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Volkswagen : Piëch im Doppel

Ursula Piëch soll in den VW-Aufsichtsrat einziehen Bild: dpa

Ursula Piëch sollte nur Ferdinand Piëchs Kinder hüten. Nun wird sie auch die Frau an seiner Seite im Aufsichtsrat von Volkswagen und damit die mächtigste Frau in der Automobilindustrie.

          3 Min.

          Ich denke gerne voraus, sagt Ferdinand Piëch, und das hat er mehr als einmal unter Beweis gestellt. Vor genau einer Woche stand er Seite an Seite mit seiner Frau Ursula im Zuschauerraum der großen (Leistungs-)Show, die der Volkswagen-Konzern traditionell zum Auftakt des Genfer Automobilsalons veranstaltet. Nicht in der ersten Reihe, die überließ das mindestens in der Autoindustrie mächtigste aller Ehepaare den Markenchefs und dem Konzern-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn. Aber doch mit bestem Blick auf die Akteure, die auf der Bühne von einer schier endlosen Erfolgsgeschichte kündeten und von dem Bemühen, verstärkt auf die Umwelt und das Wohlergehen der vielen Mitarbeiter in der VW-Welt achten zu wollen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Bisher schien es so, als komme Ursula Piëch an der Seite ihres Mannes zu der Veranstaltung. Doch diesmal erschien es fast schon so, als komme er an ihrer Seite. Immer wieder schloss Ferdinand Piëch die Augen, wirkte nachdenklich, müde oder vorausdenkend. Ursula Piëch verfolgte das bunte Treiben mit wachen Augen, die Menge der rund 1300 Gäste wohlwollend überblickend, manchmal huschte ein Lächeln über das Gesicht dieser Frau, die so herzhaft lachen kann, so ein verschmitztes Lächeln, wie es Wegbegleiter Ferdinand Piëchs auch von ihm kennen.

          Meist tat sich kurze Zeit später Großes, nicht immer für alle Angenehmes, aber oft Wegweisendes, und es festigte stets die Macht der Piëchs noch mehr. Die Entscheidung, die an diesem Montag getroffen werden soll, ist so ein Fall. Nach den maßgeblichen Positionen in den Stiftungen, die Ferdinand Piëch zur Regelung seines Erbes eingerichtet hat, soll seine Frau Ursula nun auch in den Aufsichtsrat von Volkswagen einziehen, wo sie fortan mithin im Doppel auftreten werden. Wegen der Mehrheitsverhältnisse ist die Wahl nur reine Formsache.

          Ursula Piëch ist längst nicht mehr einfach die Frau an der Seite des wohl mächtigsten Automanagers der Welt, des Herrschers über den Volkswagen-Konzern mit all seinen Marken von Skoda bis Bugatti und Porsche. Ferdinand lernt sie 1982 über ein Inserat kennen. Der damals 45 Jahre alte Piëch ist Technikvorstand von Audi und hat, wie er es nennt, eine Jugendehe hinter sich. Corina und er haben fünf Kinder. Zwei Kinder hat er mit Marlene Porsche, mit der er zusammenlebt, zwei weitere Kinder waren auf der Welt, die „einer anderen Connection entstammen“. Marlene Porsche also sucht per Inserat eine Gouvernante. Selbständigkeit, guter Umgang mit Kindern und Mobilität sind Voraussetzungen.

          „So ein blöder Kerl“

          Es meldet sich die 25 Jahre alte Ursula Plasser aus Braunau in Oberösterreich. Sie leitet einen Kindergarten, möchte aus der Enge von Braunau heraus, aber weiterhin mit Kindern zu tun haben. Arbeitsantritt ist zu Weihnachten auf der familieneigenen Berghütte, wo sich Ursula sogleich einer Prüfung im Allradfahren unterziehen muss. „Das Auto war ein Iltis, schon grundsätzlich gewöhnungsbedürftig. Ich ließ die Probandin an der steilsten Stelle, immerhin 17 Prozent, anhalten und wieder anfahren. Zweimal würgte sie den Motor ab, und ich schmunzelte. Da hatte ich schon so irgendein Gefühl“, schreibt Ferdinand Piëch in seiner „Auto.Biographie“. Ursula: „Er grinste vor sich hin, und ich dachte nur, so ein blöder Kerl.“ Aus dem „blöden Kerl“ wird im September 1984 ihr Ehemann. Eine von Ferdinands Töchtern sagt zu ihr: „Wie kannst du nur meinen Vater heiraten, du bist doch so ein fröhlicher Mensch.“

          Ursula Piëch hat sich ihre gute Laune ebenso bewahrt wie ihre Begeisterung für gute Autos, das hat sie gemein mit ihrem die automobile Perfektion liebenden, 19 Jahre älteren Mann. In der Garage ihres Hauses, eines großen, aber keineswegs pompösen gelb-weißen Hauses im salzburgischen Stil, stehen Ferrari 355 neben Bentley GTC, Bugatti Veyron und Audi R8 - Schmuckstücke mit den Kennzeichen UP 1 bis UP 12.

          Ein mächtiges Doppel

          Mit ihrer natürlich gewinnenden Art zieht die pfiffige und mit feiner Menschenkenntnis gesegnete Ursula Piëch ihren Mann („Von allem Anfang an war ich ein Zurückgezogener“) mit, überspielt gekonnt schwierige Situationen auch aus dem privaten Bereich. Am Tisch schafft sie ein angenehmes Gesprächsklima, sei es mit Politikern, von ihr geschätzten Journalisten oder mit dem VW-Betriebsratsvorsitzenden, dessen Bedeutung auch an jenem Abend in Genf wieder deutlich wird, als er inmitten der Managerschar und zusammen mit dem Personalvorstand auf der Bühne die Wichtigkeit der Mitarbeiter hervorheben darf.

          Alsbald feiert Ferdinand Piëch seinen 75. Geburtstag, die Gästeliste ist fein ausgewählt. Die geladenen Damen und Herren werden gleichermaßen die Nähe zu Ferdinand und Ursula Piëch suchen. Die beiden sind ein mächtiges Doppel, und weil Ferdinand Piëch gerne vorausdenkt, wird, wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, Ursula Piëch eines Tages allein einer der mächtigsten Menschen in der Automobilindustrie sein. Die mächtigste Frau ist sie jetzt schon.

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