeitsweisen, neuen Verhaltensweisen konfrontiert werden?

          Das erleben wir so nicht. Wir arbeiten ja auch nicht mit Verboten, sondern machen Vorschläge, wie man gesund lebt, sich gesund ernährt. Natürlich sind die Kollegen unterschiedlich stark daran interessiert.

          Sie haben in der Kantine also nicht den Schweinsbraten und die Currywurst mit Pommes gestrichen . . .

          . . . nein, aber wir weisen mit einer Ampelkennzeichnung aus, welches Essen gesund ist und welches weniger: Ein grüner Punkt für den Salat, ein roter für die Currywurst und den Döner. Beide bleiben aber auf dem Speiseplan. Und in unseren Automaten gibt es nach wie vor den Schokoriegel, aber zusätzlich auch den Bio-Joghurt.

          Mit welchem Renteneintrittsalter rechnen Sie bei BMW in zehn Jahren?

          Derzeit liegt unser Altersdurchschnitt bei 43 Jahren. Für uns ist das aber kein entscheidender Wert, weil es uns um eine ausgeglichene Altersstruktur geht. Die größte Gruppe sind heute die 40- bis 55-Jährigen. In zehn Jahren sind es die 50- bis 65-Jährigen. Unser Ziel ist es, diese Gruppe so leistungsfähig wie möglich zu erhalten.

          Sind Altersteilzeitregelungen angesichts des Fachkräftemangels dann noch zeitgemäß?

          Das Modell wird auch in Zukunft noch seine Berechtigung haben. Den Fachkräftemangel müssen wir auf anderem Wege lösen, da reicht das Spektrum von Qualifizierungsmaßnahmen bis hin zum verstärkten Einsatz internationaler Mitarbeiter.

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