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VWL-Studium : Frust mit der Volkswirtschaftslehre

Volle Hörsäle sind in der Volkswirtschaftslehre eine Seltenheit. Betriebswirtschaftslehre studieren zehnmal so viele junge Menschen. Aber warum? Bild: dpa

Wir leben in ökonomisch hochspannenden Zeiten. Doch der Andrang auf die Studienplätze der Volkswirtschaftslehre ist überschaubar und geht tendenziell sogar zurück. Woran liegt das?

          Es ist paradox: Die Welt durchleidet seit fast einem Jahrzehnt eine ökonomische Achterbahnfahrt, die zeitweise einem Höllentrip glich. Finanzblase, Bankenkrach, Schuldenkrise, Euromisere, Arbeitslosigkeit, extreme Geldpolitik mit Null- und Negativzinsen, zudem Sorgen über eine möglicherweise langfristige „säkulare“ Stagnation der großen Volkswirtschaften. Was ist Markt-, was Staatsversagen? Wir leben in ökonomisch hochspannenden Zeiten.

          Es gäbe tausend Motive für neugierige junge Menschen, sich in die Wissenschaft von der Wirtschaft zu vertiefen. Eigentlich müssten Heerscharen an den Universitäten Volkswirtschaftslehre studieren wollen. Jedoch: Der Andrang ist überschaubar und geht sogar tendenziell zurück. Es gibt nur wenig mehr als 20000 Studenten der Volkswirtschaftslehre in Deutschland – der niedrigste Stand seit den neunziger Jahren.

          Zehnmal so viele studieren Betriebswirtschaft. Allein mit angeblich besseren Arbeitsmarktperspektiven für Betriebswirte lässt sich dieser relative Niedergang des Interesses am VWL-Studium nicht erklären. Auch gutausgebildete Volkswirte finden reichlich Arbeitsangebote, ob in der Forschung, in Banken, Ministerien oder Unternehmen.

          Woran liegt die Zurückhaltung, ein VWL-Studium zu beginnen? Das Image der Ökonomen, so einflussreich ihre Disziplin auch ist, hat in der Krise gelitten. Mit dem globalen Einbruch vor acht Jahren fielen auch die Ökonomen in eine Sinnkrise, weil kaum einer das Desaster vorhergesagt hatte. Zeitweise wirkten sie sprachlos, dann brach ein heftiger Streit über den Wert besonders der makroökonomischen Theorien und Modelle aus. In Teilen der Öffentlichkeit gibt es aus verschiedenen Gründen Misstrauen und sogar feindselige Ablehnung gegen die Aussagen von Ökonomen.

          Studienanfänger sind häufig schnell ernüchtert

          Viele VWL-Studenten, die in den kommenden Wochen als Studienanfänger ihre erste Vorlesung hören, sind bald ernüchtert. Denn schon in den ersten Stunden der Mikrovorlesung werden sie in eine mathematisch-abstrakte Modellwelt geführt – mit Indifferenzkurven und sehr starken Annahmen über das Verhalten des Homo oeconomicus als Eigennutzmaximierer und Rechenmaschine. Manche vermag diese Welt zu begeistern, andere fragen irritiert nach der Relevanz für reale Probleme.

          Der Vorwurf lautet, dass die akademische Ökonomie eine zu verengte, realitätsferne Sicht vermittle. Die Professoren vermittelten nicht genügend, warum ihre die Realität radikal vereinfachenden Modelle helfen, systematisch ökonomisches Handeln zu verstehen. Den Reichtum und die Erklärkraft der modernen Wirtschaftswissenschaften, den sie zweifellos besitzen, können Studenten oft nur erahnen, weil Dozenten zu wenig konkrete Beispiele und praktische Anwendungen benennen.

          Viele Professoren haben erkannt, dass es Defizite in der Lehre gibt. Die deutsche Ökonomenorganisation, der Verein für Socialpolitik, hat dazu jüngst eine Podiumsdebatte veranstaltet. Der allgemeine Tenor war, dass die Theorie viel stärker mit konkreten Beispielen aus Gegenwart und Geschichte veranschaulicht und ökonomische Phänomene in den jeweiligen historischen, sozialen und institutionellen Kontext eingebettet werden müssten.

          Zur Wiederentdeckung der Geschichte zählt auch, die Geschichte des eigenen Fachs nicht länger zu verdrängen. Viel zu lange wurde die Theoriegeschichte vernachlässigt. Dabei ermöglichen die Erkenntnisse und Irrtümer früherer Generationen immer wieder erhellende Einsichten auch zu aktuellen Fragen. Wer fundiertes Wissen über die Geschichte des Faches hat, ist eher davor gefeit, den aktuell dominierenden neoklassischen „Mainstream“ als allein seligmachende Lehre zu verklären.

          Vor allem in der Verhaltensökonomie hat sich schon viel getan

          In der Forschung hat sich schon so viel bewegt – Stichwort Verhaltensökonomie. Längst hat die Forschung dem Modellbild des Menschen als kühl-egoistisch maximierenden Homo oeconomicus ein komplexeres Bild gegenübergestellt, gewonnen mit Hilfe von Experimenten. Ökonomen haben gemeinsam mit Psychologen große Fortschritte gemacht – wenn auch noch unklar ist, wie beschränkt rational der Mensch ist.

          Gegen eine verengte Sicht helfen der intensive Diskurs mit anderen Sozialwissenschaften und ein breites Fundament an Bildung. Idealerweise sollte ein „Meister-Ökonom“ sowohl Mathematiker, Historiker als auch Staatsmann und Philosoph sein, schrieb John Maynard Keynes, einer der einflussreichsten Wirtschaftsdenker. Nobelpreisträger August von Hayek sagte, ein Ökonom, der nur Ökonom wäre, könnte kein guter Ökonom sein, sondern wäre sogar gefährlich.

          Das war ein Aufruf zu mehr inter-disziplinärer Forschung. Der Wunsch nach breiterer Bildung ist aber schwer zu verwirklichen, gerade im heutigen Bachelorstudium, das auf schnelles Pauken getrimmt ist. Studenten, die mehr kritische Reflexion wünschen, werden auf den Master vertröstet. Das frustriert viele. Nötig wäre es, schon in den frühen Semestern Fenster zur fortgeschrittenen Forschung zu öffnen. Sie verweisen darauf, dass die zunächst einfach geschnitzten Modelle nur ein Anfang sind, um die Komplexität und die Rätsel der ökonomischen Welt zu durchdringen. Die Krise hat gezeigt, dass noch viel zu tun ist.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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