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Volkskrankheit Burnout : Die ausgebrannte Republik

Jeder dritte Berufstätige fühlt sich „stark erschöpft oder ausgebrannt“. Bild: dpa

Am schieren Volumen der Arbeit kann es kaum liegen, dass sich ein beachtlicher Teil der Erwerbstätigen ausgebrannt fühlt. Eine Personalpolitik, die den Beschäftigten solide Leitplanken vorgibt, ist ein wirksamer Schlüssel dazu, Burnout zu vermeiden.

          Manager trifft es, Sozialarbeiter, Fußballtrainer, Musiker oder Verwaltungsangestellte: Die Rede ist vom Burnout. Ausgebrannt zu sein, könnte zur Volkskrankheit des 21.Jahrhunderts werden. Der Begriff dominiert derzeit die Debatte über die deutsche Arbeitskultur. Dabei ist weder klar, wovon genau die Rede ist, denn es handelt sich nicht um ein klar definiertes anerkanntes Krankheitsbild. Noch ist das tatsächliche Ausmaß des Problems nicht bekannt, verlässliche Statistiken liegen nicht vor. Beruht der Anstieg der Krankschreibungen auf Grund psychischer Leiden ausschließlich auf verstärktem Aufkommen, oder spielt auch ein veränderter Umgang mit dem Thema durch sensibilisierte Ärzte und Patienten eine Rolle?

          Endzustand emotionaler Erschöpfung

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Noch bevor solche Fragen geklärt sind, scheint Volkes Urteil gefällt: Es müsse schnell etwas passieren, denn die Schäden für Wirtschaft und Gesellschaft seien enorm. Entsprechend tatendurstig zeigt sich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Sie hat für dieses Jahr „eine breit angelegte Kampagne“ angekündigt, um Arbeitsschutz „auch in seelischer Hinsicht“ voranzubringen. Neue Gesetze brauche es dazu aber nicht, versichert sie.

          Pionierarbeit auf dem Burnout-Gebiet leistete der New Yorker Psychoanalytiker Herbert Freudenberger. Er brachte Mitte der siebziger Jahre den Begriff in die Öffentlichkeit, als er am eigenen Beispiel beschrieb, wie die unentgeltliche, extrem harte und lange Arbeit in einer psychiatrischen Klinik ihn verrohten und von seinem Tun distanzierten. Hohe Belastung und fehlender Sinn sind zwei konstituierende Merkmale, wenn es um Burnout geht. Weil Burnout keine anerkannte Berufskrankheit ist, liegen aber keine einheitlichen Kriterien für eine Diagnose vor. Stress, Depressionen, Über- oder Unterforderung sind Begriffe, die regelmäßig in der Debatte auftauchen. Die Bundesanstalt für Arbeitsmedizin spricht von einem „Endzustand emotionaler Erschöpfung“, andere Erklärungen greifen auf die Physik zurück, indem sie Burnout beschreiben als System, dem dauerhaft mehr Energie entzogen als zugeführt wird.

          Jeder dritte Berufstätige fühlt sich stark erschöpft

          Obwohl nicht eindeutig ist, was gemeint ist, sehen sich viele als betroffen an. Das zeigen Umfragen. Demnach fühlt sich jeder dritte Berufstätige „stark erschöpft oder ausgebrannt“. Rund jeder sechste Erwerbstätige, der schätzt, dass er häufig an die Leistungsgrenze gehen muss, glaubt an Burnout zu leiden.

          Sind wir also ein überarbeitetes Volk? Die belastbaren Daten geben ein anderes Bild: Außer in den Niederlanden wird nirgendwo in Europa so viel in Teilzeit gearbeitet wie hierzulande, weshalb das Stundenvolumen im Durchschnitt relativ gering ist. Gerade erst haben die Deutschen in Sachen Wochenarbeitszeit und Überstunden das Niveau vor der großen Wirtschaftskrise wieder erreicht, das dank flächendeckender Kurzarbeit zwischenzeitlich stark gesunken war. Und wie passen 8 Millionen Erwachsene ins Bild, die laut Statistischem Bundesamt gerne mehr arbeiten würden?

          Ein Phänomen der Dienstleistungsgesellschaft

          Am schieren Volumen der Arbeit kann es kaum liegen, dass ein beachtlicher Teil der arbeitenden Bevölkerung die eigene Situation in derart düsteren Farben malt. Es muss vielmehr mit den Umständen zu tun haben, unter denen Menschen ihrer Arbeit nachgehen. Auffällig ist, dass einige Berufsgruppen besonders anfällig zu sein scheinen. Gesundheits- und Sozialberufe etwa, zudem Pädagogen - alles Berufe, in denen Menschen anderen helfen. Auch die so genannten Sandwich-Manager, die Druck von Vorgesetzten von oben und den Mitarbeitern von unten kriegen, fühlen sich oft wie das ärmste Würstchen. Die Tätigkeiten mögen noch so unterschiedlich sein, gemeinsam ist ihnen, dass sie zu Situationen führen können, in denen sich die Beschäftigten überfordert fühlen. Dazu kommt die Ohnmacht, an den Verhältnissen nichts ändern zu können. Ist etwa nach der soundsovielten Restrukturierung im Konzern der Sinn des eigenen Tuns nicht mehr erkennbar, gehen die Beschäftigten auf Distanz.

          Das könnte erklären, warum Beobachter den Burnout vor allem als Phänomen der Dienstleistungsgesellschaft beschreiben. Ist der Bandarbeiter trotz lediglich bedingt abwechslungsreicher Tätigkeit und oft im belastenden Schichtdienst letztlich resistenter, weil er weiß, dass das Auto ohne ihn nicht vom Hof rollen würde? Oder warum hört man nur so selten von Bauern mit Burnout, obwohl der Beruf des modernen Landwirtes die Belastungen von Manager, Selbständigem und Akkordarbeiter locker vereint?

          Gestaltungsspielraum für die Arbeit und auch eine gewisse Unzufriedenheit mit bestehenden Verhältnissen können wichtige Triebfedern sein, damit Beschäftige in ihrer Arbeit aufgehen und produktiv sind. Doch ist es kein Widerspruch, wenn Arbeitgeber und Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern klar formulieren, was sie von ihnen erwarten und was nicht. Der Autohersteller Volkswagen hat gerade den Firmenserver für Emails am Wochenende abgeschaltet und damit ein Zeichen gesetzt. Eine Personalpolitik, die den Beschäftigten solide Leitplanken vorgibt, indem sie Ziele, Mittel und Kompetenzen festlegt und diese auch verlässlich hochhält, ist ein wirksamer Schlüssel dazu, dass Menschen dauerhaft für ihre Arbeit brennen - und nicht dabei ausbrennen.

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