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Vinyl : Die schwarze Scheibe kehrt zurück

Schallplattenproduktion in Röbel Bild: picture-alliance / dpa

Auch im Zeitalter digitaler Speichermedien stirbt das Vinyl nicht aus. So trägt in Röbel museumsreife Schallplattenproduktion in einem hochmodernen Tonträgerwerk zum Überleben des Unternehmens bei.

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          „Leihgabe des Deutschen Technikmuseums“ steht auf dem Messingschild an der Maschine. Diese sieht in der Tat museumsreif aus: gebaut 1953 in Schweden. Aber sie funktioniert: Von Hand mit Kunststoffmischungen gefüttert, preßt das antike Stück Vinyl-Schallplatten. Und zwar nicht die normalen schwarzen Scheiben, sondern bunte. Es ist einer der wenigen noch existierenden Preßhalbautomaten, mit denen sogenannte Picture Discs gefertigt werden können. Das sind Schallplatten, die unter ihren transparenten Rillen das Bild eines Pop-Sternchens oder einer Rock-Gruppe tragen.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Immer mehr Musikfirmen wollen die farbigen Scheiben, deren akustische Qualität eher bescheiden ist, als Promotion- und Sammlerstücke vertreiben: „Die Nachfrage geht steil bergauf“, sagt Jörg Hahn. Er ist Geschäftsführer der Optimal Media Productions GmbH in Röbel (Mecklenburg-Vorpommern). Das Tochterunternehmen der Hamburger Edel Music AG zählt zu den größten Tonträgerproduzenten Europas - und zu der Handvoll Unternehmen, die überhaupt noch echte Vinyl-Schallplatten herstellen.

          „Audiophile Freaks, die auf Haptik schwören“

          Angelockt von Sonderabschreibungen und Subventionen, baute Optimal 1991 auf der grünen Wiese am Rande der Mecklenburgischen Seenplatte ein CD-Werk auf. Bis dahin hatte das Mutterhaus seine Musik in Lohnfertigung auf Tonträger bringen lassen. 1995 stieg Optimal zusätzlich in die Schallplattenproduktion ein - just in dem Moment, als sich große Musikkonzerne wie Sony und Universal von den Vinyl-Scheiben verabschiedeten. „Also übernahmen wir deren Ausrüstung und Aufträge“, erinnert sich Hahn. „Wir glaubten und glauben an das Medium Vinyl. Das ist eine sehr interessante und lukrative Nische.“

          Tatsächlich hat sich der Absatz von analogen Langspielplatten in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre auf knapp eine Million verdoppelt. Das ist zwar weniger als ein Prozent der insgesamt verkauften Musikmedien. Aber „ein enthusiastischer Freundeskreis aus DJs und Vinyl-Freaks hält dieses Segment aktiv“, heißt es beim Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft. Optimal-Chef Hahn charakterisiert die Käufer als „audiophile Freaks, die auf Haptik schwören“, Menschen also, die analog aufgezeichnete Musik als klanglich wärmer empfinden und viel lieber eine große Album-Hülle in der Hand halten als eine mickrige Plastikbox.

          18 Prozent mehr Abspielgeräte verkauft

          Auch die Entwicklung im Markt für Schallplattenspieler deutet darauf hin, daß die Vinylscheiben noch lange nicht dem Tod geweiht sind. Die Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (GFU) schätzt, daß 2005 rund 100.000 Abspielgeräte verkauft worden sind. Das wären 18 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Auch für das laufende Jahr rechnet die GFU mit einem steigenden Absatz. Daher sieht auch Hahn keinerlei Veranlassung, sich aus dieser Nische zurückzuziehen. Im Gegenteil: Er versucht, die Produktionsbasis zu verbreitern. Doch das ist nicht einfach. Denn weltweit gibt es kein Unternehmen mehr, das Schallplattenpreßautomaten baut.

          Ein extra angefertigtes Einzelstück zu bestellen wäre viel zu teuer. Also fahndet Hahn im In- und Ausland nach alten Geräten: „Wir kaufen die Maschinen überall, wo wir sie kriegen können.“ Eine der insgesamt zwölf Maschinen, die Optimal im Besitz hat, kommt aus einem Gemeinschaftsunternehmen in St. Petersburg, das einst der VEB Deutsche Schallplatte und das sowjetische Staatsunternehmen Melodica zur Schallplattenproduktion gebildet hatten. „Wir haben die Maschine quasi nach Hause geholt“, sagt Hahn. Eine andere wurde in einer finnischen Scheune wiederentdeckt und nach Röbel gebracht.

          Größter Umsatz mit digitalen Datenträgern

          Optimal stellt jährlich rund 4,5 Millionen Schallplatten her. Dies bringt einen Umsatz von 7 Millionen Euro. Das sind immerhin 10 Prozent des Gesamtumsatzes von zuletzt 70 Millionen Euro. Vor allem aber bringen die guten alten Vinyl-Scheiben dem Unternehmen eine, so Hahn, „ordentliche Rendite“. „Die Schallplattenproduktion hebt unsere Durchschnittsrendite“, sagt der Geschäftsführer, ohne konkrete Zahlen zu nennen.

          Den größten Teil des Umsatzes macht Optimal mit digitalen Datenträgern. Auf den hochmodernen Anlagen in Röbel, wo seit 1991 rund 95 Millionen Euro investiert wurden (davon kamen rund 20 Prozent via Investitionszuschüsse von der öffentlichen Hand), hat das Unternehmen im vergangenen Geschäftsjahr 130 Millionen CDs und DVDs gefertigt. Jede einzelne der hochautomatisierten Produktionsmaschinen, die sieben Tage in der Woche rund um die Uhr laufen, spuckt pro Tag 400.000 Musik-CDs aus. Zum Vergleich: Von den Vinyl-Schallplatten werden täglich rund 1.500 Stück produziert.

          Plattenverkauf trug zum Konzernüberschuß bei

          In der Massenproduktion digitaler Tonträger herrscht ein enormer Preiswettbewerb. Um die Margen dennoch zu sichern, bietet Optimal den Kunden ein Rundumsorglospaket an, das neben der Produktion von CD oder DVD auch den Druck von Cover und Booklet sowie den direkten Versand in die Verkaufsläden umfaßt.

          Das Konzept geht offenbar auf. Optimal ist jedenfalls die ertragsstärkste Einheit der Edel Music AG: Die ostdeutsche Tochtergesellschaft dürfte im Geschäftsjahr 2005/06 (30. September) mehr als 10 Millionen Euro nach Steuern verdient haben. Selbst nach Verrechnung konzerninterner Leistungen hat sie also ganz entscheidend zum Edel-Konzernüberschuß beigetragen, der nur bei 2,2 Millionen Euro lag. Edel-Vorstandschef Michael Haentjes weiß schon lange, was er an Optimal hat. Nach zügelloser Expansion und hohen Verlusten drohte Edel vor wenigen Jahren das Aus. „Aber Optimal hat uns gerettet. Wir wären zahlungsunfähig geworden, wenn wir nicht eine Firma mit einem so hohen Cash-flow gehabt hätten.“

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