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Diesel : Der Volkswagen-Konzern hat ein neues Abgasproblem

Der Seat Ateca kann mit 150 PS Dieselmotor und Frontantrieb nicht ausgeliefert werden. Bild: dpa

Seat stoppt den Verkauf eines Dieselmodells in letzter Sekunde. Im gerade vorgestellten Ateca muss ein Katalysator nachgerüstet werden. Die Kunden werden auf unbestimmte Zeit vertröstet.

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          Dem Automobilhersteller Volkswagen ist eine weitere folgenschwere Panne in seiner Dieselentwicklung unterlaufen. Sie betrifft diesmal ein nagelneues Modell. Nach Informationen dieser Zeitung ist die Auslieferung einer Baureihe des Geländewagens Seat Ateca gestoppt worden, weil die vorgesehenen Abgasgrenzwerte nicht eingehalten werden können. Betroffen sind Fahrzeuge mit 2,0 Liter 150 PS-Dieselmotor und Vorderradantrieb, mithin eine beliebte Kombination. Diese Fahrzeuge sind nicht mit der modernsten Abgasreinigungstechnik entwickelt worden. Der Konzern hat auf den Einbau eines SCR-Katalysators mit Harnstoffeinspritzung (Handelsname Ad Blue) verzichtet, weil die Ingenieure der Annahme waren, die Grenzwerte ließen sich auch ohne diese zusätzliche Kosten verursachende Technik einhalten.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Nun hat sich dem Vernehmen nach unmittelbar vor der Produktion des ersten Fahrzeugs herausgestellt, dass dies nicht der Fall ist. Die Konstruktionspläne werden geändert. Es soll kein mangelhaftes Fahrzeug hergestellt werden und in Kundenhand gelangen, wer schon einen Auftrag unterschrieben hat, wird vom Händler auf unbestimmte Zeit vertröstet oder muss ein anderes Modell bestellen. Die Lieferschwierigkeiten mit Wartezeiten von bis zu 10 Monaten haben also mitnichten nur mit der hohen Nachfrage nach dem attraktiven spanischen SUV zu tun.

          Mit der Angabe genauer Messwerte halten sich sowohl Seat als auch die Muttergesellschaft Volkswagen zurück, die Überschreitung der nach der jüngsten Abgasnorm Euro6 zertifizierten Fahrzeuge soll gravierend sein. Es geht offenbar um Stickoxid und CO2-Ausstoß, die sich nicht einfach gleichzeitig verringern lassen. Der Vorstand hat beschlossen, die Baureihe mit SCR-Katalysatoren nachzurüsten. Sie sind in erster Linie für die Reduktion von Stickoxid zuständig. Die Rede ist aber auch von einer Abweichung von bis zu 16Gramm CO2 je Kilometer bei einem Ziel von 114Gramm. Unter anderem muss die Abgasanlage geändert werden. Zudem müssen ein zusätzlicher Tank für die Harnstofflösung eingebaut sowie neue Leitungen verlegt werden. Danach müssen vermutlich neue Testzyklen gefahren und neue Abnahmeprotokolle für die behördliche Zulassung erstellt werden.

          Dies freilich sollte eigentlich mit überschaubarem Aufwand möglich sein, denn die Modelle mit Allradantrieb haben den SCR-Katalysator von Anfang an. Sie sind deshalb von dem Lieferstopp nicht betroffen, ebenso wenig Fahrzeuge mit Benzinmotor. Der kleinere Diesel mit 115 PS und Vorderradantrieb wird ebenfalls weiter gebaut, er liegt innerhalb der Grenzen. Die Erreichung der Grenzwerte hängt immer auch von der Motor-/Getriebekombination, dem Fahrzeuggewicht und anderen Faktoren ab.

          Gleichfalls nicht betroffen ist das der Bauart nach ähnliche und mit gleichen Motoren ausgestattete Modell Tiguan von Volkswagen, wie ein Sprecher in Wolfsburg auf Anfrage versichert. Der Tiguan sei mit dem entsprechenden Katalysator ausgerüstet und habe keine Schwierigkeiten mit den Abgasgrenzwerten. Die tschechische Schwestergesellschaft Skoda ist nach eigenen Angaben ebenfalls nicht betroffen. „Sowohl der aktuelle Yeti mit Euro 6-Diesel als auch das neue, größere Modell Kodiaq sind mit Ad-Blue-Technologie ausgestattet“, sagte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage. Der Verdacht, Skoda könne mit seinen Geländewagen beeinträchtigt sein, liegt nahe, denn der Seat Ateca wird in einem Werk von Skoda gemeinsam mit dem Yeti gebaut und nutzt gleiche Konzernkomponenten.

          Die Nachricht der neuen Schwierigkeiten fällt in eine Zeit, da sich die Aufdeckung des Abgasbetrugs jährt. Er betrifft Fahrzeuge älterer Generationen mit früher gültigen, großzügigeren Grenzwerten für die Schadstoffemissionen. Volkswagen muss 10,2 Millionen Dieselmotoren nachrüsten und ist dabei offenbar auf gutem Wege, denn es gibt nach dem Umbau weder in den VW-Werkstätten noch bei dem den Rückruf überwachenden Kraftfahrtbundesamt eine signifikante Anzahl von Beschwerden. Zum Umbau freigegeben sind bislang 5,6 Millionen Fahrzeuge, der Rückruf soll bis Jahresende alle betroffenen Fahrzeuge umfassen. Die Umrüstung wird sich freilich bis weit in das Jahr 2017 hineinziehen. Wie es unisono heißt, erfüllen die mittels eines Softwareupdate und des Einbau eines Luftleitgitters im Ansaugtrakt umgerüsteten Motoren die geforderten Grenzwerte und fallen hinterher weder durch unrunden Motorlauf noch durch Mehrverbrauch auf. Dies war von einigen Kunden befürchtet worden.

          Wieso sich Volkswagen angesichts des das Ansehen und die Kasse erheblich belastenden Abgasproblems wiederum für eine günstigere Lösung entschieden hat, deren Scheitern an den Grenzwerten in der Entwicklung offenbar erst in letzter Sekunde aufgefallen ist, vermag derzeit noch niemand sinnvoll zu begründen. Der Vorstandsvorsitzende Matthias Müller hatte wiederholt von neuer Offenheit, keinen faulen Kompromissen und null Toleranz gesprochen. Er hatte auch dazu aufgefordert, Mängel zu melden und versprochen, den Meldenden nicht zu bestrafen. Wie und wann die Fehlkonstruktion aufgefallen ist, darüber hüllen sich alle Beteiligten auch noch in Schweigen.

          Ab wann der Ateca in der nun gestoppten Konfiguration lieferbar ist, vermochte Seat am Mittwoch nicht zu sagen. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe am Mittwochabend blieben die Fragen zu Art und Umfang der Probleme sowie zur Form der Behebung von der spanischen Pressestelle unbeantwortet. Derweil locken einige Händler mit 1000 Euro Wechselprämie, wenn sich der Kunde zum Kauf eines Allradmodells entscheidet. Das hat zwar auch lange Lieferzeit, wird aber immerhin gebaut.

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